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Filmjahr 2015: Seid umschlungen, Milliarden

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So viele Blockbuster wie noch nie - Hollywood bejubelt ein Rekordjahr. Doch was hat sich jenseits von "Jurassic World" und "Star Wars" getan? Der Rückblick.

Hits ohne Stars

Wie so viele Blockbuster 2015 hatte "Fast & Furious 7" keine Stars im Ensemble Zur Großansicht
Universal Pictures

Wie so viele Blockbuster 2015 hatte "Fast & Furious 7" keine Stars im Ensemble

Egal, ob Johnny Depp, George Clooney, Bradley Cooper, Chris Hemsworth, Channing Tatum oder Hugh Jackman. Ob als cholerischer Sternekoch, fürsorglicher Familienvater oder Walfänger in Seenot: Es machte keinen Unterschied, Hollywoods millionenschwere leading men waren in diesem Jahr ihr Geld nicht wert. Mögen "A World Beyond", "Jupiter Ascending" oder "Pan" auch zu Recht untergegangen sein - diese Flops verstärken einen problematischeren Trend. Jenseits von Superhelden, ihren Fortsetzungen oder Neuerfindungen, fühlen sich die großen Produktionsfirmen immer weniger zu Innovationen bemüßigt. Und leider haben sie die Zahlen auf ihrer Seite.

Nach den Horrormeldungen, dass dem US-Kinomarkt der schlechteste Sommer aller Zeiten bevorstünde, folgten prompt die Jubel-News. Mit "Jurassic World", "Fast and Furious 7", den "Minions" und "Pitch Perfect 2" gelang Universal über den Sommer eine beispiellose Erfolgsserie, die ganz Hollywood aufatmen ließ.

Noch besser lief es aber für Disney: Erst legte man mit "Avengers: Age of Ultron" vor, dann räumte man mit "Star Wars: Das Erwachen der Macht" ab. Disney wird in diesem Jahr das erste Studio sein, das weltweit auf fünf Milliarden Dollar Umsatz kommt. Die womöglich beeindruckendste Zahl dürfte aber diese hier sein: Fünf der zehn erfolgreichsten Filme aller Zeiten stammen aus 2015. Alles gut also in L.A.? Nun ja.

Männer ohne gute Rollen

Kristen Wiig (l.) und Bel Powley im Coming-of-Age-Film "Diary of a Teenage Girl" Zur Großansicht
Sony Pictures

Kristen Wiig (l.) und Bel Powley im Coming-of-Age-Film "Diary of a Teenage Girl"

Unter der DinoMinionRächer-Flut leidet vor allem das Segment der sogenannten Erwachsenenfilme mit ihren Prestigerollen für Hollywoods A-Lister. Das zeigt sich insbesondere bei den Anwärtern auf den Hauptdarsteller-Oscar, wo die Auswahl 2015 dünn wie selten ist. Michael Fassbender ("Steve Jobs") wäre wohl auch in stärkeren Jahrgängen mit dabei, doch schon Leonardo DiCaprios Tour de Force in "The Revenant" (Deutschlandstart: 14. Januar) fällt gegenüber komplexeren Auftritten - etwa in "The Wolf of Wall Street" - deutlich ab. Danach wird es schon schwer, die restlichen Plätze auf der Nominierungsliste zu füllen.

Ganz anders das Bild bei den Frauen: Junge Talente (Brie Larson, Bel Powley) und ältere Stars (Charlotte Rampling, Jane Fonda) haben 2015 gleichermaßen brilliert, von martialischer Action-Heroine (Charlize Theron, "Mad Max: Fury Road") bis zu majestätischer Verführerin (Cate Blanchett, "Carol") war das Rollenspektrum wunderbar vielseitig. Fehlt nur noch die angemessene Bezahlung. Mit der Statue als bester Nebendarstellerin in der Hand mahnte Patricia Arquette bei den Oscars im Februar gleiches Geld für gleiche Arbeit an. Meryl Streeps legendäre Reaktion auf die Rede:

Meryl Streep während Patricia Arquettes Oscar-Rede
Vogue

Meryl Streep während Patricia Arquettes Oscar-Rede

Jennifer Lawrence, die für "American Hustle" deutlich weniger Geld als ihre männlichen Kollegen bekommen hatte, griff das Thema im Herbst nochmals auf. Sie habe die Sorge gehabt, bei den Gehaltsverhandlungen als schwierig und verwöhnt herüberzukommen, schrieb sie in Lena Dunhams Newsletter "Lenny". "Dann fand ich heraus, dass keiner der Männer, mit denen ich gearbeitet hatte, auch nur im Entferntesten diese Sorge teilte." Jennifer Lawrence scheint ihr Erweckungserlebnis gehabt zu haben. Bleibt die Frage, wann es die Studiobosse haben.

