Kaurismäkis "Mann ohne Vergangenheit" Ein Traum von Solidarität und Nächstenliebe

In "Der Mann ohne Vergangenheit" erzählt Aki Kaurismäki die Geschichte einer neuen Menschwerdung in den Slums von Helsinki. Der finnische Regisseur demonstriert in unnachahmlich lakonischer Manier, dass Heilsarmisten verkappte Rockstars und Hunde die besseren Menschen sind.

Von Marc Hairapetian




Markku Peltola als namenloser "Mann ohne Vergangenheit": Finnischer Robert Mitchum
DDP

Markku Peltola als namenloser "Mann ohne Vergangenheit": Finnischer Robert Mitchum

Als Anfang 1994 eine Gruppe von Grundschülern im Auftrag der finnischen Tageszeitung "Helsingin Sanomat" ausgewählten Personen der Öffentlichkeit einen Fragenkatalog zukommen ließ, versuchten sich die meisten Prominenten möglichst witzig zu geben. Regisseur Aki Kaurismäki nahm die kindliche Wahrnehmung jedoch vollkommen ernst und antwortete auf die Frage "Was ist der Sinn des Lebens?": "Er besteht darin, einen persönlichen Moralkodex zu entwickeln, der die Natur und den Menschen respektiert, und schließlich - ihn zu leben."

Diese Maxime zieht sich seit nunmehr 20 Jahren wie ein roter Faden durch das Werk des trink- und feierfreudigen Cineasten, dem eine geistig-seelische Verwandtschaft zu Tati und Chaplin unterstellt wird. Bei allem Gespür für Humor, der allerdings deutlich lakonischer ausgeprägt ist als bei seinen heißgeliebten Vorbildern, verliert der "Schutzpatron der Hoffnungslosen" ("Süddeutsche Zeitung") nie die Beibehaltung der Würde seiner Protagonisten aus den Augen.

Nach einer vierjährigen Schaffenspause konnte Kaurismäki in diesem Jahr gleich zwei Filme fertig stellen: den Kurzstreifen "Dogs Have No Hell" (eine Episode des "Ten Minutes Older"-Projekts) und die mehrfach prämierte Tragikomödie "Der Mann ohne Vergangenheit". Vier Jahre nach "Juha", dem letzten schwarzweißen Stummfilm des 20. Jahrhunderts, hat der neue Kaurismäki alles, was auch seine vorherige Arbeit auszeichnete: Stilwillen, Situationskomik, poetische Imagination, stimmungsvolle Musik und Menschlichkeit jenseits von Sentimentalität. Hinzu gekommen sind diesmal satte Technicolor-Bilder und relativ viele, freilich unaufgeregte Dialoge.

Prämiert in Cannes: Kati Outinen als Heilsarmistin Irma (l.)
Pandora Film

Prämiert in Cannes: Kati Outinen als Heilsarmistin Irma (l.)

Ein Mann wird nach einem Raubüberfall von drei rechtsradikalen Jugendlichen schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort erklären ihn die Ärzte bald darauf für tot. Doch als diese das Zimmer verlassen, erwacht er aus der Bewusstlosigkeit und reißt sich die Verbände vom Leib wie einst Frankensteins Monster oder die Mumie aus den Hammer-Horrorfilmen. Als coole Kreuzung zwischen Obdachlosem und Odysseus wandelt er erinnerungslos durch die seltsam leeren Straßen Helsinkis bis er in einem ausrangierten Müllcontainer am Flussufer ein bescheidenes Domizil findet. Die Einsamkeit vertreibt ihm die anhängliche Hündin Hannibal, die der Schrottplatzwärter Anttila (Sakari Kuosmanen) bis zur Zahlung der ersten Miete als "Bewachung" angesetzt hat. Versorgt mit Kleidern von der Heilsarmee kehrt der Gedächtnislose schließlich mit Hartnäckigkeit und Einfallsgabe ins Leben zurück, allerdings ohne zu wissen, wer er eigentlich ist und woher er stammt.

Mit der schüchternen Heilsarmistin Irma (Kati Outinen) knüpft er zarte Liebesbande. Nachdem sich die Jobvermittlung von dem Mann ohne Personalausweis und Sozialversicherungsnummer verschaukelt fühlt, stellt er sich neuen, ehrbaren Aufgaben der Geldbeschaffung. Sein Faible für Rock'n'Roll bringt ihn auf die Idee, das stilistische Spektrum der betulichen Heilsarmee-Musikkapelle umzukrempeln. Bei einem Streifzug durch das Hafengelände beobachtet der Quasi-Manager Arbeiter beim Schweißen. Spaßeshalber lassen sie ihn selbst Hand an das Gerät legen und zur Verblüffung der Männer entpuppt er sich als Meister des Fachs.

