Kaurismäki und Foster in Cannes: Ach du lieber Biber

Aus Cannes berichtet Lars-Olav Beier

Gute Laune an der Croisette, den Optimisten Aki Kaurismäki und Jodie Foster sei's gedankt. In ihren neuen Filmen ist das Schicksal gerecht und das Gute im Menschen stark - selbst wenn der Mensch von Hollywood-Hassfigur Mel Gibson gespielt wird, der auch noch von einer Biber-Handpuppe besessen ist!

Zirkusplakate hängen an einer Wand, vor der zwei Schuhputzer auf Kundschaft warten: So fängt Aki Kaurismäkis neuer Film "Le Havre" an, der am Dienstag im Wettbewerb um die Goldene Palme von Cannes läuft. Diese Einstellung wirkt wie das ästhetische Programm von Kaurismäkis Kunst, denn der finnische Regisseur ist ein großer Zauberkünstler des Kinos: Egal, welches noch so trostlose oder traurige Thema er auch anpackt - ob er von afrikanischen Migranten in Schiffscontainern erzählt oder von einer herzensguten Frau auf dem Sterbebett - er verwandelt es am Ende in einen aufbauenden Film.

Wenn Kaurismäki also einen Film über Schuhputzer macht, heißt das für ihn: Er begibt sich auf den harten Boden der Tatsachen, dorthin, wo sich der Schmutz absetzt, um Glanz zu erzeugen. Kaurismäki ist der lakonische Eskapist des Autorenfilms, man sieht ihn immer wieder gern hier in Cannes, auch wenn man seine Tricks inzwischen durchschaut hat: wie er auf die schlimmstmögliche Wendung seiner Geschichte zusteuert und dann die bestmögliche nimmt. Er ist der finnische Sonnenschein von Cannes, man kann sich darauf verlassen, dass er jede Tristesse vertreibt.

Bei der Pressevorführung wurde laut gejubelt, doch wenn "Le Havre" eines Tages ins Kino kommt und dort seinen Alltagstest bestehen muss, werden sich die Zuschauer vielleicht doch etwas an der Willkür stoßen, mit der Kaurismäki der von Kati Outinen gespielten Todkranken eine Wunderheilung zuteil werden lässt. Sie werden sich vielleicht auch fragen, was es bringt, wenn Kaurismäki durch Kostüme und Ausstattung ständig auf die Filme Jean-Pierre Melvilles verweist, und warum man bei ihm die Uhr danach stellen kann, dass irgendwann der Auftritt einer Band die Handlung unterbricht.

In Cannes spürt man in diesem Jahr besonders stark, dass Autorenfilmer wie Kaurismäki oder die Dardenne-Brüder eigene Labels bilden, dass sie Zuschauererwartungen wecken und bedienen. Das Festival ist eine Messe des Autorenfilms, eine heilige Messe, würde Festival-Präsident Gilles Jacob sagen. Vielleicht stimmt das, aber auf jeden Fall ist es eine höchst säkulare Verkaufsmesse. Die so oft behauptete Kluft zu Popcorn-Blockbustern wie "Pirates of the Caribbean 4" ist gar nicht so groß.

Das Autoren-Franchise

Von Film zu Film tauchen bei den Autoren-Franchises immer wieder dieselben Darsteller auf, die Geschichten spielen vor ähnlichem Hintergrund, bei den Dardennes immer in der Gegend um Lüttich, bei Kaurismäki auf einem Hafengelände wie schon "Der Mann ohne Vergangenheit". Die Werke der beiden Belgier drehen sich seit Jahren fast zwanghaft um die Frage, was Menschen für Geld alles tun, und Kaurismäki greift gerne in den Stabilbaukasten bewährter Szenen und komischer Situationen.

Man kann diese Wiederholungen derselben Motive und Strukturen natürlich einfach "Stil" nennen. Man kann aber auch erwidern: Im Western tragen die Bösen ja auch keine schwarzen Hüte mehr. Nachdem auch Terrence Malick in "The Tree of Life" um die gleichen Themen kreiste, die ihn schon vor über 30 Jahren beschäftigten, wird sich in den kommenden Tagen zeigen, ob Lars von Trier oder Pedro Almodóvar, die ja beide eher unberechenbar sind, für etwas Überraschung sorgen können.

