Kino "An jedem verdammten Sonntag" - Der Geist moderner Krieger

In einem furiosen Rausch hat Oliver Stone den Football imitiert und das Spiel zum Leben gemacht.

Von Nataly Bleuel


Kaum ist es vorbei, kannst du dich nicht mehr erinnern, wie genau die Bilder aussahen, am Anfang dieses Films. Ein choreografierter Schnitt-Rausch, furioso: kriegerische Gesichter unter Helmen, Körpermasse, Gewalt, Schnelligkeit, Musikfetzen, Zeitlupen, archaische Kraft, Atmen, Nahaufnahmen, Angst, Kotzen, Ballett, rasende Formationen, Totale, Schreie, Freude und ein zischendes, eiförmiges Ding, das auf dich zufliegt. Blitz und Donner. Cut, cut, cut. Wie es so weit kommen konnte, weißt du nicht mehr, aber es ging rasend schnell: Plötzlich bist du in einem Spiel, das dich bislang nicht die Bohne interessiert hat, dessen Regeln du nicht mal verstehen wolltest, das du immer für eine brutale Idiotie gehalten hattest. Das die Amerikaner "Football" nennen und quasi religiös zelebrieren, so wie die europäischen Männer den Fußball. Doch am Ende ahnst du: Bei diesem Film, der von einem Spiel handelt, geht es eigentlich ums Leben. Um Werte. Teamgeist. Und eine Gesellschaft, die sich dessen entledigen zu können glaubt.

Der alte Trainer Tony D’Amato (Al Pacino) hat sein Team, die Miami-Sharks, zwei Mal hintereinander zu Meistern gemacht. Aber das ist lang her, jetzt sind die Sharks auf dem absteigenden Ast, zwei seiner Starspieler fallen aus, die Zuschauer und die Sponsoren ebenso. Die kaltblütige Christina Pagniacci (Cameron Diaz) hat den Club von ihrem Dad geerbt; der war noch Sportsmann alter Schule, doch Christina will – und muss – big business machen. Da kommt ein ehrgeiziges Nachwuchstalent ins Spiel, der schwarze Willie Beamen, ein junger Football-Gott. Willie ist clever und er will Ruhm, Geld, Macht – schnell und um jeden Preis: Einzelkampf vs. Teamgeist. Willie, der Star: Diamanten im Ohr, Sponsoren zu Füßen, getunte Einsachtzig-Kampfgazellen am Biep. Willie rappt im Big-Willie-Style und die Mannschaft hat trotzdem das Nachsehen. Der archaische, solidarische Geist geht flöten. Ein Kampf beginnt, zwischen alt und jung, abgehalftert und energisch, Tradition und dem, was manche "neoliberalen Zeitgeist" nennen.

Schlussendlich ist dieser überwältigende Film von Oliver Stone wohl einer seiner hoffnungsvollsten. Er ist rasant gedreht, im warmen Licht Miamis, die Kameras an den Körpern, der Schnitt eine turbulente Formation, rhythmisiert von einem gewaltigen Musiksample aus Hip Hop, Metallica und indianischem Spiritual. Der Teamgeist in Stones Schauspieler-Aufgebot muss gestimmt haben: Jeder gibt seine Rolle perfekt, keiner spielt den anderen aus. Auf den Coach Al Pacino ist Verlass, er brilliert mit seiner Variante der Philosophie "Every Inch Counts". Furios – wenn auch ein paar Andante-Pausen nicht geschadet hätte, zum Luftschnappen.

Von einer Kritikerin wurde Oliver Stone gefragt, wann er mal wieder einen politischen Film drehen würde. Die Sorte Film wie "Nixon" oder "JFK" seien, antwortete er, in den USA momentan nicht sonderlich gefragt. Es herrsche da eine "neue Kultur", ein rasanter Wertewandel, die große Verunsicherung. Politik unter dem Primat der Wirtschaftlichkeit. Mit diesem Football-Film aber hat er spielend ein kritisches Bild dessen gezeichnet, was gegenwärtig Geist ist: in Politik, Sport, Unterhaltung oder Wirtschaft. Eigeninteresse vs Solidarität. Geld vs Stolz. Medien vs Message. Einzelkämpfer vs Gruppe.

„An jedem verdammten Sonntag“, USA 1999, Regie: Oliver Stone, Buch: John Logan und Oliver Stone, Darsteller: Al Pacino, Cameron Diaz, Jamie Foxx, James Woods, Dennis Quaid, LL Cool J, Matthew Modine, Charlton Heston, Ann-Margret, Aaron Eckhart, John C. McGinley, Kamera: Salvatore Totino, 163 Minuten



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