Kim Ki-duks "Samaria" Glaube, Liebe, Sex

Der südkoreanische Regisseur Kim Ki-duk ist für seine unerbittlichen Erlösungstorturen bekannt. In seinem auf der Berlinale prämierten Film "Samaria" erzählt er mit provozierender Schönheit die gleichnishafte Tragödie zweier Freundinnen auf dem Schulmädchenstrich.

Von Oliver Hüttmann


Szene aus "Samaria" (mit Kwak Ji-min, Seo Min-jung): Zwischen Kindheit und Erwachsenwerden
Rapid Eye Movies

Szene aus "Samaria" (mit Kwak Ji-min, Seo Min-jung): Zwischen Kindheit und Erwachsenwerden

Kim Ki-duk kann einem richtig Schmerzen bereiten. In seinem Regiedebüt "Crocodile (1996) schockte der Südkoreaner mit Schnitten in den Penis, in "The Isle" (1999) verschluckt ein Mann einen Angelhaken, in "Bad Guy" (2002) wird vergewaltigt und erbrochen bis zum Delirium. Dennoch inszeniert er damit kein reines, sondern vielmehr ein reinigendes Schockkino. Gewaltszenen sind bei Kim Ki-duk wie verzweifelte Aufschreie nach Erlösung.

Sein neuer Film "Samaria" löst erneut Unbehagen aus: Zwei minderjährige Mädchen geben sich bewusst der Prostitution hin. Yeo-jin (Kwak Ji-min) kontaktiert am Mobiltelefon die Freier, Jae-young (Seo Min-jung) schläft mit ihnen in Stundenhotels. Mit dem Geld wollen die Freundinnen eine Flugreise nach Europa bezahlen. Ein naiver Traum, auch wenn Yeo-jin schon bald Zweifel befallen. Jae-young dagegen schwärmt davon, die Männer zu beglücken. "Sie sind wie Kinder. Es macht mir Spaß", sagt sie mit strahlenden Augen. "Lass uns noch ein wenig weitermachen." Und dann ist es auch schon zu spät.

Jae-young winkt noch am Fenster, aus dem sie sich kurz darauf in die Tiefe stürzt. Denn zwei Polizisten haben das Zimmer in der Absteige betreten und Yeo-jin, die Schmiere stand, hat sie übersehen. Als Jae-young im Krankenhaus gestorben ist, ruft Yeo-jin ihre Kunden wieder an. Diesmal geht sie mit ihnen ins Bett und gibt den verblüfften Männern das Geld zurück, das sie Jae-young gezahlt hatten. Sie fühlen sich geschmeichelt, genießen es. Und dazu lacht Yeo-jin, die zuvor eher schüchtern und von den Männer angeekelt war. Lacht, so wie es Jae-young immer getan hat. Einmal kann sie gar nicht mehr aufhören zu lachen.

Szene mit Seo Min-jung: Tödlicher Sturz aus dem Fenster
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Szene mit Seo Min-jung: Tödlicher Sturz aus dem Fenster

Mit diesem Akt der Sühne, einem Freikauf vom Schuld am Tod von Jae-young, setzt Yeo-jin das leibliche Werk der geliebten Freundin fort. Die hatte ihr von der indischen Prostituierten Vasumitra erzählt, die angeblich mit ihrer Hingabe die Männer zum Buddhismus bekehrt und so zu besseren Menschen gemacht hätte. So ein Märchen können sich nur Sünder ausdenken, um von ihren Gewissensbissen abzulenken. Doch die "Samaria"-Mädchen nehmen es beim Wort, dass käuflicher Sex ein Liebesdienst ist. Und Ki-duk stellt mit der heiligen Hure zuerst gnadenlos ein altruistisches Rollenbild der Frau aus, bevor er es exorziert.

Die Ambivalenz lauert in jedem Bild. Kühl und sinnlich zugleich sind die Farben, zart und beklemmend die Szenen aufgebaut. Jae-young und Yeo-jin schlecken versunken Eis oder essen feixend eine Haxe. Einem Ritus gleich waschen sie sich nach den Treffen mit den Männern gegenseitig in einem öffentlichen Bad, ohne dass die Kamera ihre Körper dem Voyeurismus preisgibt. Zwischen Unschuld und Versuchung folgt der Blick dem Schwung ihrer kurzen, karierten Röcken. Sie sind charakterlich grundverschieden, aber als sie Hand in Hand in ihren Schuluniformen durch einen herbstlichen Park spazieren und sich in einem Teich spiegeln, nimmt Ki-duk mit der Perspektive unheilvoll die spätere Symbiose vorweg. Beiläufig, minimalistisch und lyrisch vollziehen sich diese Momente, so dass man irritiert und staunend den Atem anhält.

Die Freundinnen bei ritueller Badezeremonie: Reinwaschung nach dem Sündenfall
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Die Freundinnen bei ritueller Badezeremonie: Reinwaschung nach dem Sündenfall

Dann entdeckt Young-gi (Lee Eol), ein verwitweter Polizist, das Treiben seiner Tochter. Statt Yeo-jin sofort zur Rede zu stellen, folgt er ihr heimlich. Es sind die stärksten Augenblicke in "Samaria", wie er sich grämt, wie seine Ahnung zur Gewissheit wird und er damit hadert, was er nun tun soll. Den ersten Freier stellt er mitten auf der Straße erbost zur Rede. Den anderen schickt er mit einer noch höflichen Drohung weg. Man erwartet, dass er bald völlig rot sieht. Doch auch hier löst Ki-duk das Klischee nicht ein, sondern endet fulminant mit einem gleichnishaften Schicksal.

"Samaria" bewegt sich entlang der Bruchstelle von Tradition und Aufbruch, Kindheit und Erwachsenwerden, und so ist dem bekennenden Christen Kim Ki-duk mit seiner Schmerzensparabel auch ein Balanceakt zwischen Schrecken und Schönheit gelungen. Er denunziert keine seiner Figuren in ihren Sehnsüchten und Motiven, lässt aber letztlich auch keinen Zweifel daran, dass Sex mit Schulmädchen ein Verbrechen ist.

Den Zeigefinder braucht er dazu nicht mit moralischer Empörung erheben, man muss nur die innere Qual in den Bildern spüren. Nach dem Furor seiner früheren Filme hat Kim Ki-duk offenbar zur Barmherzigkeit gefunden. Daher ist es kein Wunder, dass sein Passionsspiel in Berlin 2004 mit dem Silbernen Bären prämiert worden ist.


Samaria

Südkorea 2004. Regie und Drehbuch: Kim Ki-duk. Darsteller: Kwak Ji-min, Lee Eol, Seo Min-jung, Oh Young, Lee Jong-gil, Im Gyun-ho. Produktion: Kim Ki-Duk Film. Verleih: Rapid Eye Movies. Länge: 95 Minuten. Start: 9. Dezember 2004



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