Kinderbuch-Verfilmung "Hanni und Nanni" Debüt mit den Doppelten

IPod statt Plattenspieler im Gemeinschaftsraum: In ihrer Verfilmung von "Hanni und Nanni" holt Regisseurin Christine Hartmann den Klassiker der Mädchenliteratur behutsam in die Gegenwart - und bleibt den Grundwerten der Buchvorlage dennoch treu.

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Fast 50 Jahre ist es her, dass in Deutschland der erste Band von "Hanni und Nanni" erschien. Seitdem wuchsen Generationen von Mädchen mit den Büchern über das Zwillingspaar und seine Abenteuer auf dem Internat Lindenhof auf - aber nie mit einem Film: Erst in dieser Woche kommt die erste Verfilmung von Enyd Blytons Buchreihe in die Kinos.

Regisseurin Christine Hartmann ist die Modernisierung des Internatalltags dabei gut gelungen. Ihre Zwillinge hören Musik auf dem iPod und reden über Harry Potter, sie spielen Hockey statt Handball, es läuft Musik von Queensberry, und gleich in den ersten Filmminuten gibt es einen Platzregen aus Schnitten, der jedem Musikvideo zur Ehre gereichen würde. Die Film-Zwillinge leben also definitiv im Jahr 2010 und nicht irgendwann in den Sechzigern.

Doch wie man konsequent modernisiert, konnte man schon von den alten "Hanni und Nanni"-Büchern lernen: Enid Blytons Originalserie spielt auf einem streng christlichen Internat in den Vierzigern und wurden vor ihrer Veröffentlichung in Deutschland konsequent in die Sechziger übersetzt. Damals wurden noch nicht einmal die Namen verschont, so dass aus Pat und Isabell überhaupt erst Hanni und Nanni wurden und aus St. Clare's das Internat Lindenhof.

Goldene Internatsregel: nie jemanden verpetzen!

Jenseits der Anpassungen an Lifestyle-Moden und technischen Fortschritt weicht der Film aber kaum von der Buchvorlage ab: Wie im ersten Band der Serie wollen Hanni und Nanni nicht aufs Internat, sie verweigern sich dem Leben dort und brauchen zu allem Überfluss auch noch Französisch-Nachhilfe. Doch nach und nach werden sie Teil der Gemeinschaft und schließen Freundschaften.

Hannelore Elsner ist dabei als Internatsleiterin Frau Theobald so gütig, wie sie es schon war, als sie noch Fräulein Theobald hieß. Und das Leben im Internat Lindenhof ist in allen wesentlichen Belangen so, wie es auch schon in den Vierzigern war: Mädchenfreundschaften sind wichtiger als Jungs. Nach Streichen verpetzt man sich niemals. Und die Schülerin, die nach dem Tod der Eltern sonst nichts mehr hat, darf selbstverständlich ihr Pferd behalten. Trotz Geldnot.

Hinter der Fassade ist "Hanni und Nanni" also ein konservativer Film - und genau darum wird er seiner Vorlage gerecht. Denn wenn man eines aus der Lektüre von Blytons Büchern lernen kann, dann den Unterschied zwischen Oberfläche und Kern: dass die Dinge in Wirklichkeit oft anders sind als sie erscheinen.


"Hanni und Nanni". Start: 17.6. Regie: Christine Hartmann. Mit: Sophia und Jana Münster, Suzanne von Borsody, Katharina Thalbach, Anja Kling, Heino Ferch.



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