Kino-Amazone Kristanna Loken "Ein Gefühl der Ermächtigung"

Actiongirls, die stark und sexy sind, haben Konjunktur in Hollywood: Sogar Über-Macho Arnold Schwarzenegger muss sich in "Terminator 3" von einer schönen Frau verprügeln lassen. Terminatrix-Darstellerin Kristanna Loken ist sich dieser Symbolik durchaus bewusst.

Von Nina Rehfeld


Terminatrix gegen Terminator: "Was soll das wohl bedeuten?"
REUTERS

Terminatrix gegen Terminator: "Was soll das wohl bedeuten?"

Hollywood kriegt einfach nicht genug von seinen Martial-Arts-Babes. Grufträuberin Lara Croft und Charlies wilde Engel zeigen ihren männlichen Gegnern bereits im zweiten Aufguss, was eine Harke ist, und jetzt muss sich sogar Arnold Schwarzenegger von der holden Weiblichkeit eins überziehen lassen. Kristanna Loken heißt die Amerikanerin, die in "T3" ungerührt den Terminator höchstpersönlich verdrischt. Loken, 23 war bisher als B-Serien-Schauspielerin ("Mortal Kombat") und Model unterwegs. Beim "T3"-Casting stach sie allerdings Hollywoodstars wie Famke Janssen und Muskelmädels wie die Wrestling-Amazone Chyna aus.

Tatsächlich erscheint die New Yorkerin skandinavischer Abstammung im Gespräch als perfekte Melange aus süßer Lolita, lasziver femme fatale und titanhartem Computerspiel-Girl. Ihr blondgewelltes Haar konkurriert mit den kindlichen Rundungen ihres Gesichts, das ärmellose Top ihres weißen Hosenanzugs begrenzt eine Figur, deren Weichheit von ein wenig Babyspeck noch betont wird. Doch ihr sanfter Tonfall schwingt aus einer tiefen, leicht rauen Stimme, in der man sich auch unschwer einen barschen Kommandoton vorstellen kann. Und aus den Augen blickt das ironische Lauern einer Sharon Stone - immer auf der Hut. Vielleicht das Klügste für eine Frau, die nach eigenen Angaben bisher "jeden Job machte, den ich kriegen konnte". So ganz traut sie der großen Show noch nicht über den Weg. "Es hat schon einen gewissem Symbolwert", sagt sie eher tapfer als taff, "mein erster großer Film, und ich bin darin stärker als einer der stärksten Kerle in Hollywood. Was soll das wohl bedeuten?"

Loken als mörderische Maschine in "T3": Laszive femme fatale und Computerspiel-Girl
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Loken als mörderische Maschine in "T3": Laszive femme fatale und Computerspiel-Girl

Vor allem natürlich, dass Fighter-Frauen noch immer angesagt sind. Als sich Linda Hamilton, weibliche Hauptdarstellerin der beiden ersten "Terminator"-Filme, vom Disco-Mäuschen zur knallharten Weltenretterin mauserte, wurde sie prompt zum Idol einer ganzen Generation. Kristanna Loken freilich ist zu jung, um ein Fan von Linda Hamilton gewesen zu sein. 1984 war sie noch nicht einmal eingeschult. Doch Loken erweist ihren Wegbereiterinnen artig Reverenz. "Es ist wohl nicht zuletzt ein Verdienst der Frauenbewegung, dass es solche Rollen überhaupt gibt. Viele Schauspielerinnen sind es leid, ständig die 'damsel in distress' zu spielen. Frauen wie Sigourney Weaver sind für mich auf diesem Gebiet große Pioniere."

Loken selbst ist Amazone einer anderen Generation. Sie ist begeisterte Reiterin, praktiziert Yoga und Meditation und ist "für jede Aktivität an der freien Luft zu haben." Und sie trägt Tattoos, die philosophische Skepsis symbolisieren: "Ich habe so einen Spleen mit Zeit. Ich mag Zeit nicht, ich glaube, Zeit ist eine von der Gesellschaft auferlegte Beschränkung, die das Leben in saubere Kategorien und Abfolgen zerlegen soll. Die Sterne und der Mond auf meiner Haut repräsentieren Freiheit davon."

