Kino 2011 Die besten Filme des Jahres

Ein Planet zerdeppert die Erde, ein Chamäleon versucht sich als Cowboy, und ein tödlicher Tumor haucht einer Familie neues Leben ein. Solche Geschichten gibt's nur im Kino? Da haben Sie recht. Hier sind die Lieblingsfilme der SPIEGEL-ONLINE-Kritiker, Teil eins.


Der Feind in meinem Kopf - "Halt auf freier Strecke" von Andreas Dresen

Von Lars-Olav Beier

Szene aus "Halt auf freier Strecke" (mit Milan Peschel, l.): Familie im Ausnahmezustand
Pandora Film

Szene aus "Halt auf freier Strecke" (mit Milan Peschel, l.): Familie im Ausnahmezustand

In der ersten Szene des Films erfährt der Berliner Familienvater Frank Lange (Milan Peschel), Anfang 40, sein Todesurteil. Ein Arzt erklärt ihm, dass er einen Gehirntumor hat und in ein paar Monaten sterben wird. Der Rest des Films ist Agonie; ein bitteres, aussichtsloses, verlustreiches Rückzugsgefecht des Lebens gegen den Tod. Dresen zeigt den Verfall über 100 Minuten lang, den körperlichen und den geistigen: Schmerzattacken und Tobsuchtsanfälle. Es gibt zig Gründe, sich diesen Film zu ersparen, aber zwei Gründe, ihn sich anzuschauen. "Halt auf freier Strecke" ist einfach grandios; und es könnte sein, dass er seine Zuschauer zu stärkeren Menschen macht.

Wenn Frank aus dem Fenster schaut und die dürren Äste der Bäume betrachtet, dann weiß er, dass er die kommende Blüte nicht mehr erleben wird. Wenn er seine Kinder ansieht, die 14-jährige Lilli (Talisa Lilli Lemke) und den achtjährigen Mika (Mika Seidel), kann er sich noch überlegen, was er ihnen zu ihren nächsten Geburtstagen schenkt. Aber er wird nicht mehr da sein, wenn sie die Geschenke auspacken. Und doch kann es sein, dass die Dinge, wenn man weiß, dass man sie zum letzten Mal erlebt, eine ungeheuerliche Intensität gewinnen. Als Frank ein letztes Mal mit seiner Frau Simone (Steffi Kühnert) schläft, zeigt Dresen nur, wie sich die beiden ineinanderkrallen, ihre Gesichter, gezeichnet von größter Verzweiflung und größtem Glück, und man begreift, worum es beim Sex geht: darum, sich im anderen aufzulösen.

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Krebsdrama "Halt auf freier Strecke": Mama, Papa, Tumor
Während der Tumor Frank mehr und mehr zerfrisst, wächst die Familie um ihn herum zusammen. Sie bringen ihn nicht ins Hospiz, sondern behalten ihn bei sich, in ihrem neuen Einfamilienhaus am Rande der Stadt, in dem es noch nach frischer Farbe riecht. Doch die Krankheit macht Frank immer unberechenbarer, aggressiver: Er brüllt Simone an, er pinkelt in Lillis Zimmer, weil er die Toilette nicht mehr findet. Um ihm die Orientierung zu erleichtern, bringen sie bunte Zettel an markanten Punkten des Hauses an, eine Szene, so fröhlich und unbeschwert wie ein Kindergeburtstag. "Nicht allein die Wohnung verlassen!", warnt ein Zettel an der Haustür. Dann pappen sich alle Namensschilder an, "Papa" steht krakelig auf einem Post-it auf Franks Stirn, das ist sehr rührend und sehr bitter: Denn er weiß selbst nicht mehr, ob noch drin ist, was draufsteht.

Doch während er sich in einen anderen Menschen verwandelt, in einen, den man leicht hassen kann wegen seiner Unleidlichkeit, seiner dauernden Schreierei, seiner maßlosen Egozentrik, schafft es seine Familie, in ihm immer noch den Mann zu erkennen, der er war. Das ist der heroische Kampf, von dem "Halt auf freier Strecke" erzählt. Am Ende lieben Simone und die Kinder Frank mehr denn je, obwohl er nicht mehr der Mensch ist, den sie einst geliebt haben, weil die Krankheit nun ganz von ihm Besitz ergriffen hat. Es ist furchtbar, wenn man seine eigene Identität verliert. Es ist beglückend zu wissen, dass die anderen sie für einen bewahren können.

