"Kill Bill Vol. 2" Die Braut haut ins Auge

Der Meister und das Mädchen: In der zweiten Hälfte von "Kill Bill" vollenden Quentin Tarantino und Uma Thurman den Rachefeldzug der Braut. Ein blutig-brutaler, aber unnachahmlich brillanter Streifzug durch Genres und Gefühle, mit dem sich Tarantino vielen Nörglern zum Trotz als bester Regisseur der Gegenwart erweist.

Von Oliver Hüttmann


Uma Thurman als "Braut" in "Kill Bill Vol.2": Ikone des Kinos
Buena Vista / DDP

Uma Thurman als "Braut" in "Kill Bill Vol.2": Ikone des Kinos

Der neue Film von Quentin Tarantino ist noch immer sein vierter Film. "Kill Bill". Das Werk, zwei Hälften. "Vol. 1" war die Ouvertüre, ein tollkühner Tanz der Bilder, eine Choreographie sagenhafter Schnitte und Schwerthiebe, die sich zum brillantesten Blutbad in der Kinohistorie emporschwang. "Vol. 2" ist nun die B-Seite, die noch klarer dem Vergessenen und Verkanten huldigt, das Triviale veredelt, das Harte und das Zarte unnachahmlich in Einklang bringt.

"Vol. 2" enthält alles, was an Fragen, Möglichkeiten, Genres, Handlungsfäden und Personen von "Vol. 1" übrig geblieben ist. Gleich zu Beginn erlebt man, wie es zum Massaker an der Hochzeitsgesellschaft in der Wüstenkapelle von El Paso, Texas gekommen ist. Wir erfahren, wie die Braut (Uma Thurman) ihre Kampfkunst bei einem Shaolinmönch erlernt hat, wie Elle Driver (Daryl Hannah) einst ihr rechtes Auge verlor (und später auch das andere einbüßt) und wie ein Schwangerschaftstest einen so genannten Mexican-Stand-Off auflöst, bei dem sich die Braut und eine asiatische Attentäterin mit gezückten Waffen gegenüberstehen. Und wir sehen endlich David Carradine als Bill, von dem man zuvor nur seine beunruhigend ruhige Stimme gehört hat. Seine meditative, makabre Art gibt den Rhythmus von "Vol. 2" vor.

Szene aus "Kill Bill Vol. 2" (mit David Carradine, Uma Thurman): Der Meister und das Mädchen
Buena Vista

Szene aus "Kill Bill Vol. 2" (mit David Carradine, Uma Thurman): Der Meister und das Mädchen

Wenn "Vol. 1" eher Comic ist, dann ist "Vol. 2" das Drama von "Kill Bill". Zum Auftakt und im Finale gibt es zwischen der Braut und Bill zwei sehr lange Dialoge, deren Intensität einen ebenso staunen lässt wie die visuelle Umsetzung. Jeder Satz ist so präzise und unterschwellig von Furcht und Gefahr durchdrungen wie die Bilder. Am Anfang sind sie schwarzweiß. Bill taucht überraschend kurz vor der Trauung der Braut auf. Er trägt Lederstiefel, sie Sandalen.

Tarantino zeigt dies ebenso in Nahaufnahmen wie Carradines zerfurchtes Gesicht und den makellosen Teint von Thurman. "I do my best to be sweet", sagt er ohne mit der Wimper zu zucken, und sie gibt ihm mit zittrigen Lippen einen letzten Kuss. Am Ende spürt sie ihn dann in einer Apartmentanlage auf. Als sie ins Zimmer stürzt, steht sie vor ihrer kleinen Tochter, die eine Spielzeugpistole in der Hand hält. "Bang, bang", macht das Mädchen, das B.B. heißt: "Bang Bang (My Baby Shot My Down"). Der von Nancy Sinatra gesungene Song, mit dem Tarantino "Vol. 1" eröffnet hat, kommt einem in den Sinn. Eine Träne kullert über Thurmans Wange. Es ist ein qualvoller Moment, der sich beiläufig über einen Monolog von Carradine und einer Aussprache mit Thurman bis zum plötzlichen, kurzen Showdown dehnt.

