Kanadisches Kino Die tägliche kleine Revolte

Hauptsache "Bigger than Life", das ist das Credo des Independent-Filmemachers Bruce McDonald, der mit seinem schrägen Pubertätsdrama "The Tracey Fragments" gerade durch Europa tourt - und für den radikalen Charme des kanadischen Kinos wirbt.

Von Birgit Glombitza


Nichts deprimiert Tracey Berkowitz so sehr wie glückliche Menschen. Tracey ist 15, sie redet nicht mit jedem und lässt ihren Pony gerne wie einen Vorhang über ihr blasses Gesicht fallen. Jeden Morgen geht sie geduckt an den Highschool-Prinzessinnen vorbei und hofft im Stillen, dass das Leben irgendwann seine Scheinwerfer auch einmal auf sie richten möge. "Dies ist die Geschichte eines Mädchens ohne Titten" beginnt sie ihr eingesprochenes Tagebuch. Ein Monolog heiligen Weltschmerzes und herrlich misanthroper Vorurteile, in dem Tracey sich selbst als unverstandene Virtuosin pubertärer Einsamkeit feiert. Im Hader mit dem eigenen Körper, der nie schön und groß genug wird für die eigene Sehnsucht.

Die Welt, die sie umgibt, ist manisch depressiv und zu fahrig, um ihr Prozac regelmäßig zu verabreichen. Ein Kosmos voller Untoter. Allen voran die eigenen Eltern. Der cholerische Vater, die lethargische Mutter. "Um sie vom Fernseher weg zu bekommen, müsste man operieren", fasst Tracey das Familienleben zusammen. Nur ihr kleiner Bruder Sonny, der sich entschlossen hat, den Rest seines Lebens als Hund zu verbringen und gelegentlich beim Abendessen dazwischen kläfft, liegt ihr am Herzen. Als er eines Tages verschwindet, macht sie sich auf die Suche und verliert sich in einer Odyssee durch die dunklen Randzonen der Stadt.

"The Tracy Fragments" ist eine Reise durch die zerklüfteten Gefühlslandschaften der Pubertät, durch eine Geschichte, die sich aus zahllosen Fragmenten vage zusammenpuzzelt. Der Film des Kanadiers Bruce McDonald tourt gerade mit dem Wanderfestival des Kanadischen Films "Maple Movies" durch Europa. Traceys zersplitterte Welt wird mit Multi-Frames bebildert, was in den ersten zehn Minuten recht kunstgewerblich und MTV-artig anmuten mag, dann aber zu einer schönen Selbstverständlichkeit findet.

Außerdem wirken die vielen kleinen Filmfenster den Überhöhungen der adoleszenten Leidensgeschichte mit ihrem demokratischem Nebeneinander aus Details entgegen: Das Wippen der biederen Pumps, die Tracey transsexuelle Psychiaterin trägt; eine uneindeutige Person, die dem Mädchen bei der Findung der eigenen sexuellen Identität nicht gerade sehr behilflich sein kann. Oder die Kelle mit dem faden mütterlichen Kartoffelbrei. Aufgeladene Kleinigkeiten, die sich in diesem höchst subjektiven Mosaik gegenseitig kommentieren.

"Wir wollten etwas riskieren"

Für Bruce McDonald, der seit seinen ersten Roadmovies "Roadkill" (1989) und "Highway 61" (1991) und seiner herrlich erstunken und erlogenen Punkbandlegende "Hard Core Logo" als Wildfang der kanadischen Independent-Szene gilt, hat das Ganze auch pragmatische Aspekte: "Das Skript war wirklich gut, aber nicht so, dass man dachte, heilige Scheiße, das ist ja sensationell. Die Geschichte selbst, ein Teenie in der Krise sucht seinen Bruder, ist ja schön, aber auch recht übersichtlich. Deswegen hat mich von Anfang an viel mehr dieser Vibe interessiert, die Auflösung, diese einstürzende Welt", sagt der 48-Jährige.

