Keira Knightley in "Colette" Wenn Gefühle über Zynismus siegen

Das Leben der Schriftstellerin und Schauspielerin Colette war so skandalös, dass ihr Filmporträt kaum hinterherkommt. Auch eine mit Verve spielende Keira Knightley kann in diesem Kostümfilm wenig daran ändern.


Als Madonna und Britney Spears sich 2003 bei den MTV Awards auf der Bühne küssten, war das den Berichterstattenden eine Bemerkung wert. Der künstliche Kuss, theatralisch bei der Performance ausgeführt, ging in die Annalen der Popgeschichte ein.

Dass gut 100 Jahre zuvor ein Bühnenkuss zwischen zwei Frauen einen Skandal evozierte, wundert also nicht: Frauen, die sich küssen, waren den Menschen suspekt. Frauen, die Bücher schreiben, nicht minder. Jedenfalls Ende des 19. Jahrhunderts, als der gewitzte Provinzteenager Gabrielle (Keira Knightley), später "Colette", durch die Heirat mit dem 14 Jahre älteren Salonlöwen Willy (Dominic West) zwangsweise ihr Schreibtalent entdeckt: "Du hast einen erfolglosen Literatur-Unternehmer geheiratet" jammert der Zyniker ob seiner kaum zu bewältigenden Aufträge.

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"Colette": Zwei, die sich verdient haben

Weil Willy extrem viel Geld ausgibt (was auch die Finanzierung von Liebhaberinnen einschließt), ist das junge Ehepaar chronisch pleite. Der Franc rollt erst, als er die zunächst von ihm geschmähten Romane seiner Frau, zu denen er sie anstiftete, unter seinem eigenen Namen veröffentlicht.

"Willy ist eine Marke", begründet er den Übergriff, und Bücher von Frauen würde eh niemand kaufen. Doch die "Claudine"-Reihe, die Colette nach ihren persönlichen Erinnerungen formte, und die mit einem zart erotischen Unterton in Tagebuchform die Emotionen der Titelheldin beschrieben, prägen eine Epoche französischer Leserinnen und Leser.

Und so sind die Zeiten, in denen Colette und Willy einträchtig auf dem Tandem (er vorn, sie hinten) über den Bois de Boulogne radeln, schnell vorbei. Es folgen Colettes Emanzipation, das urheberrechtliche Aufbegehren - und das Begehren von anderen Frauen. Und schließlich jener Kuss zwischen Colette und ihrer Liebhaberin auf einer Pariser Bühne, der 1904 zur Absetzung des Stücks führt.


"Colette"
USA/UK 2018
Regie: Wash Westmoreland
Drehbuch:
Richard Glatzer, Rebecca Lenkiewicz, Wash Westmoreland
Darsteller: Keira Knightley, Dominic West, Eleanor Tomlinson, Ray Panthaki
Produktion: Bold Films, Killer Films, Number 9 Films Ltd., Stillking Films
Verleih: DCM Filmdistribution
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 6 Jahre

Start: 3. Januar 2019


Regisseur Wash Westmoreland, der die Verfilmung über die französische Literatur-Nationalheldin mit Briten besetzt hat, erzählt den Selbstfindungsweg seiner Protagonistin eng an der Geschichte der "Claudine"-Romane entlang. Er macht einen Zwiespalt deutlich: Willy und sie leben gut vom Produkt "Claudine", dem Buchverkauf wie auch dem Merchandise - sogar Claudine-Seifen wurden hergestellt, und bis heute heißen die schamhaften weißen Kragen an Kleidern "Claudine-Kragen".

Und trotz des unterschiedlichen Maßes, das der schlagfertige Mann anlegt, wenn er seine Eskapaden mit den Worten "Männer sind eben so" begründet, ihr aber die Affäre mit einem anderen Mann verbietet (Frauen zählen nicht): Die Liebe zwischen den Freigeistern, so zeichnet sie der Film, war groß.

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Colette:
The Complete Claudine

Claudine at School/Claudine in Paris/Claudine Married/Claudine and Annie

Verlag Farrar Straus & Giroux; Englisch; 632 Seiten; 17,79 Euro

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Gleichwohl muss der geschäftstüchtige Willy schon einen mächtigen Hau gehabt haben, um fast 100 Jahre nach dem Erfolg von Mary Shelleys "Frankenstein" (deren Selbstbehauptung ähnlich steinig voran ging) zu ignorieren, dass ein weiblicher Autorenname sogar lukrativ sein kann: Skandal sells - genau wie Sex. Mit Jane Austen, den Brontës oder George Sand hätten sich zudem Beispiele für erfolgreiche Schriftstellerinnen gefunden.

Vielleicht darum hat Westmoreland sein Porträt früh abgebrochen und Colettes weiteres Leben nur per Schrifttafeln angehängt. Der solide gestrickte Kostümfilm wirkt so zuweilen fast ein wenig undramatisch. Colette, die sich zwar mit Misogynie und dem Belächeln ihrer Belange herumschlägt, scheint selten wirklich verzweifelt. Zu gut klappt alles andere - von den Freundinnen bis hin zu ihrer späteren, mit dem Canto- und Pantomimen George Wague erarbeiteten Bühnenkarriere.

Historischer Hintergrund

Der schon in der Serie "The Affair" seine ambivalente Rolle nuanciert spielende Dominic West ist dennoch ein großartiger Gegenpart zur ebenfalls mit Verve agierenden Keira Knightley. Er spielt sie sogar gegen die Wand - wenn er sich etwa in Hygienedingen völlig daneben benimmt und Gespräche gern beim Pinkeln führt. Immerhin kramt er für jede Situation das passend-spöttische Aperçu heraus. "Frauen und Messer - sehr griechisch", entfleucht es ihm, als er Colette und ihre Mutter in der Küche überrascht.

Colette bleibt ungerührt. Dass er nie so schreiben wird wie sie, ist ihr klar. Am Ende siegt ihr Gefühl über seinen Zynismus.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
batewoman 04.01.2019
1. Auch andere Frauen mussten sich verbergen...
So einen mächtigen Hau hatte Willy wohl nicht, als er, wie im Artikel suggeriert, einen weiblichen Autorennamen vermied. Auch die oben angeführte Charlotte Bronte musste zeitlebens unter einem Pseudonym veröffentlichen, das ihre weibliche Identität verbarg. Ganz so fortschrittlich war man damals noch nicht.
Andre V 05.01.2019
2.
Im Überschwang der Gefühle vergisst man manchmal E.Marlitt oder Harriet Beecher-Stowe. Ebenso die Tatsache, dass auch die meisten Männer z.B. nicht wählen durften - wenn sie nämlich keine Grundbesitzer waren und/oder direkte Steuern zahlten. Bis zur industriellen Revolution arbeiteten die meisten Menschen in der Landwirtschaft, dazu noch Unzählige "in Stellung" als Knechte oder Mägde. Schön, dass Jane Austen und andere Schriftstellerinnen erwähnt werden. Und im Gegensatz stand der Kuss oder mehr zwischen Frauen nie unter Strafe, wie bei Männern, die sexuelle Beziehungen untereinander hatten - bis zur Abschaffung des §175 im Jahr 1994(!). Mehr Fakten bitte, weniger gefühlte Benachteiligung. Ein Kuss war vielleicht ein Skandal, aber dafür musste niemand in Gefängnis...
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