Oscars ohne Diversität

Michael B. Jordan als Boxer Adonis Johnson in der "Rocky"-Fortsetzung "Creed" Zur Großansicht
Warner Bros.

Michael B. Jordan als Boxer Adonis Johnson in der "Rocky"-Fortsetzung "Creed"

"Wir erkennen unsere Verantwortung an, mit unseren Besetzungsentscheidungen die Vielfalt der Kulturen und Zeitalter widerzuspiegeln, die wir porträtieren. In diesem Fall haben wir dabei versagt, unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Dafür entschuldigen wir uns aufrichtig." Ein Jahr, das mit dem Aufschrei #oscarssowhite begann, fand mit diesen Worten ein erstaunliches Ende. Kaum war bekannt geworden, dass Lionsgate bei seinem kommenden Blockbuster "Gods of Egypt" auf ein rein weißes Ensemble gesetzt hatte, entschuldigte sich das Studio. "Ein ungewöhnliches, bemerkenswertes Ereignis", befand Regisseurin Ava DuVernay, die selbst im Mittelpunkt der Oscar-Debatte gestanden hatte, da weder sie noch ihr Hauptdarsteller David Oyelowo für das kraftvolle Martin-Luther-King-Biopic "Selma" nominiert worden waren.

Nun werden auch die Oscars 2016 sehr wahrscheinlich so weiß sein, höchstens bei den Darstellern können Idris Elba und Will Smith auf Anerkennung hoffen. Doch jenseits der Academy Awards ist Bewegung in die Branche gekommen. Beim Reboot der "Fantastic Four" besetzten die Produzenten eine vormals weiße Figur mit dem Schwarzen Michael B. Jordan. Ein mittlerer Shitstorm war die Folge, doch 20th Century Fox und Marvel saßen ihn aus.

Jordan ist ab Januar zudem in der gefeierten "Rocky"-Fortsetzung "Creed" (Deutschlandstart: 14. Januar) zu sehen - als Ziehsohn von Rocky Balboa, an dessen Stelle er nun in den Ring steigt, um den einen oder anderen Kampf des Jahrhunderts auszustehen.

"Straight Outta Compton" über die Rapper von NWA war ein Überraschungshit Zur Großansicht
Universal Pictures

"Straight Outta Compton" über die Rapper von NWA war ein Überraschungshit

Außerdem hat sich das NWA-Biopic "Straight Outta Compton" den Titel als erfolgreichstes Musikerporträt aller Zeiten geholt. Von dessen glänzendem Newcomer-Cast wird man bestimmt bald mehr sehen - und von F. Gary Gray und Ryan Coogler, den Regisseuren der beiden Erfolgsfilme, ebenso. Zusammen mit Rick Famuyas "Boyz n the Hood"-Update "Dope" (Deutschlandstart: 28. Januar) sowie dem Comeback von Spike Lee scheint es um das neue "New Black Cinema" gut bestellt zu sein. Oder darf man einen Amazon-Stream nicht als Kinofilm werten?

Filme ohne Kino

"Ein grauenhaftes Ergebnis", war sich die Branche einig, als die ersten Zahlen zum Kinostart von "Beasts of No Nation" vorlagen. Der neue Film von "True Detective"-Regisseur Cary Fukunaga war zwar nur in einer Handvoll Kinos in den USA und Großbritannien gestartet, damit er sich für die großen Filmpreise qualifizieren konnte. Doch ein Einspielergebnis von 90.000 Dollar war so schlechte PR für den ersten Film, den Netflix sowohl als Stream- als auch als Kino-Release herausbrachte, dass sich das Unternehmen zu dem für seine Verhältnisse ungewöhnlichsten Schritt überhaupt gezwungen sah: Es veröffentlichte Zahlen. Über drei Millionen Zuschauer hätten den Film in den USA in den ersten zwei Wochen gestreamt, gab Netflix-Chef Ted Sarandos bekannt.

Für ein ambitioniertes Kindersoldaten-Drama sind das gute Zahlen, doch den Einstieg ins Filmgeschäft hätte sich Sarandos sicherlich triumphaler vorgestellt - zumal Konkurrent Amazon Studios wenig später souverän vorbeizog. Spike Lees neuer Film "Chi-Raq" (Start in den USA: 4. Dezember) spielte trotz gleichzeitigem Video-on-Demand-Angebot bei Amazon Prime über 2,4 Millionen Dollar an den Kinokassen ein.

