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Kiez-Doku "Neukölln Unlimited": Immer Ärger mit Maradona

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"Dein erster richtiger Geburtstag seit der Abschiebung": Auf der Berlinale wurde sie bereits gefeiert, jetzt kommt die Dokumentation "Neukölln Unlimited" über drei libanesische Geschwister in Berlin in die Kinos - und dürfte für Verblüffung unter Multikulti-Skeptikern sorgen.

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"Neukölln Unlimited": Unbegrenzte Talente
Neukölln Unlimited - für Integrationsapokalyptiker dürfte schon der Filmtitel eine Provokation sein: Der größte Problemkiez Deutschlands entgrenzt? Das hieße ja Kopftücher, Minarette und arabische Sprachfetzen überall! Was die Dokumentation über eine libanesische Familie in Berlin tatsächlich zeigt, ist zwar das Gegenteil. Es dürfte für Multikulti-Kritiker aber noch schwerer verdaulich sein: integrationsbereite Ausländer - die eine Ausbildung machen, fürs Abitur lernen, sich politisch engagieren und Verantwortung für sich und ihre Familie übernehmen! Alltag, so scheint es, ist manchmal die größte Überraschung.

Über drei Jahre haben die Filmemacher Agostino Imondi und Dietmar Ratsch die Geschwister Hassan, 18, Lial, 19, und Maradona, 14, Akkouch begleitet. Die drei leben mit ihrer Mutter und zwei weiteren Geschwistern seit frühester Kindheit im Berliner Bezirk Neukölln. Doch sie sind ständig davon bedroht, diese Heimat zu verlieren: 2003 wurden sie bereits einmal in den Libanon abgeschoben. In dem vom Krieg gezeichneten Land fühlten sich die Akkouchs jedoch fremd und kehrten schließlich zurück nach Deutschland. Seitdem kämpfen die Akkouchs darum, dass sie legal im Land bleiben dürfen. Bislang sind sie nur geduldet - und fast jeder Monat, den Hassan weiter auf die Schule geht und fürs Abitur lernt, muss von den Behörden genehmigt werden.

Unterm Strich müssen 1500 Euro rauskommen

Auf der diesjährigen Berlinale wurde "Neukölln Unlimited" in der Reihe Generation 14plus gezeigt und sorgte dort bereits für begeisterte Kritiken und die Auszeichnung als bester Film der Reihe. Unaufgeregt und doch eindrücklich erzählen Imondi und Ratsch vom herzlichen Zusammenhalt der Akkouchs: Wie sich die sechs auf engstem Raum arrangieren und wie sich die beiden Ältesten Hassan und Lial für ihre Familie einsetzen - obwohl sie mit dem Erwachsenwerden und ihren verschiedenen Jobs eigentlich schon genug zu tun haben.

Doch zwischen Schule, Freunden und Abendschicht muss immer wieder Zeit für einen Besuch bei der Ausländerbehörde geschaffen werden. Die schreibt vor, dass die Familie nur bleiben darf, wenn sie finanziell halbwegs eigenständig ist - weshalb die Einkünfte der Kinder in die Familienkasse wandern: 500 Euro von Hassans Auftritten mit der Breakdance-Gruppe, ein paar hundert Euro aus Lials Ausbildung bei einem Sportpromoter, vielleicht etwas von ihren Urban-Konzerten. Wenn unterm Strich rund 1500 Euro herauskommen, muss keiner abgeschoben werden. Kaum zu fassen, dass sich das Schicksal von sechs Menschen so leicht berechnen lässt - und dass die Geschwister trotzdem weiterschuften.

So sympathisch die Protagonisten sind und so beeindruckend ihre verschiedenen Talente von Gesang bis Breakdance ausfallen: Ein wenig überrascht die Begeisterung, die "Neukölln Unlimited" bislang hervorgerufen hat, dann doch. Ist ein klischeefreier Blick auf Einwanderer und ihre Lebensumstände wirklich eine Sensation?

Im typischen Dieter-Bohlen-Sprech

Anscheinend ja. Und warum das so ist, führt "Neukölln Unlimited" selber vor: Der kleine Bruder Maradona macht Probleme. Er ist ein hochbegabter Tänzer, doch wird er ständig von der Schule suspendiert. Er läuft mit ungeladenen Pistolen durch den Kiez und träumt doch davon, durch die RTL-Castingshow "Deutschland sucht das Supertalent" groß rauszukommen. "Mit mir kann man arbeiten", sagt er im typischen Dieter-Bohlen-Sprech nach der ersten Auswahlrunde. "Dein erster richtiger Geburtstag seit der Abschiebung", sagt sein Bruder Hassan, als er Maradona zu dessen 14. Geburtstag mit einer riesigen Cremetorte überrascht. "Deinen nächsten feierst du bestimmt im Knast."