David Carradine als "Bill": Meditative, makabre Art
Buena Vista

David Carradine als "Bill": Meditative, makabre Art

Mit diesen Sequenzen befindet sich Tarantino auf dem Höhepunkt seiner Könnerschaft. Hier zeigt er eine Sensibilität, die man hinter der Eleganz seiner Kompositionen und der Coolness seiner Charaktere oft nur vermutet hat. Dennoch ist sein Stil nicht wirklich anders. Bereits in "Jackie Brown" gibt es zwischen Pam Grier und Robert Forster unfassbar fragile Gefühle. Bei "Reservoir Dogs" erschüttert das fatale Gespräch von Harvey Keitel mit dem angeschossenen Tim Roth. Selbst "Pulp Fiction" hat mit Bruce Willis und Maria de Medeiros eine wunderbar anrührende Szene. Das wird von vielen übersehen, weil Gewalt sich offenbar stärker ins Gedächtnis brennt und Tarantinos lässige Inszenierung den Gesamteindruck prägt. Dabei sind seine Filme immer eine Gratwanderung, bei der er auch Grenzen überschreitet.

Michael Madsen als "Budd": Schmieriger Killer
Buena Vista

Michael Madsen als "Budd": Schmieriger Killer

Dass "Kill Bill" ein blutiger Film mit blutleeren Figuren sei, ist auch so ein Missverständnis - nach "Vol. 2" sogar noch mehr. Kaum ein Regisseur widmet sich seinem Ensemble mit mehr Hingabe als Tarantino. Gerade weil er Film und Fernsehen verehrt und verstanden hat bis in ihre abseitigsten Winkel, sind sie selbst als popkulturelle Abziehbilder ehrlicher angelegt als in den meisten Produktionen. Bei kaum einem anderen blühen selbst schwache Schauspieler stärker auf - John Travolta zehrt noch heute von "Pulp Fiction". Bei Tarantino gibt es nur Hauptrollen. Sogar der kurze Auftritt von Michael Parks, der in "Vol. 1" bereits den Sheriff spielte, hinterlässt als sardonischer mexikanischer Gentleman einen bleibenden Eindruck. Und Uma Thurman ist nun eine Ikone des Kinos, die derzeit schönste Frau von Hollywood, deren anbetungswürdige Aura anscheinend nur Tarantino auf die Leinwand bannen kann.

Daryl Hannah als "Elle Driver": Morbide Erotik
Buena Vista

Daryl Hannah als "Elle Driver": Morbide Erotik

Ebenso verhält es sich bei Tarantino mit der Kunst des Zitats. "Kill Bill" quillt fast über vor Verweisen auf Meisterwerke des Kinos, Referenzen aus B-Movies und Motiven aus nahezu jedem Genre. "Vol. 1" orientiert sich vor allem an Samurai- und Yakuza-Filmen aus Japan, chinesischen Schwertkampf-Epen, Blaxploitation und den Actionstreifen von Hongkong. In "Vol. 2" ist es der Film noir, was man auch an der geschwungenen, schwarzweißen Schrift des Abspanns erkennen kann, und Hitchcock, die Nouvelle vague, Italo- und US-Edel-Western, Kung-Fu- und Horrorfilme sowie krude amerikanische Action-Krimis.

Dabei stellt Tarantino kein Plagiat her oder einen "Mix", wie es der alles absorbierende Mainstream macht, und er geht dabei auch ohne jene Ironie vor, die ihm immer wieder gerne unterstellt wird. Jede Einstellung in "Kill Bill" ist eine Liebeserklärung an die Vorbilder und ihre Visionen, selbst wenn die geschmacklos sind. Tarantino hat ein sicheres Gespür für markante Bilder, typische Merkmale und Herzstücke eines Films oder Genres. Mal stellt er sie aus wie ein kleiner Junge, der freudig sein Spielzeug vorzeigt. Dann verknüpft oder bindet er sie ein mit einer Umsicht, dass sie nur schwer noch zu erkennen sind. Manchmal sind es nur Nuancen, Stimmungen, ein Gegenstand. Und immer schafft er das mit einer ganz eigenen, unnachahmlichen, faszinierenden visuellen Kraft.

