Zum Tod Ken Adams Der Mann, der uns die Zukunft zeigte

Ken Adam, Visionär des Kinos, ist mit 95 Jahren gestorben. Als Kind sah er den Berliner Reichstag brennen, später erschuf er für James Bond und Stanley Kubrick fantastisch-futuristische Set-Designs. Eine Würdigung.

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Eine der schönsten Geschichten über Ken Adam geht so: 1981, als Ronald Reagan gerade als US-Präsident inauguriert worden war und das Pentagon besuchte, wollte er vom Personal nur eines wissen: Wo denn der berühmte "War Room" sei, die Schaltzentrale der Macht mit ihrer imposanten Trapezform über einer weiten Tafelrunde, über der, ebenso kreisrund, ein Beleuchtungs-Ufo schwebte - kannte man ja aus Stanley Kubricks Film "Dr. Strangelove".

Die Enttäuschung des Politiker gewordenen Hollywoodschauspielers muss groß gewesen sein, als er feststellte, dass das echte National Military Command Center im Keller des Gebäudekomplexes weitaus nüchterner wirkte als in der Kinosatire. Aber das war eben die große Kunst des Set-Designers Ken Adam: Er entwarf utopistische Räume und Architekturen, die fantastisch und real zugleich wirkten. Der "War Room" aus "Dr. Strangelove" ist sein Meisterstück.

Berühmt wurde Adam jedoch vor allem als Produktionsdesigner für sieben Bond-Filmklassiker. Zwischen 1962 und 1979 baute er Vulkane nach, entwarf umwerfende Behausungen für Bösewichte, erfand Jetpacks und Aston Martins mit Schleudersitzen und brachte den Spaceshuttle zum Einsatz, bevor es tatsächlich in den Weltraum startete. Die räumlichen und technischen Visionen Adams waren so stark, dass sie bis heute in die Wirklichkeit rückkoppeln. Stararchitekten wie Daniel Libeskind und Norman Foster geben gern zu, von Adams Filmbauten inspiriert worden zu sein.

Adam selbst, der in England Architektur studiert hatte, bevor er in den Fünfzigerjahren als Szenenbildner zum Film kam, ließ sich von Modernisten wie Frank Lloyd Wright und Ludwig Mies van der Rohe inspirieren. Seine Gebäude waren von außen so unscheinbar und undurchdringlich wie die Filmschurken Blofeld, Goldfinger oder Emilio Largo, die in ihnen hausten. Innen jedoch verschmolzen Naturelemente wie Wasser mit streng geometrischen Formen, oft Dreiecken, zu komplexen Gebilden, die eben auch den schillernden Charakter ihrer Bewohner widerspiegelten.

Video: Ken Adam, der Filmarchitekt von James Bond (v. 2014)

Mit der Verbindung aus konstruktiver Logik und räumlicher Freiheit kam Adam, am 5. Februar 1921 in Berlin geboren, bereits als Kind in Berührung.

Sein Vater betrieb das Sportmodegeschäft S. Adam an der Friedrichstraße Ecke Leipzigerstraße, dessen moderne Glasfassade der Architekturstar Ludwig Mies van der Rohe entworfen hatte. Der kleine Ken, damals noch Klaus Hugo Adam, besuchte das Französische Gymnasium und entwickelte früh ein gestalterisches Talent. 2014, als die Deutsche Kinemathek am Potsdamer Platz die große Werkausstellung "Bigger Than Life" mit Entwurfzeichnungen aus seinem nach Berlin überführten Archiv eröffnete, kehrte Adam noch einmal zurück in seine Heimatstadt, aus der er genau 80 Jahre zuvor zusammen mit seinen Eltern geflohen war.

Damals trafen wir Ken Adam zu einem Gespräch im Hotel Savoy in der Fasanenstraße im Berliner Westen. Adam hörte nicht mehr gut, gab sich aber gut gelaunt und redselig, ein freundlicher, stets zu Scherzen aufgelegter Gentleman, dem man seine einstige Vorliebe für schnelle Sportwagen, rasante Geschwindigkeit und Adrenalin auch im hohen Alter noch anmerkte. 1933 habe er den Berliner Reichstag brennen sehen, erzählte er uns, "am Tag nach dem Brand, der Reichstag lag auf meinem Schulweg. Alles war voller Rauch. Wir hatten Angst, was die Konsequenzen dieses Brandes sein würden. Im Jahr darauf sind wir nach England übersiedelt." (Das komplette Interview lesen Sie hier.)

