Brad Pitt in "Killing Them Softly": All das Betteln, Kreischen, Röcheln
Jeder macht hier nur seinen Job - auch wenn dieser Job Menschen töten ist: Das grimmige Neo-Noir-Drama "Killing Them Softly" zeigt ein Amerika, das moralisch wie wirtschaftlich am Boden liegt. Allein Brad Pitt als pragmatischer Auftragskiller scheint sich noch über Wasser halten zu können.
Dieser Film ist nicht düster, er ist grau. Regisseur Andrew Dominik hat George V. Higgins' Roman "Cogan's Trade" aus den Siebzigern ins Jahr 2008 und die Handlung von Boston nach New Orleans verlegt. Der Südstaaten-Metropole fehlt in "Killing Them Softly" freilich jeder Hauch von kreolischer Exotik, von karibischer Schwüle, von Voodoo und Mardi Gras. Als habe der Hurrikan Katrina die Stadt ihrer Eigenschaften beraubt, steht sie bei Andrew Dominik sinnbildlich für ein Land, das im Zuge der Finanzkrise wirtschaftlich wie moralisch am Boden liegt.
In dieses Land ist Frankie (Scoot McNairy) gerade frisch aus dem Gefängnis entlassen worden, er braucht Geld, und er zögert und laviert, bis er sich von dem Kleinganoven Johnny Amato (Vincent Curatola) überzeugen lässt, eine illegale Kartenspielrunde zu überfallen und den Jackpot mitgehen zu lassen. Eine todsichere Sache sei das, sagt Johnny, der Verdacht werde auf jemand anderen fallen, der schon mal ein ähnliches Ding gedreht habe. Der Tod ist in jedem Fall die Strafe, die in der Unterwelt auf dieses Vergehen steht.
Von diesem Moment an kann es nur noch einen Ausgang dieser Geschichte geben, die zwar in der Folge noch einige kleinere Haken schlägt, aber zwangsläufig auf ihr vorbestimmtes Ende zusteuert. Andrew Dominik ("Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford") hat den angekündigten Höhepunkt allerdings in die letzten paar Minuten gepackt. Diese Methode weist ihn als Regisseur aus, der sein Publikum dazu zwingt, das Wie seiner Inszenierung stärker zu beachten als das Wohin der Handlung.
Nur der Tod ist sicher
Und Dominiks Wie ist in seiner aktuellen Arbeit die Studie eines Milieus und der Mentalität einer ganzen Nation. Sicher, es gibt Bilder von expressiver Gewalt - doch dies sind nur die umso deutlicher spürbaren Ausbrüche aus einem geschlossenen Kosmos, in dem Routine, Lakonie und Desillusionierung herrschen. Der Sound dieses Amerikas ist das Wahlkampfgeschwätz von Obama und McCain, es sind die Phrasen von nationaler Einheit und Erneuerung, die aus jedem Radio und Fernseher blöken.
Die Wahrheit über die USA aber ist dort nicht zu finden, sondern sie entfaltet sich bei Dominik bisweilen in Fieberträumen aus Drogennebel, in Zeitlupe gedehnter Zerstörung und zerschossenen Köpfen. Vor allem aber in Dialogen, im müden, resignierten Austausch über ein paar wenige Möglichkeiten, womöglich gar Chancen - und über viele, viele Zwänge.
Frankie bekniet seinen Knastkumpel Russell (Ben Mendelsohn), ihn bei dem Überfall zu unterstützen, und dann bekniet er Johnny, den wenig zuverlässig wirkenden Junkie Russell als Mittäter zu akzeptieren. Es sind Gespräche auf der Straße, in vollgepackten Hinterzimmern, voller Naivität und Unsicherheit. Wenn man sieht, wie Russell - eine Horde geklauter Hunde im Schlepptau - auf Frankie zuwankt, möchte man diese beiden Amateure geradezu anflehen, ihr Leben nicht an eine hoffnungslose Sache zu verschleudern.
Doch immerhin, die beiden können zunächst mit dem erbeuteten Geld fliehen. Das düpierte Syndikat heuert den Auftragskiller Jackie Cogan (Brad Pitt) an, die Angelegenheit zu regeln. Cogan holt sich Verstärkung aus New York, von dem angeblichen Mega-Profi Mickey (James Gandolfini), der sich als abgehalfterter Säufer entpuppt, der Cogan in endlose Diskussionen in Bars und Hotelzimmern verstrickt. Gandolfini gibt eine großartige arme Sau dabei ab, doch in seinem verschwitzten Gesicht, unter dem ungepflegten Rest von dem, was von seinen Haaren noch übrig ist, blitzen stets die Augen eines Soziopathen auf.
Die Pragmatik des Verbrechens
Cogan ist dennoch auf sich allein gestellt. Er spürt den Dieb Frankie auf und bietet ihm einen Deal an. Mit bedeutungsschwangeren Andeutungen, mit Drohungen, die nicht ausgesprochen werden müssen, bricht dieser Cogan einen Mann, der ohnehin schon am Rande des Nervenzusammenbruchs steht. Dieser Cogan ist nicht cool im herkömmlichen Sinne, schon gar nicht eiskalt, er spricht nur mit angemessener Gelassenheit die Zwangsläufigkeiten dieser Welt aus. Es gibt hier keine Alternativen, auf ehrlichem Wege aus der Gosse zu kommen. Und es gibt keine Alternativen zum Sterben.
Brad Pitt, der für Andrew Dominik schon den todgeweihten Jesse James spielte, gibt seinen Jackie Cogan entsprechend nicht als Chiffre des Hasses. Er stellt einen Pragmatiker dar, den man nur als unmoralisch ansehen kann, wenn man ihn von einem Punkt außerhalb dieser Welt betrachtet. Er scheut all das Betteln, das Kreischen und Röcheln - der Filmtitel sagt, wie er sich einen perfekten Auftragsmord vorstellt. Aber Cogan erkennt und befolgt einfach die Regeln, die er nicht selbst gemacht hat.
Richard Jenkins spielt seinen trefflichen Gegenpart, einen namenlosen Anzugträger, der sich fernhält von den Orten, an die Cogan gehen muss. Die beiden führen ermüdende bürokratische Verhandlungen im Auto, an einem denkbar unpersönlichen Nicht-Ort also. Dort erklärt Cogan dem Mittelsmann des Syndikats die ungeschriebenen Gesetze eines Milieus, von dem dieser zwar profitiert, in das er sich selbst aber nie hineinbegeben würde. Jenkins scheuer Blick, seine linkische Haltung machen deutlich, wie unwohl er sich fühlt bei all dem, aber hey, es geht hier ums Geld, das ihm Motivation und Selbstvertrauen zugleich gibt. Dieses Geld machen andere, und von anderen erhält er auch seine Befehle. Von Menschen, die noch weiter weg sind von der Wirklichkeit der Straße als er.
"Killing Them Softly" zeigt eine Welt in der Hand von Unsichtbaren, die mit einem Fingerschnippen über Leben und Tod entscheiden - so wenig greifbar wie die Geld- und Kreditströme, die um die Welt fegen und dabei ab und an eine Schneise der Zerstörung schlagen.
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- Mittwoch, 28.11.2012 – 06:18 Uhr
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USA 2012
Buch und Regie: Andrew Dominik
Darsteller: Brad Pitt, Scoot McNairy, Ben Mendelsohn, James Gandolfini, Richard Jenkins, Vincent Curatola, Ray Liotta
Produktion: Plan B Entertainment, Annapurna Pictures, Chockstone Pictures et al
Verleih: Wild Bunch
Länge: 97 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Start: 29. November 2012
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