Vor allem aber sorgte das satirische Musikdrama über Waffengewalt für das, was das wichtigste Ziel der Filmoffensiven von Netflix und Amazon ist: für Gesprächsstoff. Kritiker bejubelten "Chi-Raq" als einen von Lees besten Filmen überhaupt, während Bewohner von Chicago darüber stritten, ob ihre Stadt und deren Probleme adäquat dargestellt seien.

Gefeiert für seinen Amazon-Film "Chi-Raq": Regisseur Spike Lee Zur Großansicht
AP

Gefeiert für seinen Amazon-Film "Chi-Raq": Regisseur Spike Lee

Noch ist allerdings völlig offen, ob sich "Beasts" und "Chi-Raq" (mit ihren Budgets von 4 bzw. 15 Millionen Dollar) jemals rechnen werden. Damit bleibt auch die Frage ungeklärt, ob sich mit Streamingdiensten eine nachhaltige Alternative zu den herkömmlichen Finanzierungs- und Vertriebsprozessen für Filme entwickelt. Dass Netflix auf "Beasts of No Nation" die grandios verrissene Adam-Sandler-Komödie "The Ridiculous Six" hat folgen lassen, macht jedenfalls wenig Hoffnung auf weitere Qualitätsproduktionen.

Zudem hat James Poniewozik in der "New York Times" kürzlich herausgearbeitet, wie Streamingdienste für weniger statt mehr Innovationen bei ernsthaften Serienstoffen gesorgt haben - eben weil sie so genau über die Gewohnheiten ihrer Nutzerinnen und Nutzer Bescheid wissen und deshalb ihre Nummer sicher wirklich sicher ist.

Womöglich kommt bei der kleinen Streaming-Produktion also dasselbe raus wie bei der riesigen Studio-Produktion: more of the same. Nur ohne Stars.

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Neu im Kino: Tops und Flops
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insgesamt 19 Beiträge
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    Seite 1    
1. Blockbuster
vulcan 29.12.2015
Je größer der Blockbuster, desto uninteressanter sind diese Monsterproduktionen für mich. Massenverträglicher Einheitsbrei mit lächerlichen Drehbüchern (Story) mit immer denselben Versatzstücken - von politisch korrekt bis hin zur Quotenheldin. Das Ganze oft genug auch noch erschlagen von special effects, superhektischen Schnitten und 3D. Als Zugpferde ein paar hippe Jungschauspieler und fertig ist der 'Blockbuster'. Langweil.
2. Hollywood...
ikarus2015 29.12.2015
..jubelt und die Qualität der Filme nimmt immer mehr ab. Filme abseits der Blockbuster schaffen es teils nicht mal mehr in die Kinos. Es gibt immer weniger Vielfalt. Naja, Ansprüche sinken eben. Passt zur Verdummung unserer Gesellschaft
3.
mr.andersson 29.12.2015
"Wie so viele Blockbuster 2015 hatte "Fast & Furious 7" keine Stars im Ensemble" Öha.... Vin Diesel, Paul Walker, Dwayne "the Rock" Johnson sind keine Stars? Man lernt ja nie aus im Leben.. Und so groß sind die Erfolge gar nicht, da braucht Opa gar nicht das "die sind halt alle blöder als früher" aus der Mottenkiste kramen, dass schon im alten Rom keinen mehr juckte. Inflationsbereinigt liegen dann eben Star wars (genau wie heute) und so interlektuelle Perlen wie E.T, Titanic, der weiße Hai,der Exorzist und Schweewitchen und die 7 Zwerge unter den Top 10. Noch nie ist die Masse der Menschen aus dem Grund der geistigen Erbauung ins Kino gegangen, sondern zur Unterhaltung. Zur geistigen Erbauung gibt es anderes.
4. Amerikanisches Filmjahr 2015
logosabc 29.12.2015
Die Überschrift des Artikels sollte nicht "Filmjahr 2015" sondern "Amerikanisches Filmjahr 2015" lauten, da man sonst Gefahr läuft, das Filmschaffen in der restlichen Welt auszublenden.
5. Oh noes
jhea 29.12.2015
es gibt keine erwachsenen Filme mehr im Kino. Na wenn die Gruppe der 'Erwachsenen' nicht ins Kino geht, kein wunder. Wayne?!
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