Kaurismäki "Ich wollte immer in die weite Welt hinaus"

Der finnische Regisseur Mika Kaurismäki räumt im Interview mit SPIEGEL ONLINE mit dem Mythos Hollywood auf und erzählt, warum sein neuer Film "L.A. Without A Map" kein amerikanischer Film ist.

Von Andreas Kötter


Zum zweiten Mal nach dem Gefängnisdrama "Condition Red" hat Mika Kaurismäki einen Film in den USA gedreht. Dabei hat der Finne auf Geld aus Hollywood verzichtet, um einen europäischen Blick auf die Glitzermetropole zu werfen.

SPIEGEL ONLINE: Ist "L.A. Without A Map" genauso düster wie "Condition Red"?

Kaurismäki: "L.A. Without A Map" ist ein optimistischer Film mit viel Humor. Er erzählt, wie auch mein nächster Streifen, "Highway Society", eine "Boy meets Girl"-Geschichte. Ausgangspunkt ist die erste Begegnung zwischen dem Jungen und dem Mädchen, also so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie auf den Roman gestoßen, der dem Film zugrunde liegt?

Kaurismäki: Ich habe das Buch sofort gelesen, als es 1988 erschienen ist. Die Rechte waren aber bis 1995 vergeben, so dass ich sehr lange warten musste.

SPIEGEL ONLINE: Bei "L.A. Without A Map" hatten Sie offensichtlich auch eine Auseinandersetzung mit Hollywood im Sinn.

Kaurismäki: Das stimmt. Egal, wo man sich auf dieser Welt befindet, der Mythos von Los Angeles und Hollywood dominiert unser Leben doch beträchtlich. Mit diesem magischen Ort verbindet mich eine Art Hassliebe und ich wollte schon immer einmal vor Ort einen Film über diese Stadt drehen.

SPIEGEL ONLINE: War Hauptdarsteller David Tennant tatsächlich bei den Dreharbeiten das erste Mal in L.A.?

Kaurismäki: Dieser Aspekt hat bei der Besetzung eine Rolle gespielt. Ich habe darauf geachtet, dass er erst eine Woche vor Drehstart in L. A. angekommen ist. Grundsätzlich habe ich bei der Auswahl der Darsteller und der Crew auf viele Europäer zurückgegriffen, die naturgemäß eine andere Sicht der Dinge haben, als Menschen, die schon lange in dieser Stadt wohnen. Es wäre möglich gewesen, den Film mit amerikanischem Geld und damit natürlich mit einem größeren Budget zu machen. Dann aber wäre es ein völlig anderer Film geworden und nichts wäre von dem Kulturschock, den Richard erleiden muss, übrig geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Eindruck von L.A.?

Kaurismäki: Das muss etwa Mitte der 80er Jahre gewesen sein. Als ich wenig später das Buch las, sah ich alle meine Erfahrungen bestätigt. Ich erinnere mich, dass ich zu Fuß unterwegs war und von der Polizei angehalten wurde. Die konnten sich überhaupt nicht vorstellen, dass jemand freiwillig zu Fuß geht. Ohne Auto ist man dort kein vollwertiger Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Richard und Barbara machen sich im Film auf den Weg nach Las Vegas, um dort zu heiraten. Sie haben das während der Dreharbeiten ebenfalls gemacht.

Kaurismäki: Wir haben die Situation genutzt, billig heiraten zu können. Geplant war das nicht, es passte aber ganz gut in unser Low-Budget-Konzept. Das ganze Team hat dann mit uns gefeiert.

SPIEGEL ONLINE: Die erste Liebesszene zwischen Richard und Barbara überblenden Sie mit den Wasser- und Feuerfontänen vor dem "Mirage"-Hotel. Warum diese Zurückhaltung?

Kaurismäki: Dieser Weg, die körperliche Liebe darzustellen, ist eigentlich geradezu klassisch. Es wimmelt in der Filmgeschichte an Beispielen dafür, wie man den Geschlechtsakt ausdrücken kann, ohne unbedingt zwei nackte Körper zeigen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Der Film enthält viele Anleihen, beispielsweise an Hitchcocks "Der unsichtbare Dritte", wenn Richard träumt, sein Nebenbuhler Patterson würde ihn von den Hollywood-Buchstaben stürzen.

Kaurismäki: Das ist Absicht. Nehmen Sie nur den Auftritt von Anouk Aimée, die ihrer eigenen Retrospektive beiwohnt. Oder das "Dead Man"-Plakat, von dem aus Johnny Depp Richard immer wieder Ratschläge gibt, wenn er nicht mehr weiter weiß.

SPIEGEL ONLINE: "Condition Red" hat man als Würdigung des amerikanischen Gangsterfilms der dreißiger und vierziger Jahre bezeichnet. Ist "L.A. Without A Map" nun eine Hommage an die gesellschaftskritischen Komödien der 30er, etwa die eines Preston Sturges?

Kaurismäki: Meine Liebe gehört für immer dem klassischen Kino. Durch das Filmegucken habe ich Filmemachen erst gelernt. Ich liebe Werke wie "Sullivan's Travels" von Sturges; dennoch glaube ich, dass ich bei "L.A. Without A Map" noch eher an die großen Komödien von Ernst Lubitsch gedacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Film dem Regisseur Samuel Fuller gewidmet?

Kaurismäki: Ich hatte für ihn extra eine Szene geschrieben, leider ist er kurz vor den Dreharbeiten gestorben. Ich sehe mich in seiner Tradition als unabhängiger Filmemacher, der seinen eigenen und schwierigen Weg gegangen ist. Er hat sich auf sehr konsequente Weise dem Studiosystem widersetzen können und nie die Hoffnung aufgegeben, seine Projekte verwirklichen zu können.

SPIEGEL ONLINE: Während Ihr Bruder Aki noch immer sehr häufig in Finnland dreht, scheinen Sie sich von Ihrer Heimat gelöst zu haben?

Kaurismäki: Ich habe mittlerweile seit zehn Jahren nicht mehr in Finnland gedreht und sehe mich auch nicht als finnischer Filmemacher. Ich wollte immer in die weite Welt hinaus. Ich will internationale Filme machen, von mir aus sogar in Deutschland.



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