Filmszene mit Markku Peltola (l.) und Juhani Niemelore: Der Traum von Solidarität und Nächstenliebe
AP

Filmszene mit Markku Peltola (l.) und Juhani Niemelore: Der Traum von Solidarität und Nächstenliebe

Sofort erhält er ein Jobangebot, doch für die Lohnüberweisung braucht er zumindest ein Nummernkonto. Als er dies bei der Bank eröffnen will, überfällt ein unmaskierter älterer Herr das Institut. Der bewaffnete Geschäftsmann besteht auf Auszahlung der Summe seines eingefrorenen Firmenkontos, um die Löhne seiner Mitarbeiter endlich auszahlen zu können. Unser identitätsloser Freund wird danach mit der einzigen Angestellten der Filiale im Tresorraum eingesperrt.

Nach der Befreiung verdächtigt die Polizei ihn der Komplizenschaft. Zwar kann ihn ein von Irma gestellter Anwalt auf Grund seiner Paragraphenkenntnisse vor einer längeren Untersuchungshaft bewahren, dennoch besteht der Kommissar auf Klärung der wahren Identität des Unbekannten. Nach der Ausstrahlung seines Fotos im Fernsehen meldet sich seine Ehefrau. Nun steht der "Mann mit akuter Vergangenheit" vor einem großen Problem. Soll er seine neue Liebe verlassen und zu seiner Gattin zurückkehren, obwohl ihm an das Zusammenleben mit ihr immer noch jede Erinnerung fehlt?

In der Zusammenfassung klingt der Inhalt ein wenig nach Kolportage. Durch seine weitgehend unprätentiöse Inszenierung hat Kaurismäki allerdings ein sozialkritisches, modernes Märchen geschaffen, das in sich stimmig ist. Das finnische enfant terrible stellt sich dabei eindeutig auf die Seite der von der Gesellschaft Belächelten und Ausgestoßenen. In wundersam leuchtenden Primärfarben zeichnet er seinen Traum von Solidarität und Nächstenliebe. Nach dem brutalen Anfang lässt sich der Film zunächst viel Zeit, bis er zunehmend an Tempo gewinnt und durchaus magische Momente enthält, wie zum Beispiel als die vormals hüftsteife Heilsarmee-Band plötzlich ausgelassen losrockt.

Regisseur Kaurismäki: Menschlichkeit jenseits von Sentimentalität
DDP

Regisseur Kaurismäki: Menschlichkeit jenseits von Sentimentalität

"Der Mann ohne Vergangenheit" ist vor allem aber auch die Geschichte einer neuen Menschwerdung, dem Ergreifen einer zweiten Chance, die das Leben nicht jedem bietet. Der namenlose Protagonist (Prometheus wäre ein passender Name) hat eigentlich keine Chance, ergreift diese aber dennoch mit beiden Händen. Dargestellt wird er von Markku Peltola, der hier nach Kurzauftritten in "Juha" und "Dogs Have No Hell" seine erste Hauptrolle spielt. Von der Physiognomie her ähnelt er dem einstigen Truffaut-Star Jean-Pierre Léaud, der wiederum bei Kaurismäki in "I Hired A Contract Killer" mitwirkte. Der Unterschied zwischen den beiden Akteuren ist jedoch: Peltola scheint mehr in sich zu ruhen als der immer noch fahrig wirkende Léaud. Seine Ausstrahlung macht ihn zu einer Art finnischem Robert Mitchum, der mit Geschicklichkeit und Gleichmut dem Schicksal trotzt.

Kati Outinen wurde im Frühjahr in Cannes für den leider etwas blassen Part der Irma als beste Darstellerin geehrt. Peltola hätte für seine Darstellung eher einen Preis verdient. Er ist ein würdiger Nachfolger für den verstorbenen Matti Pellonpää, der zahlreichen Filmen Kaurismäkis seinen Stempel aufdrückte. Auf Familientradition setzt der finnische Filmemacher übrigens auch bei der Auswahl seiner vierbeinigen Darsteller: Hund Hannibal, der in Wirklichkeit ein Weibchen ist und Tähti heißt, ist die Tochter der aus "Juha" bekannten Piitu und die Enkelin von Laika, die in "Das Leben der Bohème" als Baudelaire zu sehen war. Aki Kaurismäki ist eben ein Mann mit Berufethos.

"Der Mann ohne Vergangenheit" ("Mies vailla menneisyyttä"). Finnland/Deutschland/Frankreich 2002. Regie: Aki Kaurismäki; Buch: Aki Kaurismäki; Darsteller: Markku Peltola, Kati Outinen, Anikki Tähti, Juhani Niemelä; Produktion: Sputnik Oy, Yleisradio, Pandora Filmproduktion, Pyramide Productions; Verleih: Pandora, Länge: 97 Min.; Start: 14. November 2002



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