Loken mit Filmpartner Schwarzenegger (in Berlin): "Er ist irgendwie unberührbar"
AP

Loken mit Filmpartner Schwarzenegger (in Berlin): "Er ist irgendwie unberührbar"

In Sachen Frauenrollen beschreitet auch sie nun Neuland: Einer alten Boxerweisheit zufolge geht es im Ring nicht nur um Geber-, sondern auch um Nehmerqualitäten - und beim Nehmen ist Kristanna Loken den konkurrierenden Film-Ladies um einiges voraus. Noch nie ist eine Frau auf der Leinwand so lustvoll vermöbelt worden wie Kristanna Lokens Terminatrix. Kachelwände, Feuerlöscher, Sattelschlepper arbeiten sich da erfolglos an der Zerstörung ihrer schönen Schale ab. Schließlich rammt Schwarzenegger sie kopfüber und mit Schwung in eine berstende Toilettenschüssel. Ein misogynes Freudenfest. "Aber er sieht mich ja nicht als Frau, sondern als Maschine. Und ich kriege meine Rache", sagt Kristanna Loken ruhig und lächelt.

Gegen Arnold Schwarzenegger zu kämpfen, sagt sie, sei "ein Gefühl der Ermächtigung". Sieben Kilo Muskeln hat sich Kristanna Loken für den Showdown mit Arnie antrainiert - bis sie stattliche 65 Kilo von der Bank drücken konnte. Sie hat den israelischen Militär-Straßenkampf Krav Maga erlernt und ein Waffentraining absolviert. "Und in meinem Hinterkopf hämmerte ständig der Gedanke: Du musst gegen Arnold kämpfen! Du musst gegen Arnold kämpfen! Das war ziemlich inspirierend."

Hollywood-Sternchen Loken: "Bloß keinen Auftritt verpassen"
AP

Hollywood-Sternchen Loken: "Bloß keinen Auftritt verpassen"

Respekt hatte Loken dann aber weniger vorm Einstecken als vorm Austeilen. "Glücklicherweise habe ich ihn nie wirklich schlagen müssen. Aber ich habe oft genug gedacht: 30 Millionen Dollar - triff ihn bloß nicht im Gesicht, Kristanna!"

Ihren Filmpartner beschreibt sie als "ungeheuer bewandert in Sachen Actionfilm und immer für einen Scherz gut. Aber er ist auch irgendwie unberührbar, eben ein Superstar. Am vertrautesten waren unsere Gespräche im Make-Up-Trailer." Thema: Das Leben in der Provinz, der beide entstammen.

Kristanna Loken verbrachte ihre Kindheit zusammen mit Schwester Tanya auf einem Öko-Bauernhof im Bundesstaat New York. Ihre Mutter, ein Ex-Model, und ihr Vater, Schauspieler und Drehbuchautor, hatten die "LoveAppleFarm" 1969 gekauft. Doch Kristannas Vater arbeitete auch auf der Farm weiter als Drehbuchautor, und es war wohl nicht zuletzt das unglamouröse Farmleben, das sie bereit als 13-Jährige erstmals vor die Kamera streben ließ. "Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen. Und ich kann mich glücklich schätzen, dass mich meine Eltern zu Tanz-, Sing- und Sprechkursen schickten und dafür sorgten, dass ich mein Talent auch auf der Theaterbühne probieren konnte. Vor diesem Hintergrund blieb mir vielleicht nichts anderes übrig, als eine Schauspielkarriere einzuschlagen."

Loken-Wegbereiterin Hamilton (in "Terminator", 1984): "Viele Schauspielerinnen sind es leid, ständig die 'damsel in distress' zu spielen"
Foto: ZDF

Loken-Wegbereiterin Hamilton (in "Terminator", 1984): "Viele Schauspielerinnen sind es leid, ständig die 'damsel in distress' zu spielen"

Heute lebt Loken in Los Angeles. "Die Farm", sagt sie, "das bin ich nicht mehr." Allerdings vertreibt sie auf ihrer Website Kalender mit Fotos der drei Loken-Frauen auf ihrer Obstfarm - in Unterwäsche und anzüglichen Posen. Die Website ziert auch Kristannas Lebensmotto: "Believe in and follow your dreams" - mit drei Ausrufezeichen, was ein wenig wirkt wie der Poesiealbum-Eintrag eines Teenagers. Aber ja, sie hat auch noch eine harte Seite. Auf die entsprechende Frage eines amerikanischen Journalisten antwortete sie: "Klar. Haben wie nicht alle unsere Momente, in denen wir auf der Autobahn am liebsten eine Knarre aus der Handtasche ziehen würden?" Angst hat Kristanna Loken eigentlich nur vor einem: "Zu verschlafen und zu spät zur Arbeit zu erscheinen. Davor habe ich wirklich Horror - einen Auftritt zu verpassen."



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