Kampftraining für die "Braut" (Szene mit Gordon Liu): Optischer Trip in die Siebziger
Buena Vista

Kampftraining für die "Braut" (Szene mit Gordon Liu): Optischer Trip in die Siebziger

Beim Hochzeitsmassaker geht die Braut auf den Altar zu, während die Kamera im Mittelgang der Kapelle zurückgleitet, vorbei an den Bänken und durch die Tür, bis Bills vier Killer von der Deadly Vipers Assassination Squad nebeneinander ins Bild kommen, ins Gebäude gehen und die Kamera im Panoramablick verharrt. Dann sieht man in den Fenstern das Aufblitzen des Mündungsfeuers aus den Maschinenpistolen. Sergio Leones "Spiel mir das Lied vom Tod" und Takeshi Kitanos "Sonatine" zitiert er hier - aber eben nicht ganz so, wie in den Originalen.

Noch subtiler führt er beim Schwert-Showdown zwischen Bill und der Braut, die an einem Holztisch sitzen, mit "Spiel mir das Lied vom Tod" und "Zwei glorreiche Halunken" gleich zweimal Leone und John Woos "The Killer" zusammen. Und Thurmans Lehrzeit beim Kung-Fu-Meister Pei Mei, den Gordon Liu aus "Die 36 Kammern des Shaolin" (1978) spielt, hat Tarantino optisch aufbereitet wie das billige, überbelichtete Filmmaterial jener Zeit.

Regisseur Tarantino: Gesamtwerk ohne Makel
AP

Regisseur Tarantino: Gesamtwerk ohne Makel

Einem Filmfreak geht dabei natürlich das Herz auf. "Kill Bill" ist ein Film für Menschen, die Film in all seinen Facetten lieben. Dafür muss man nicht alle Filme kennen. Das ist zudem ja unmöglich. Man kann sich auch einfach mitreißen lassen von der schonungslosen Schlägerei zwischen der Braut und der eiskalten, nicht nur verbal Gift spritzenden Elle Driver, die Daryl Hannah mit morbider Erotik großartig verkörpert. Überwältigend, physisch direkt geschnitten, prügeln und würgen sich, treten und ringen die beiden Blondinen in einem engen Wohnwagen mit unerhörter Heftigkeit. Oder man lässt sich wahrlich gruseln, wenn der schmierige Budd (Michael Madsen) die Braut auf einem Friedhof lebendig begräbt. Mit jedem Nagel schließen sich zwischen Deckel und Sarg die Ritzen, bis es auch auf der Leinwand ganz dunkel ist und man nur hört, wie der Sand auf das Holz prasselt. Das ist optische Klaustrophobie.

Was Uma Thurman in "Kill Bill" aushalten muss und überlebt, entbehrt natürlich jeder Logik. Aber sie ist für Tarantino auch eine Rache-Amazone aus der Phantasie von Pulp, Trash und Comic. "Superman wurde nicht zu Superman", sagt Bill in einem aberwitzigen Vergleich mit anderen Superhelden wie Batman und Spider-Man am Ende zur Braut. "Er ist als Superman geboren worden." Und Tarantino ist der Superheld des Kinos. Der beste Regisseur nicht nur seiner Generation, auch der Gegenwart. Und mit dem Geniestreich "Kill Bill", seinem erst vierten Film in zwölf Jahren, ist sein Gesamtwerk noch immer ohne Makel.


Kill Bill Vol. 2


USA 2004. Regie/Drehbuch: Quentin Tarantino. Darsteller: Uma Thurman, David Carradine, Daryl Hannah, Michael Madsen, Gordon Liu, Michael Parks, Lucy Liu, Vivica A. Fox. Produktion: Miramax, A Band Apart, Super Cool ManChu. Verleih: Buena Vista. Länge: 135 Minuten. Start: 22. April 2004



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.