Nicht alle Familienmitglieder hatten so viel Glück, sein Cousin Herbert kam im Konzentrationslager Buchenwald ums Leben. Ken Adam selbst trat nach seinem Studium in London als erster und bis dato einziger Deutscher den Dienst in der Royal Air Force an und flog Kampfeinsätze gegen Hitlers Armee. Noch 2014 schwärmte Adam, zeit seines Lebens dem Abenteuer und Draufgängertum zugeneigt, vom Geschwindigkeitsrausch am Steuer des Jagdflugzeugs Hawker "Typhoon".

Neue Formen aus den Trümmern des Krieges

Die Bilder der Zerstörungen, die er in Berlin und im Krieg gesehen hatte, hätten "möglicherweise dazu beigetragen, dass ich immer etwas erschaffen wollte, was es in Wirklichkeit nicht gab, etwas Neues, Ungesehenes", sagte Adam in unserem Gespräch. "Die Städte waren dem Erdboden gleich. Man brauchte viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass man eines Tages wieder darin leben könnte."

So waren die größenwahnsinnigen, mit tödlicher Technik vollgestopften Schaltzentralen der Bond-Bösewichte aus Filmen wie "Dr. No.", "Goldfinger", "Feuerball", "Der Spion, der mich liebte" oder "Moonraker" zum einen Visualisierungen totalitärer Macht, zum anderen aber immer auch spielerische Utopien einer Moderne, die sich aus den Trümmern des Krieges zu neuen Formen und Farben erheben sollte.

An den exotischen Schauplätzen der Bond-Abenteuer konnte er sich nach Herzenslust austoben und seiner Fantasie freien Lauf lassen. Der Preis: Nach Ende der Dreharbeiten wurden seine Bauten und Gimmicks wieder eingestampft. Sie existieren heute nur auf Zelluloid und in den rund 4000 mit seinem legendären Flo-Master-Filzstift angefertigten Zeichnungen, die in Berlin archiviert sind. Für Adam kein Problem: Wenn seine Bauten gut gefilmt worden waren, sagte er, "dann hatte ich mein Ziel erreicht".

Zweimal wurde Ken Adam mit dem Oscar ausgezeichnet, ironischerweise für eher historische als futuristische Designs: 1976 für Stanley Kubricks "Barry Lyndon", 1995 für Nicholas Hytners "The Madness Of King George". Auch vor, während und nach seiner Zeit als Bond-Designer veredelte Ken Adam zahlreiche weitere Kinoproduktionen, darunter seine erste Arbeit "Um die Welt in 80 Tagen" (1956) sowie "Tschitty Tschitty Bäng Bäng" (1968) und "Die Addams Family" (1993). Sein letzter Film war István Szabós "Taking Sides - Der Fall Furtwängler" aus dem Jahr 2001. 2003 wurde der längst zum britischen Staatsbürger ernannte Adam von der Queen für seine Verdienste um die Filmwirtschaft zum Ritter geschlagen, 2012 erhielt er die Ehrenbürgerwürde von Berlin.

Sir Ken Adam starb am Donnerstagabend im Alter von 95 Jahren. Er hinterlässt seine Ehefrau und ständige Begleiterin Maria Letitzia, die er 1952 geheiratet hatte.

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insgesamt 2 Beiträge
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Palisander 11.03.2016
1. Große Trauer
ein so toller großer Mann mit einem unglaublichen Werk. Er hat mich als Kind träumen lassen von verwegenen Schurken in unfassbar schönen Machtzentralen.Ein tolles Leben mit der Chance auf Verwirklichung seiner Visionen.
j.w.pepper 11.03.2016
2. Ken Adam war der Größte...
...unter seinesgleichen. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass weder die Bond-Serie ohne seine ikonenhaften Bauten und Entwürfe zu dem über 50-jährigen Phänomen geworden wäre, das sie heute ist, noch dass Kubricks "Dr. Strangelove" sich auch nur entfernt zu solchem Kultstatus aufgeschwungen hätte. Dennoch eine Korrektur zum Artikel: Das Kaufhaus S. Adam hatte keine "moderne Glasfassade", die Mies van der Rohe entworfen hatte. Richtig ist, dass Mies für einen Wettbewerb zum Neubau des Kaufhauses 1928 einen Entwurf beigesteuert hat. Fritz Adam hat sich jedoch letztlich Anfang 1929 für einen Entwurf von Peter Behrens entschieden, der jedoch wegen der Wirtschaftskrise und anschließend dem Aufstieg der Nazis auch nicht ausgeführt wurde. Nachzulesen in "Bigger Than Life - Ken Adam's Film Design", Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der Deutschen Kinemathek, die ich im letzten Sommer in München sehen konnte.
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