Kino-Autobiografie "Beginners" Daddy schwul

Mike Mills gilt als einer der Hoffnungsträger des amerikanischen Autorenkinos. Mit "Beginners" hat er nun die Geschichte seines eigenen Vaters verfilmt, der seine Homosexualität erst im hohen Alter auslebte - ein bewegender Film über die Frage, was eigentlich dem eigenen Glück im Wege steht.

Universal Pictures

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Ist das eine Geschichte vom Glück oder vom Unglück? In den fünfziger Jahren, als Hal (Christopher Plummer) ein junger Mann war, war Homosexualität in den USA so verpönt, dass er kein Coming-Out wagte. Stattdessen heiratete er und zeugte einen Sohn. Erst vierzig Jahre später, nachdem seine Frau gestorben war, bekannte er sich offen zu seiner Homosexualität und lebte die letzten fünf Jahre seines Lebens glücklich als Schwuler.

Mike Mills erzählt in "Beginners" die Geschichte von Hal mit all ihren Ambivalenzen. Er erzählt von der Lebensfreude, die Hal im hohen Alter noch einmal erfährt; er erzählt von der Ehefrau, die die Lüge ihrer Ehe tief in sich vergraben hat; vor allem aber erzählt er von der Zerrissenheit des Sohnes, der sich für seinen Vater freuen will und dennoch mit der Mutter trauert. Denn dieser Sohn ist Mills selbst - und "Beginners" nur wenig anderes, als die gemeinsame Geschichte von ihm und seinem eigenen Vater.

Der starb 2003, ebenfalls nach einer kurzen Phase des Glücks, als bekennender Schwuler. Noch während sein Vater am Leben war, wurde Mills klar, dass er dessen Geschichte in einem Film erzählen wollte. Ob als Spielfilm oder Dokumentation, mochte er noch nicht entscheiden, für beides bekam er das Okay seines Vaters. Das Vertrauen war berechtigt: Mit "Beginners" gelingt es Mills, sowohl seine sehr persönliche Geschichte zu erzählen als auch etwas sehr Allgemeines offen zu legen. Er verschränkt nämlich eine zweite Liebesgeschichte mit der des Vaters. Und so verschieden die auch ist, laufen beide auf die eine große Frage hinaus: Was steht eigentlich zwischen mir und meinem Glück?

Etwas Trübes, Dunkles

Kurze Zeit nach dem Tod des Vaters trifft Mills' Alter Ego Oliver (gespielt von Ewan McGregor) auf die zauberhafte Anna (Mélanie Laurent). Ihre Affäre beginnt flirrend leicht. Ohne Worte finden sie zueinander, und die stille Absprache, es in der ersten gemeinsamen Nacht bei Küssen zu belassen, kommt schon einem Liebesbeweis gleich.

Doch dann drängt sich Olivers Traurigkeit dazwischen. Woher sie kommt, weiß er selbst nicht recht. Da ist noch die Trauer um die Eltern und ihre verfehlte Ehe, die weiter an Oliver zerrt. Aber da ist noch mehr, etwas Trübes, Dunkles, das ihn dazu treibt, Anna wieder ziehen zu lassen. Erst als er wieder allein ist, zwischen Umzugskartons und mit dem Jack-Russell-Terrier seines Vaters als einziger Begleitung, erkennt Oliver, dass er vielleicht gerade denselben Fehler wie sein Vater gemacht hat: Er hat sich selbst die Liebe verweigert. Wird er das noch ändern können? Und kann er dabei - so unwahrscheinlich es zunächst erscheinen mag - etwas von seinem Vater lernen?

Auf diese Fragen leitet Mills ganz behutsam hin. Optische Gimmicks wie Animationen und Untertitel für den Terrier, der zwar menschliche Sprache versteht, aber selbst nicht sprechen kann, geben ihm einen spielerischen Anfang. Zusätzlich erhält der Film durch entsättigte Farben und wenig direktes Licht, wie man es auch von alten Familienfotos kennt, einen nostalgischen Grundton. Damit erinnert "Beginners" nicht so sehr an Mills' ersten Spielfilm "Thumbsucker", eine originelle, aber unausgegorene Mischung aus Familiendrama und Gesellschaftskomödie, sondern vielmehr an sein Video "All I Need" von Air. In dem Clip lässt Mills ein junges Skaterpaar durch ein Los Angeles treiben, das nur aus Sonnenuntergang zu bestehen scheint.

