Merkel bei Kino-Vorführung: Amüsiert in Reihe fünf

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Kanzlerin in der Filmakademie: Merkels Film Fotos
REUTERS

Wenn die Kanzlerin über alte DDR-Zeiten plaudert, wird's lustig: Bei einer Kino-Vorführung in Berlin schwelgte Angela Merkel in Erinnerungen an Kohleöfen, Ost-Pop und ihre Nebentätigkeit als Bardame. Einen geschickten politischen Nebeneffekt hatte der Auftritt zudem.

In Heiner Carows Film "Die Legende von Paul und Paula" von 1973 gibt es, neben leidenschaftlichem Hemdzerreißen, mitreißenden Tränen und wunderbar beobachteter DDR-Realität samt Kaufhalle, Kohlenschleppen und Kirschlikör auch ein paar umwerfend komische Szenen.

Wenn Paul, gespielt von Winfried Glatzeder, den schlaksigen Körper gegenüber einer Schaustellertochter in Position bringt, die sich in sexy Schnürstiefeln vor der elterlichen Schießbude mopst, und stammelt, ob er mal mit dem schönen Fräulein ausgehen dürfte. Und wenn das schöne Fräulein daraufhin geheimnisvoll lächelt, und plötzlich, als Paul beglückt gehen will, aus ihrem eleganten Mund ein vulgäres: "Wat'n, wat'n, wann denn, bin ick Jesus?" spritzen lässt.

Da wurde im Berliner Kino Filmkunst 66 am Sonntagabend ganz schön gekichert. Besonders laut eventuell in Reihe fünf, die von ein paar Herren vom BKA gesäumt war. Denn dort, neben den Hauptdarstellern Glatzeder und Angelica Domröse und neben dem Regisseur Andreas Dresen, der das anschließende Gespräch moderierte, saßen die Bundeskanzlerin und ihr Gemahl.

In der Reihe "Mein Film", die von der Deutschen Filmakademie seit 2011 ausgerichtet wird, und bislang bereits mit Gästen wie Peer Steinbrück (sein Film: "Deer Hunter") oder Margot Käßmann (ihr Film: "Der Schatz im Silbersee") aufwartete, hatte Angela Merkel sich einen der besten DEFA-Filme aller Zeiten ausgesucht: "Paul und Paula" passt, und ist dabei auch noch über jeden Zweifel erhaben. Man stelle sich nur mal vor, sie hätte sich für "Batman hält die Welt in Atem" oder "Brautalarm" entschieden.

Man kann Frau Merkel, die auf der momentanen Wahlkampftour bereits mit der "Brigitte" über Männerattraktivität und Verlegenheitsgesten plauderte, aber natürlich jederzeit Stimmenfang durch fröhliches Menscheln vorwerfen. Oder schlichtweg Ablenkungsmanöver: Um Politik sollte es im Gespräch nach dem Film tatsächlich kaum gehen. Allein: Wenn es doch so unterhaltsam ist?! Denn lustig sind die Kanzlerinnen-Döneken allemal.

"60 Prozent Ostmusik, 40 Prozent Westmusik"

Wenn sie etwa auf Dresens gewohnt herzlich, unprätentiös und ehrlich wirkende Fragen nach ihren eigenen Partyerfahrungen in den frühen Siebzigern von den "60/40"-Discos erzählt, die sie als Physikstudentin organisierte, "also 60 Prozent Ostmusik, 40 Prozent Westmusik, nicht das Verhältnis von Alkohol zu Wasser", und wo man die Ostmusik "immer nur kurz anspielte, denn das war die Vorschrift, und dann gleich die Westmusik ausspielte". Was man gern gehört habe, fragt Dresen. "Beatles, Stones, Je t'aime", sagt die Kanzlerin, auch Biermann sei ab und an auf ihren Tonbändern aufgetaucht. Und dass sie zwar nicht selbst als DJ mitgemacht habe, aber immerhin Bardame gewesen sei, auf das Johlen des Publikums fügt sie souverän hinzu: "Das ist doch schon bekannt!".

Was sie damals an Kleidung getragen habe, will Dresen wissen: "Hatten Sie Jeans?" "Ja klar", sagt Merkel, und erzählt von den Westpaketen, die von der jüngeren Tante immer ein bisschen wünschenswerter gewesen seien als von der Oma.

Aber dann geht es doch ein wenig ums Gesellschaftliche und damit Politische, das in Carows Film nach dem hervorragenden Drehbuch von Ulrich Plenzdorf gleichzeitig beiläufig und extrem detailgetreu eingearbeitet wurde: Denn neben der Liebesgeschichte hätte ihr die Darstellung der Ost-Konsum-Welt gut gefallen, erklärt Merkel, diese ganzen kleinen Beobachtungen, vom frühen Flaschenrecycling über die Hausabrisspolitik bis hin zum blöden Kohleschleppen.

"Weit hast du's ja noch nicht gebracht"

Mit 30, erzählt sie, habe sie in einer kleinen Bude mit Kohleofen gehaust, und ihr Vater, der sie zu ihrem Geburtstag besuchte, habe als erstes, noch vor der Gratulation, geschockt von dieser Situation geschnappt: "Weit hast du's ja noch nicht gebracht". Mag sein, dass alle diese Anekdötchen und Geschichtchen extra für den Termin herausgekramt und auf Anrühr- und Amüsierfaktor durchgecheckt worden sind. Weniger vergnüglich macht es sie nicht.

Als dann ein "Bild"-Zeitungs-Kollege eine Frage zu einem soeben erschienenen Buch anbringt, in dem stehe, dass Merkel sehr wohl - entgegen ihrer Angaben - Anfang der achtziger Jahre als FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda gewirkt habe, will das keiner so richtig hören. Obwohl es selbstredend wichtig ist. Aber man hat sich bei dem Versuch, eine Politikerin privat und über ihre Erlebnisse und Vorlieben zu verstehen, eben darauf eingelassen, jenen Politikkladderadatsch zu ignorieren, um ein wenig davon mitzubekommen, was die Frau sonst noch umtreibt.

Dass dennoch nicht nach Sympathie gewählt wird, ist allen 150 Besuchern der Veranstaltung klar. Da unterscheiden sich Politiker nicht von den vielen anwesenden Schauspielern, sei es Glatzeder, der nach der Vorführung mit Tränen in den Augen seinen Applaus entgegen nimmt, die nicht minder gerührte Angelica Domröse, Iris Berben, oder Katharina Thalbach: Das eine ist der Job, das andere die Person. Man kann das Eine oder Andere mögen oder ablehnen. Verwechseln darf man es nicht.

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