Indie-Märchen "Kid-Thing": Allein gegen den Teufel

Von Daniel Sander

In David Zellners betörend seltsamem Independent-Drama "Kid-Thing" versucht eine Zehnjährige, ohne elterliche Aufsicht ihren Alltag im texanischen Nirgendwo zu meistern - wo Hühner hypnotisiert werden wollen und alte Frauen in dunklen Löchern lauern.

Mit Annie legt sich lieber niemand an. Sie ist erst zehn, aber eisenhart. Sie macht gern Dinge mit ihrem Baseballschläger kaputt, Kloschüsseln zum Beispiel. Wenn sie beim Ladendiebstahl erwischt wird, verteidigt sie sich mit ihrer Paintball-Kanone. Wenn ihr langweilig ist, legt sie sich schon mal an den Straßenrand und erschreckt Autofahrer zu Tode, indem sie ihnen Geschosse aus Aufbackbrötchen an die Wagen schleudert.

Das Problem ist, dass Annie (Sydney Aguirre) sehr häufig langweilig ist. Sie lebt auf einer schäbigen kleinen Ziegenfarm irgendwo in Texas. Die Schule ist wegen eines Gaslecks gerade geschlossen, sie hat keine Freunde, es gibt keine Mutter, und für ihren bräsigen Vater (Nathan Zellner) ist sie eher eine zufällige Mitbewohnerin als eine Tochter, die elterliche Fürsorge braucht. Geld ist natürlich auch keins da, weil der Vater das meiste davon in Rubbellose investiert. Sie ernährt sich vor allem von Süßigkeiten, die sie aus dem nächsten Laden klaut. Es gibt niemanden, der Annie sagt, was sie zu tun hat; was richtig oder falsch ist; was gefährlich ist oder notwendig. Sie muss selbst sehen, wie sie klarkommt. Sie versteht sich als Kriegerin. Und wenn es gerade keinen Krieg gibt, sucht sie sich einen.

Demolition-Derby zu Fahrstuhlmusik

Beim erfahrenen Kino-Fan klingeln natürlich jetzt sämtliche Alarmglocken: Achtung, tristes Sozialdrama über die Perspektivlosigkeit von US-Prekariatskindern ohne moralischen Kompass auf dem Land! Und tatsächlich beginnt "Kid-Thing" von Regisseur David Zellner ("Goliath") fast schon wie die Karikatur eines amerikanischen Sundance-Filmfestival-Independent-Dramas mit hehren Ansprüchen: Die erste Szene dokumentiert mit verträumten Bildern aufeinander krachende Autos bei einem Demolition-Derby, unterlegt von sanft-fröhlicher Fahrstuhlmusik. Dann eine endlose Einstellung vom Vater beim Ziegenmelken. Dann Annie, wie sie allein durch das Haus streift, den Haushalt meistert, wortlos, und mit dem Blick eines Mädchens, das schon viel zu oft enttäuscht wurde, um noch traurig sein zu können.

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Indie-Märchen "Kid-Thing": Annie im Wunderland
Doch irgendetwas ist hier anders. Die Farben sind zu satt für grauen Sozialhorror, und Annie ist weder eins von den hilflosen Opferwesen noch von den tapferen Märtyrern, die Kinder in solchen Filmen normalerweise sind. Sie kann gemein sein und eiskalt, genauso wie melancholisch und entrückt. Irgendwann hört sie eine Stimme aus dem Wald schallen, eine alte Frau, die um Hilfe ruft. Sie heißt Esther und ist in einen alten Brunnen gefallen. Nur Annie könne sie retten, sagt sie. Aber Annie traut ihr nicht. Denn was, wenn das nur ein Trick ist, von dem einzigen Wesen, vor dem sie sich wirklich fürchtet: dem Teufel.

So anders wie möglich

Ab diesem Punkt nimmt "Kid-Thing" eine seltsame, aber willkommene Wendung vom Indie-Film mit Botschaft zum surrealen Märchen mit immer rätselhafteren Motiven. Annies Vater bringt ihr bei, mit einem Stück roter Kreide ein Huhn zu hypnotisieren. Sie zerschlägt mit ihrem Baseballschläger die Geburtstagstorte eines Mädchens, das im Rollstuhl sitzt. Sie besorgt Esther ein Walkie-Talkie, aber sie weigert sich, Hilfe zu holen. Die Dinge passieren einfach, ohne Erklärung und oft ohne erkennbaren Zusammenhang, manches ist sehr lustig, dann wieder grausam. Alles wird begleitet von einem trügerisch wahllosen Soundtrack aus Pop-Rock, Folk, Oper und Easy Listening. Annie erlebt, wie die Welt um sie herum immer merkwürdiger und unwirklicher wird, und sie nimmt es hin, weil ihr ohnehin niemand sagt, wie die Welt eigentlich sein müsste. Die einzige Person, die sich mit ihr beschäftigt, ist Esther. Und die könnte Satan persönlich sein, wenn es sie denn überhaupt gibt.

"Kid-Thing" ist ein sperriger Film und manchmal anstrengend in seiner unbedingten Entschlossenheit, so anders wie möglich zu sein. Doch er kann einen auch hypnotisieren und so gefügig machen wie es im Film dem Huhn passiert. Wenn man sich erst mal hineingegroovt hat, in Annies ganz persönliches absurdes Wunderland, dann will man so schnell auch nicht mehr weg.


Kid-Thing. Start: 22.8. Regie David Zellner. Mit Sydney Aguirre, Nathan Zellner.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Wunderbar
Ballonmütze 22.08.2013
Ich konnte ihn schon auf der Berlinale sehen. Ein großartiger Film, ich war ergriffen, hab laut gelacht und manches mal hatte ich einen Kloß im Hals. Wer das Glück hat ihn sehen zu können, sollte es unbedingt tuen.
2. Sehr guter Film
kamaone1 22.08.2013
Habe ihn auch schon auf der Berlinale gesehen. Empfehlenswert.
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