Mit "Beginners" liefert er aber viel mehr als nur Stimmungen. Zwar passiert in den meisten der Szenen nicht viel, doch wie Mills sie montiert, ergeben sie eine absolut dichte, berührende Geschichte. Da wirft Olivers Mutter (großartig: Mary Page Keller) ihrem Mann einen enttäuschten Blick hinterher, als dieser sich wieder nur mit einem flüchtigen Kuss von ihr verabschiedet - und als nächstes fängt die Kamera die bunten, fröhlichen Halstücher ein, die Hal nach seinem Coming-Out plötzlich so gerne trägt.

Szenen einer Hipster-Beziehung

Zusammengehalten wird das alles von Christopher Plummer als Hal, der das strahlende Zentrum des Films bildet. Er bringt zu gleichen Teilen Eigensinn und Wärme in die Rolle, mit ihm fühlt man - und arbeitet sich zugleich an ihm ab. Ewan McGregor fällt dagegen etwas ab, denn sein Oliver ist zwangsläufig etwas blasser und ungefährer als der Vater, der gerade sein Leben neu erfunden hat. Dennoch gelingt es McGregor, Olivers Traurigkeit nicht als Selbstmitleid zu diffamieren. Seine besten Momente hat er an der Seite von Mélanie Laurents Anna. Wie schon in "Inglourious Basterds" oder "Das Konzert" beweist sie sich als Darstellerin, die mit winzigen Gesten - einem Blitzen in den Augen oder einem Zucken in den Mundwinkeln - ganze Rollen erschafft. Wo Mills manchmal nicht viel mehr als Szenen aus einer Hipster-Beziehung einfallen, füllen sie und McGregor die Lücken mit ihrer wunderbaren Chemie.

So gelingt es "Beginners" letztlich, Bilder und Stimmungen hervorzurufen, die sich unglaublich leicht und schwebend ausnehmen und doch - zusammengenommen - eine große, schwere Geschichte erzählen. Ob es eine vom Glück oder Unglück ist, diese Entscheidung, das darf sich jeder selbst überlegen.



insgesamt 16 Beiträge
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inbay 09.06.2011
1. Coming Out = Glück?
Schon diese simplifizierte Schlussfolgerung ist falsch: „Erst vierzig Jahre später, nachdem seine Frau gestorben war, bekannte er sich offen zu seiner*Homosexualität*und lebte die letzten fünf Jahre seines Lebens glücklich als Schwuler.“ Als wäre die sexuelle Disposition für die Wahrnehmung von Glück verantwortlich. Wer eine derartige Reduktion der eigenen Gefühlswelt in Betracht zieht hat entweder keinen Verstand oder erlebt die Welt aus der Sicht des Geschlechtstrieb. Beides ist aber Glücks feindlich, wider der Psyche und folge mangelnder Menschenkenntnis.
Cap Matifou 09.06.2011
2. Also diese schöne Geschichte
hätten alle Beteiligten für sich behalten müssen. Würg.
autocrator 09.06.2011
3. überfrachtet
Zunächst: Bisher kenne ich nur die hier auf SPON gezeigten Filmausschnitte. McGregor und Plummer wirken (wie schon Swinton und Reeves in Mills' Erstling 'Thumbsucker') als "too big" für den film ... der dadurch "überfrachtet" wirkt. - Soweit zu verstehen ist er dann auch noch thematisch überfrachtet: Altershomosexualität, AltersComingOut, irgendeine banale Hetero-Lovestory, Rückschau auf die Sexualmoral der 50er-Jahre, Dazu eine Krankheits-/Sterbe-Story ... da helfen dann auch Untertitel für den Nicht-sprechenden Hund nicht mehr, das ganze aufzulockern: Das ist als Gemenge einfach "too much". Zu allem wohl auch noch modern-amerikanisch aseptisch: Sex als allgemeines Thema ja, aber bloß nichts zeigen (herrjeh, was ist an einem steifen Penis schon so aufregend?), geschweige den in seinen Tabubereichen wie z.B. Alters-Sex thematisierend. Genau wie 'Thumbsucker' wird es wohl ein schöner Film sein, der aber dem Medium Film nicht gerecht wird. Mills hätte besser einen 800-seitigen Roman geschrieben: Literatur kann diese Komplexität fassen. Film nur selten.
moritzmh 09.06.2011
4. Offene Homphobie
Zitat von Cap Matifouhätten alle Beteiligten für sich behalten müssen. Würg.
ist also immer noch gesllschaftsfähig - interessant und ein wenig traurig. Ich bin zuversichtlich das ändert sich noch.
sukowsky, 09.06.2011
5. Jeder spinnt auf seine Weise
Schwul hin oder her, doch soll doch jeder machen was er will. Nur dezent zurückhaltend. Jeder spinnt auf seine Weise, der eine laut, der andere leise. Ringelnatz.
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