McDonald ist ein kräftiger Kerl mit rosigem Gesicht und jungenhaftem Schalk in den dunkel blitzenden Augen. Manchmal streift er sich mit dem Finger über die Krempe seines Cowboyhuts - und sieht dann ein bisschen so aus wie der fabelhafte Pan Tau, wenn er sich größer oder kleiner zaubert als er eigentlich ist. "Der andere Grund, Multi-Frames zu verwenden, war durchaus ein marktstrategischer", erklärt er. "All diese Festivalteams in Toronto, Sundance, Berlin müssen jedes Jahr Tausende von Filme sichten. Wir wollten einfach auffallen mit unserer kleinen Produktion. Und wir wollten etwas riskieren."

Darum geht es ihm immer. Und um die kleine tägliche Revolte. "Filme machen ist selbst schon so etwas wie eine kleine Rebellion. Ohne Studio im Nacken. Das ist ein bisschen wie: Die Eltern sind weg! Komm lass uns spielen!" Natürlich ist Koketterie dabei, wenn McDonald von der eigenen Szene als Schmuddelkinder-Ecke spricht. Und es frustriert ihn schon lange nicht mehr, dass es kaum noch eine Provokation gibt, die der Liberalismus der Mittelklasse nicht mit seinem weltumarmenden Verständnis absorbieren kann.

Schließlich kommt McDonald selbst aus diesem Milieu. Die Eltern waren Lehrer, ein Bruder, zwei Schwestern, der kleine Bruce genau in der Mitte. Er wuchs in Rexdale, einem Vorort von Toronto, auf - Mittelklassehäuser mit Vorgärten und Garage, Sportplätze, Shopping Malls. "Nicht unangenehm, aber sehr ruhig. Da ist wenig Ausschlag nach oben oder unten. Dann hört man zum ersten Mal Punkrock und denkt: 'Oh, wie verrückt muss doch das Leben da draußen sein. Da will ich hin!'", sagt er seufzend und hält verspielt die Handkante an die Brauen - zur besseren Fernsicht auf die eigene Utopie.

McDonald studiert Film, arbeitet sich vom Fahrer bis zum Kamera- und Produktionsassistenten durch die Credits nach oben und genießt in der Branche längst den Ruf eines erfolgreichen Selbstvermarkters mit exzellenten Sinn fürs Geschäft und einem großen Herzen für verarmte Musiker. Doch Bruce McDonald hat nicht nur neues Selbstbewusstsein in die Independent-Szene Kanadas getragen. Er hat auch ebenso witzig wie geistreich an der Kino-Mythologie eines Landes weitergesponnen, das sich, anders als sein Nachbar, die USA, über die eigenen Traumata und Hysterien sympathischerweise noch nicht immer im Klaren ist.

Ob es der hübsche, verwirrte junge Mann in "Roadkill" ist, der sich für eine Karriere als Serienkiller entscheidet. Oder Tracey sich in einem Fotoroman als Herzensdame an die Seite eines Punkdandys träumt, tatsächlich aber nur mit einem Duschvorhang bekleidet in einem Bus nach Hause fährt - Hauptsache es ist "Bigger than Life". "Wie alles in der Pubertät. Wie die Musik von Patti Smith, die Literatur von Camus, aber auch das eigene Verknalltsein, der eigene Weltschmerz", fasst McDonald sein Credo zusammen und zieht seine Jeans am Gürtel mit der Totenkopfschnalle ein Stückchen höher. "Ich leide, und das ist herrlich und erhaben."

Das ist die Pose der Pubertät. Und manchmal auch die des Punks. Wenn Punk also ein Mädchen wäre, dann muss es wohl Tracey Berkowitz heißen.


"The Tracey Fragments" lief in der Panorama-Sektion der 57. Berlinale im vergangenen Februar und soll im Herbst in den kanadischen Kinos anlaufen. Ein deutscher Starttermin ist noch nicht bekannt.



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