Weil sich Hollywood beim Frohsinn nur ungern vom europäischen Kunstfilm überholen lässt, machte Jodie Foster in "The Beaver", der nach seiner Cannes-Premiere in dieser Woche in die deutschen Kinos kommt, aus der Geschichte eines schwer depressiven Mannes ein verblüffend optimistisches Erbauungsdrama. Mel Gibson spielt darin den selbstmordgefährdeten Manager Walter Black, der eines Tages eine Biber-Handpuppe aus Stoff findet und anfängt, durch diese mit der Außenwelt zu sprechen.

Walter spaltet den destruktiven Teil seiner Persönlichkeit ab, doch plötzlich ergreift der Biber mehr und mehr von ihm Besitz. Schließlich weiß Walter sich nur noch zu helfen, indem er mit einer Stichsäge seinen Arm abtrennt. Was ist daran also optimistisch? Dazu muss man sagen, dass Mel Gibson schon immer einen Hang zur Selbstzerstörung hatte, dass er sich in Filmen wie "Zwei tödliche Profis" oder "Braveheart" übel foltern ließ und doch feixend durch die Handlung lief. Wenn Mel also in einem Film einen Arm einbüßt, heißt das noch lange nicht, dass dies die Stimmung irgendwie trüben muss.

Gibson, der nach seinen gewalttätigen und antisemitischen Ausfällen zu Hollywoods Unperson Nummer eins wurde, spielt vielleicht auch deshalb in "The Beaver" so, als wäre dies seine letzte Chance. Er und Foster nehmen die Geschichte zwar ernst, entdecken mit einem feinem Gespür für die richtige Balance aber auch immer wieder höchst skurrile Momente. Und wenn Walter am Ende langsam wieder ins normale Leben zurückfindet, sagt der Film eben ganz pragmatisch: Lieber Arm halb als arm dran.