Mit solchen Sprüchen und Szenen rückt Maradona langsam in den Mittelpunkt des Films: Man fängt an, sich um ihn Sorgen zu machen, aber auch sich zu ärgern, dass er den Einsatz seiner Geschwister nicht achtet. So beweist er letztlich, dass die medienwirksamste Geschichte immer noch die von der schwierigen, stets gefährdeten Integration ist. Die repräsentativste Geschichte ist sie deshalb aber noch lange nicht - und weil das "Neukölln Unlimited" genauso nachdrücklich klar macht, hat der Film alle Begeisterung eben doch verdient.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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1. Also eine ganz typische libanesische Familie
zx6 07.04.2010
Der eine Sohn macht das Abitur, der andere engagiert sich sozial und politisch. Die Tochter macht eine Sangeskarriere und hat auch kein Kopftuch. So wie ungefähr 300.000 andere libanesische Familien in Berlin. Die Nicht-Integration ist ja nur herbeigeredet. In Wahrheit sind alle Familien so wie die hier gezeigte.
2. Die Ausnahmen, die die Regel bestätigen...
chocochip, 07.04.2010
Zitat von sysop"Dein erster richtiger Geburtstag seit der Abschiebung": Auf der Berlinale wurde sie bereits gefeiert, jetzt kommt die Dokumentation "Neukölln Unlimited" über drei libanesische Geschwister in Berlin in die Kinos - und dürfte für Verblüffung unter Multikulti-Skeptikern sorgen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,687594,00.html
Ausnahmen bestätigen die Regel, leider beschäftigen sich viele Deutsche Filmemacher meist nur mit den Ausnahmen. Übrigens: Ich kannte auch Zivildienstleistende, die ursprünglich aus Kurdistan kamen und aus Persien. Die waren auch voll integriert. Dennoch hätten die niemals zugestimmt, wenn man so getan hätte, als ob sie die Regel wären.
3. Dann ziehen Sie doch nach Neukölln...
chocochip, 07.04.2010
Zitat von sysop"Dein erster richtiger Geburtstag seit der Abschiebung": Auf der Berlinale wurde sie bereits gefeiert, jetzt kommt die Dokumentation "Neukölln Unlimited" über drei libanesische Geschwister in Berlin in die Kinos - und dürfte für Verblüffung unter Multikulti-Skeptikern sorgen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,687594,00.html
Dann ziehen Sie doch nach Neukölln. Viel Spaß in meinem Heimatkiez. Bin froh weg zu sein.
4. Lachnummer!
teden 07.04.2010
Zitat von zx6Der eine Sohn macht das Abitur, der andere engagiert sich sozial und politisch. Die Tochter macht eine Sangeskarriere und hat auch kein Kopftuch. So wie ungefähr 300.000 andere libanesische Familien in Berlin. Die Nicht-Integration ist ja nur herbeigeredet. In Wahrheit sind alle Familien so wie die hier gezeigte.
Ich krieg einen Lachkrampf! Kriminalität ist gerade unter libanesischen Familien in Berlin (von denen es Gott sei Dank keine 300.000 gibt, das wäre ja apokalyptisch!) und anderswo ein Problem von geradezu monströsem Ausmaß. Habe selbst 10 Jahre in Neukölln gelebt und kann über solche krampfigen, verlogenen Korrektheits-Ergüsse nur noch müde lachen. Was im Spiegel-Artikel beschrieben wird, ist definitiv die Ausnahme. Migranten tut man mit dieser Schönfärberei definitiv keinen Gefallen, nur dem eigenen Gewissen. Probleme löst man nicht, indem man sie verleugnet, im Gegenteil. Die Autorin würde ich dazu verdonnern, mal selbst ein Paar Jahre unter all den super-symphatischen und turbo-integrierten Meister-Proper-Migranten zu leben, von denen sie hier faselt. Danach würde sie sicher keine solch absurden Artikel mehr fabrizieren!
5. Masturbation.
hurgelwurg, 07.04.2010
Zitat von sysop"Dein erster richtiger Geburtstag seit der Abschiebung": Auf der Berlinale wurde sie bereits gefeiert, jetzt kommt die Dokumentation "Neukölln Unlimited" über drei libanesische Geschwister in Berlin in die Kinos - und dürfte für Verblüffung unter Multikulti-Skeptikern sorgen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,687594,00.html
Ach mal wieder ein Film auf den sich die Träumer einen runterholen können.
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