"Weekend" von Andrew Haigh
Von Daniel Sander
Nichts gegen eine große Tragödie. Ein paar der besten Filme des Jahres 2011 waren jene, die einen so richtig deprimieren konnten: "Blue Valentine" über das Ende einer großen Liebe, "Nader und Simin" über das Ende einer Ehe, "Melancholia" über das Ende der Welt. Doch wie schön ist es, wenn Kino es versteht, sein Publikum glücklich zu machen - und kein Film hat das in diesem Jahr so verstanden wie "Weekend" von Andrew Haigh.
Dabei kommt auch der zunächst nicht sehr gut gelaunt daher: Zwei junge Männer aus Nottingham lernen sich am Freitagabend in einem Club kennen und verbringen eine Nacht miteinander. Sie finden sich attraktiv, aber nicht sympathisch. Ein netter, schüchterner Bademeister (Tom Cullen), der nach dem Prinizip "Leben und leben lassen" durch die Welt geht, und ein forscher Künstlertyp (Chris New), der seine Ansichten gern so öffentlich wie möglich macht. Passt nicht. Außerdem will einer von beiden zwei Tage später für einige Jahre in die USA gehen. Es kann also gar nichts werden mit den beiden.
"Weekend" erzählt von der unspektakulären Annäherung zweier normaler Menschen, ruhig und ohne Schnörkel. Es gibt keine vor Leidenschaft bebenden Liebesschwüre, von großer Liebe ist nie die Rede. Trotzdem, und das ist die große Leistung dieses Films, hat man das Gefühl, vielleicht gerade das Entstehen einer großen Liebe mitzuerleben. Die beiden haben zweieinhalb Tage, dann muss ihre Geschichte vorbei sein. Vorerst oder für immer, es spielt eigentlich keine Rolle. Wichtig ist, es zu versuchen. Ein Film über die kleine Tür zum Glück, die sich immer nur ganz kurz öffnet, und vielleicht für immer verschlossen bleibt, wenn man nicht hindurchgeht. Wer es doch tut, kann nur gewinnen.
Enttäuschung des Jahres: Einer der besten Regisseure der Welt präsentiert einen der langweiligsten Filme des Jahres: Das Interessanteste an David Cronenbergs Psychoanalyse-Geschwafel "Eine dunkle Begierde" ist es noch, Keira Knightley dabei zu beobachten, wie weit sie als psychotische Russin ihren Unterkiefer nach vorne schieben kann.
Entdeckung des Jahres: Die Amerikaner bringt Kristen Wiig in der TV-Show "Saturday Night Live" schon seit Jahren zum Lachen, in "Bridesmaids" durfte die Schauspielerin und Autorin nun der ganzen Welt zeigen, dass sie der witzigste Mensch auf dem Planeten ist. Der maßlos bescheuerte deutsche Titel des Films ("Brautalarm") ist indes ein Kandidat für die Frechheit des Jahres.
Augenweide des Jahres: Lars von Trier erfindet sich neu als Arthouse-Emmerich und die Apokalypse wird zum Happy End - niemals ging die Welt schöner unter als in "Melancholia".
Frechheit des Jahres: Ein Vollidiot wacht in einem Kerker auf, pöbelt eine Weile die Eisentür an und verbringt dann den Rest des lächerlichen "Cube"-Abklatsches "Iron Doors" von Stephen Manuel damit, seinen Urin zu trinken und Maden zu essen. In 3D.
Szenenapplaus: Ein Mann und eine Frau sitzen stumm im Flur eines Teheraner Gerichts und warten. Das Ende einer Ehe - alles ist gesagt, und nichts wird wieder gut. Fast jede Szene in Ashgar Farhadis Berlinale-Gewinner "Nader und Simin" ist es wert, bejubelt zu werden, aber keine so sehr wie die überwältigende, unendlich traurige Schlusssequenz.
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