Filmkritiker Michael Althen
ddp images/ Zorro Film

Filmkritiker Michael Althen

Enttäuschung des Jahres: Dass die Kinoliebhaber Bernd Eichinger und Michael Althen viel zu früh sterben mussten.

Entdeckung des Jahres: Dass unter dem Regime in Iran immer wieder so phantastische Filme wie "Nader und Simin" möglich sind.

Eine Frechheit: Die computeranimierten Dinosaurier in Terrence Malicks "Tree of Life".

Eine Augenweide: Die Ouvertüre von "Melancholia".

Szenenapplaus: Tausend Filmkritiker weinen zusammen nach der Premiere von Andreas Dresens Film "Halt auf freier Strecke" im Festivalpalais von Cannes. Keinem Film der Welt würde man diese Szene abkaufen.

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
wolltsnursagen 29.12.2011
1. Lars, oh Lars
Zitat von sysopEin Planet zerdeppert die Erde, ein Chamäleon versucht sich als Cowboy, und eine tödlicher Tumor haucht einer Familie neues Leben ein. Solche Geschichten*gibt's nur*im Kino?*Da haben Sie Recht.*Hier sind die Lieblingsfilme der SPIEGEL-ONLINE-Kritiker, Teil eins. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,805936,00.html
Ich halte Lars Trier (von ist ein Künstlername) für den größten Kotzbrocken den das Business im Moment zu bieten hat. Ein Mensch der so gern gesehen wird wie ein Krebsgeschwür. Leider kann ist seine Arbeit so beeindruckend dass man Ihn nicht guten Gewissens ignorieren kann.
filmforist 29.12.2011
2. Seltsam eingeschränkte Auswahl
Die besten Filme fehlen. Anscheinend gehen die SPON Redakteure nicht allzu oft ins Kino. Wieso wurde "Four Lions" nicht erwähnt, als einer der besten Filme des Jahres? Dann extrem gute und extrem schlechte Hollywood Filme in einen Topf zu schmeißen, lässt auf peinliche undifferenzierte Pauschalurteile schließen: "Pirates of the Carribean 4" war grauenhaft, wohingegen "Sherlock Holmes 2" hervorragend ist (s. Kritikertipp (http://www.kritikertipp.de)). Popcornkino wird anscheinend generell verurteilt: wieso wird "Sucker Punch" nicht erwähnt? George Clooneys hervorragende Filme werden wahrscheinlich aus politischen Gründen verschwiegen. Dafür wird der dröge Autofahrfilm "Drive" (obwohl erst 2012) erwähnt, wieso nicht gleich die Fast and Furious Reihe als beste Filme aller Zeiten krönen? "Mr Nice" und "Midnight in Paris" sind in diesem Jahr wichtig etc, etc. Ich lese lieber Kritiken von unprätentiösen Kinoliebhabern.
xcver 29.12.2011
3. Drive?
Zitat von filmforistDie besten Filme fehlen. Anscheinend gehen die SPON Redakteure nicht allzu oft ins Kino. Wieso wurde "Four Lions" nicht erwähnt, als einer der besten Filme des Jahres? Dann extrem gute und extrem schlechte Hollywood Filme in einen Topf zu schmeißen, lässt auf peinliche undifferenzierte Pauschalurteile schließen: "Pirates of the Carribean 4" war grauenhaft, wohingegen "Sherlock Holmes 2" hervorragend ist (s. Kritikertipp (http://www.kritikertipp.de)). Popcornkino wird anscheinend generell verurteilt: wieso wird "Sucker Punch" nicht erwähnt? George Clooneys hervorragende Filme werden wahrscheinlich aus politischen Gründen verschwiegen. Dafür wird der dröge Autofahrfilm "Drive" (obwohl erst 2012) erwähnt, wieso nicht gleich die Fast and Furious Reihe als beste Filme aller Zeiten krönen? "Mr Nice" und "Midnight in Paris" sind in diesem Jahr wichtig etc, etc. Ich lese lieber Kritiken von unprätentiösen Kinoliebhabern.
