Beziehungsdrama "Kater" Vertreibung aus dem schwulen Paradies

In seinem außergewöhnlichen Beziehungsfilm "Kater" führt der Tiroler Händl Klaus uns in die Idylle eines schwulen Bildungsbürgerpaares - und öffnet dann dem Geist des Perversen Tür und Tor.

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Von Jan Künemund


Ein behagliches Schnurren begleitet den Alltag des schwulen Paars Stefan und Andreas, die es sich mit ihrem Kater Moses in einem verwunschenen Haus außerhalb von Wien gemütlich gemacht haben. Neben dem Bett teilen sie auch den Arbeitsplatz (ein Orchester) und den Freundeskreis (die OrchestermusikerInnen); ein Leben im weichen Piano, das Hornist Stefan bei seinen Musikschülern anmahnt, die zu ihm und Andreas in die bürgerliche Idylle kommen: Altbau, ein verwunschener Garten darum herum, mit eigenen Johannisbeeren, denen die beiden Männer beim Einkochen durch Zugabe von Himbeeren ein wenig die Säure nehmen.

Überhaupt wird viel gekocht bei den beiden, "mit Liebe" natürlich, die Nachbarn fragen nach Rezepten, die Freunde freuen sich über raffinierte Gemüselasagnen nach anstrengenden Ravel-Proben. Beim Essen sitzen sie auf Stuhlkissen, die eine Katzen- und eine weniger haarige Menschenseite haben. Moses, der Kater, ist im Haushalt mindestens gleichberechtigt, er gähnt und streckt sich zwischen den nackten Männern, die gerade zum Sex von Ravel auf Jazz umsteigen, auch dabei schnurrt alles, bis zum abschließenden "Ich liebe dich".

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"Kater": Idyllischer Männer- und Katzenhaushalt

Bis hierher könnte "Kater", der zweite Spielfilm des Tiroler Autors und Regisseurs Händl Klaus, wie eine Satire auf bürgerliche schwule Lebensmodelle gelesen werden. Aber ein derart distanzierter Blick auf seine von Lukas Turtur und Philipp Hochmair so liebevoll und vertraut gespielten Helden liegt ihm gänzlich fern. Kein Stück weit macht sich der Film über den idyllischen Männer- und Katzenhaushalt lustig.

Dass es sich um einen Beziehungsfilm mit zwei Männern handelt, ist wichtig. Händl Klaus' präziser und vor allem neugieriger Blick interessiert sich gerade für den schwulen Alltag, er gibt ihm in der ersten Hälfte die ganze Weite des CinemaScope-Bildes, in dem allenfalls eine Katze hin und wieder die beiden schönen Männerkörper trennt. Diese sind, eine von vielen Paradies-Anspielungen, in der Wohnung meistens nackt, ohne dass das ausgestellt wäre, und beim Sex sehen wir Erektionen, weil sich der Film für das genaue Hinsehen entschieden hat, nicht für Behauptungen.

Und dann ein Wendepunkt

Wir kennen diese präzisen Alltagsbeobachtungen von schwulen Beziehungen aus den Filmen von Andrew Haigh oder Ira Sachs, dem sogenannten New Wave Queer Cinema, das Händl Klaus sehr mag, wie er anlässlich der Berlinale-Uraufführung von "Kater" erzählt hat. Das tatsächlich zu zeigen, was viele nur als bekannt voraussetzen (ja, so was gibt es auch), ist ein politischer Ansatz. Ein rechtspopulistischer Autor, der es auch sehr mit Katzen hat, würde darin wohl wieder Belege für die "große Verschwulung" unserer Zeit finden. Das Private ist eben doch politisch.

"Kater"

    Deutschland 2016

    Drehbuch und Regie: Händl Klaus

    Darsteller: Lukas Turtur, Philipp Hochmair, Toni

    Produktion: Coop99 Filmproduktion

    Verleih: Missingfilms

    Länge: 114 Minuten

    Start: 24. November 2016

Tatsächlich gibt es einen Wendepunkt, ein heftiges Sforzando im weichen Piano, das den Film quasi in zwei schneidet. Ohne die unglaubliche Kino-Erfahrung dieses Moments zu sabotieren, kann man verraten, dass sich ein Akt häuslicher Gewalt ereignet. Und nichts in den ersten 40 Minuten dieses Films hat ihn vorbereitet, noch nicht mal das launige Nachsingen von Hansi Dujmics Achtziger-Hit "Ausgeliefert" auf einer Party im Haus von Andreas und Stefan: "I bin da ausgeliefert, jede Nocht - und nur wo du bist, bin i z'Haus." Und auch nicht die tote Schlange, die der Kater eines Tages ins Haus bringt und damit eine mögliche Vertreibung aus dem Paradies andeutet.

Was denkt und treibt so ein Kater, wenn er sich durchs Gebüsch der Vorortsiedlung schleicht? Und was denkt und treibt der Mensch, den man liebt? "Wer bist du?", diese Frage, die Andreas Stefan stellt, steht als Ungeheuerlichkeit plötzlich im bürgerlichen Dekor, und kein Hausmittel hilft dagegen, kein Couscous mit eigenen Zwetschgen, kein Schubert, nicht der Geruch des Geliebten und nicht der Anblick seines nackten Körpers.

Im Video: Der Trailer zu "Kater"

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Der Film, und das ist das Überraschende und Tolle, behält seinen zärtlichen Blick auf die häuslichen Szenen seines Paars bei. Ihn interessiert, wie die beiden Männer, wie ihre Körper mit der Krise umgehen. Gleichzeitig zieht er leise Dissonanzen aus dem Horrorfilm-Repertoire ein, die den hilflosen Versuchen der beiden, ihre Verunsicherungen aufzulösen und den Beziehungsschönklang wieder herzustellen, seltsam vergeblich erscheinen lassen. Das Haus, das bislang nur eine rahmende Geborgenheit für die Körper herstellte, lässt diese nun hinter Treppen, Türsprüngen und verschlossenen Räumen füreinander unsichtbar werden. Der Garten wird zum Unfallort. Die Berührungen kitzeln. Der Sex findet allein und abgewandt von der Kamera statt. Katzen schreien in der Nacht.

In der berühmten Geschichte "Der schwarze Kater" von Edgar Allan Poe wird ein Menschen- und Tierfreund plötzlich zum psychotischen Mörder, einfach weil er dem "Geist der Perversheit" nachgeht, eine verbotene Tat zu begehen. Und je mehr uns der Film Szenen zeigt wie die, in der die Nachbarn fragen, wie denn der Mürbeteig so ganz ohne Ei gelungen sei, sehen wir diesen Geist durch die Katzenluke kriechen.

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