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Celestine Trueheart 17.05.2011
Zitat von sysopGute*Laune*an der Croisette, den Optimisten Aki Kaurismäki und Jodie Foster sei's gedankt. In ihren neuen Filmen ist das Schicksal gerecht und das Gute im Menschen stark - selbst wenn der Mensch von Hollywood-Hassfigur Mel Gibson gespielt wird, der auch noch von einer Biber-Handpuppe besessen ist! http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763041,00.html
Wieder einmal Kommentare über einen Künstler, mit welchen ich nichts anfangen kann, diesmal über den finnischen Regisseur Aki Kaurismäki. Es gibt nichts "Komödiantisches" in den meisten Filmen von Kaurismäki, höchstens Tragikomisches. Man lacht manchmal, ja, das stimmt schon, aber meistens mit dem unendlich traurigen Unterton des Grotesken, Erbärmlichen und Skurrilen ... Ich kenne auch kaum "aufbauende" Kaurismäki-Filme. Die meisten fangen hoffnungslos an und enden ebenso hoffnungslos, meistens noch hoffnungsloser - höchstens mit einem Hoffnungsschimmer, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Filme sind trist, melancholisch, unendlich traurig ... Hat der Kommentator den Film "Das Mädchen aus der Streichholzfabrik" z.B. nicht gesehen? Wenn ich das lese, habe ich das Gefühl, er redet von einem anderen Künstler: ---Zitat--- Wenn Kaurismäki also einen Film über Schuhputzer macht, heißt das für ihn: Er begibt sich auf den harten Boden der Tatsachen, dorthin, wo sich der Schmutz absetzt, um Glanz zu erzeugen. [...] auch wenn man seine Tricks inzwischen durchschaut hat: wie er auf die schlimmstmögliche Wendung seiner Geschichte zusteuert und dann die bestmögliche nimmt. Er ist der finnische Sonnenschein von Cannes, man kann sich darauf verlassen, dass er jede Tristesse vertreibt. ---Zitatende--- Kaurismäki zeigt vor allem die Schattenzeiten der finnischen Gesellschaft - dafür mögen ihn manche Vertreter des neuen Hightech-Finnland der Nokia-Boys gar nicht gerne, habe ich mir sagen lassen, weil sie denken, dass Kaurismäki das positive Image von Finnland im Ausland beflecken würde. Vielleicht ist der neue Film völlig anders als die bisherigen, sozusagen aus der Art geschlagen. Das kann ich nicht beurteilen, doch bezogen auf seine Filmkunst im Allgemeinen passen die Kommentare überhaupt nicht, es sei denn, der Autor hätte bisher nur "Leningrad Cowboys" gesehen.
2. wieso?
deepocean 17.05.2011
Zitat von sysopGute*Laune*an der Croisette, den Optimisten Aki Kaurismäki und Jodie Foster sei's gedankt. In ihren neuen Filmen ist das Schicksal gerecht und das Gute im Menschen stark - selbst wenn der Mensch von Hollywood-Hassfigur Mel Gibson gespielt wird, der auch noch von einer Biber-Handpuppe besessen ist! http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763041,00.html
wieso soll man über einen artikel, bzw. "rezensionen" diskutieren ohne auch nur einen der filme gesehen zu haben? erschliesst sich mir nicht; warum mel gibson als hassfigur nummer eins bezeichnet wird (ja seine verfehlungen sind klar und nein, die zu diskutieren lohnt an dieser(!) stelle nicht) scheint mir auch eher erzwungen und dürfte kaum im zusammenhang mit seiner schauspielerischen leistung stehen (und darum geht es doch beim film, oder?)... es sei denn man erzwingt einen zusammenhang (dass hollywood schauspieler, oder menschen, die im beruflichen leben alles erreicht haben, bzw. die für geld schon lange nicht mehr arbeiten müssen sich zuweilen schneller von der wirklichkeit entkoppeln ist kaum überraschend und kein einzelfall; wobei auch so eine ferndiagnose ist eigentlich unsinnig..); also von daher ... einen schönen abend noch ...
3. Spielverderber!
sobomatic 17.05.2011
Die todkranke Frau im neuen Kaurismäki wird wundersam geheilt? Auch "Beaver" geht gut aus? Nicht schön, so zu spoilern. Ärgert mich! Und: "Die so oft behauptete Kluft zu Popcorn-Blockbustern wie "Pirates of the Caribbean 4" ist gar nicht so groß." Bis auf ein paar hundert Millionen Dollar, sicher... Interessante These, von "Autoren-Franchise" zu sprechen. Wieso gibt es aber nur einen einzigen Franchise-Nehmer im Falle Kaurismäki - der auch noch eine Personalunion bildet mit dem Franchise-Geber?
4. Spoiler
Dr. Oc 17.05.2011
Wie in aller Welt kommt der Autor dazu, sämtlichen filminteressierten Spiegel-Lesern die wahrscheinlich dramatischste Szene bzw. den Ausgang des neuen Mel Gibson-Films vor dessen Kinostart zu verraten? Ist ihm der Ausdruck "Spoiler" ein Begriff und kann er sich vorstellen, warum Spoiler extrem unbeliebt sind und selbst von Teenagern in Filmforen vermieden bzw. vorher angekündigt werden? Ich finde, das ist eine Unverschämtheit und journalistisch ganz, ganz schwach. Es gibt wohl kaum etwas, das man beim Schreiben über Filme schlechter machen kann als den künftigen Zuschauern einen Teil der Spannung und damit des Vergnügens zu rauben. Und dafür wird man bezahlt und bekommt gar noch eine Reise nach Cannes spendiert? An den Chef des Autors: Schicken Sie mir eine Email, ich kann das besser!
5. eitler
dieterwoll 18.05.2011
Zitat von sysopGute*Laune*an der Croisette, den Optimisten Aki Kaurismäki und Jodie Foster sei's gedankt. In ihren neuen Filmen ist das Schicksal gerecht und das Gute im Menschen stark - selbst wenn der Mensch von Hollywood-Hassfigur Mel Gibson gespielt wird, der auch noch von einer Biber-Handpuppe besessen ist! http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,763041,00.html
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