Aus Ihrem Kommentar wird augescheinlich, dass Sie Drive überhaupt nicht gesehen haben...es erschliesst sich mir nicht, wie man ihn überhaupt als "Autofahrfilm" nennen kann. Nur weil er Drive heisst und ein paar Autostunts vorkommen, dakönnte man auch Driving Mrs. Daisy als "Autofahrfilm" bezeichnen.
AdamCasher 29.12.2011
4.
Zitat von filmforistDie besten Filme fehlen. Anscheinend gehen die SPON Redakteure nicht allzu oft ins Kino. Wieso wurde "Four Lions" nicht erwähnt, als einer der besten Filme des Jahres? Dann extrem gute und extrem schlechte Hollywood Filme in einen Topf zu schmeißen, lässt auf peinliche undifferenzierte Pauschalurteile schließen: "Pirates of the Carribean 4" war grauenhaft, wohingegen "Sherlock Holmes 2" hervorragend ist (s. Kritikertipp (http://www.kritikertipp.de)). Popcornkino wird anscheinend generell verurteilt: wieso wird "Sucker Punch" nicht erwähnt? George Clooneys hervorragende Filme werden wahrscheinlich aus politischen Gründen verschwiegen. Dafür wird der dröge Autofahrfilm "Drive" (obwohl erst 2012) erwähnt, wieso nicht gleich die Fast and Furious Reihe als beste Filme aller Zeiten krönen? "Mr Nice" und "Midnight in Paris" sind in diesem Jahr wichtig etc, etc. Ich lese lieber Kritiken von unprätentiösen Kinoliebhabern.
Four Lions wird wohl nicht erwähnt, da er überhaupt nicht 2011 rausgekommen ist ;-) Nur so eine Möglichkeit.. Und wer ungesehen Drive als "drögen Autofahrfilm" bezeichnet, dem ist nicht zu helfen. Das ist aus meiner Sicht der beste und mächtigste Film seit Jahren. Und ich hasse Autofahrfilme. Aber Drive ist keiner. Midnight in Paris war ein guter, eher noch, netter Film. Aber wichtig?? Nicht wirklich. Mr Nice ist weder wichtig, noch gut, noch aus diesem Jahr. Und Sucker Punch ist schlicht und einfach eine Zumutung, außer man hat ADHS und ist Videospiel- und werbesüchtig.
wolltsnursagen 29.12.2011
5. facepalm
Zitat von filmforistDie besten Filme fehlen. Anscheinend gehen die SPON Redakteure nicht allzu oft ins Kino. Wieso wurde "Four Lions" nicht erwähnt, als einer der besten Filme des Jahres? Dann extrem gute und extrem schlechte Hollywood Filme in einen Topf zu schmeißen, lässt auf peinliche undifferenzierte Pauschalurteile schließen: "Pirates of the Carribean 4" war grauenhaft, wohingegen "Sherlock Holmes 2" hervorragend ist (s. Kritikertipp (http://www.kritikertipp.de)). Popcornkino wird anscheinend generell verurteilt: wieso wird "Sucker Punch" nicht erwähnt? George Clooneys hervorragende Filme werden wahrscheinlich aus politischen Gründen verschwiegen. Dafür wird der dröge Autofahrfilm "Drive" (obwohl erst 2012) erwähnt, wieso nicht gleich die Fast and Furious Reihe als beste Filme aller Zeiten krönen? "Mr Nice" und "Midnight in Paris" sind in diesem Jahr wichtig etc, etc. Ich lese lieber Kritiken von unprätentiösen Kinoliebhabern.
Über "Popcornkino" wie Sie es nennen können Sie weiterhin in "Bild der Frau" "Freundin" und "Bild am Sonntag" lesen, dort wird sicherlich auch ergiebigst über Clooney, Depp und Downey Jr. berichtet. "Kinoliebhaber" deren Ziel ist im Kino zwei Stunden das Gehirn auszuschalten, wie bei den von Ihnen vorgeschlagene Filmen für den Film des Jahres, sind bei diesen Medien gut aufgehoben. Der Spiegel ist ein seriöses Medium in dem über seriöse, sehenswerte Filme berichtet wird. "Sucker Punch" "Fluch der Karibik x" oder "Sherlock Holmes x" haben mit sehenswerten Filmen ungefähr so viel zu tun wie Lars von Trier mit Bescheidenheit und Demut.
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