Kino-Biografie "Wyssozki" Russische Musiklegende im Visier des KGB

"Unsere Gehirne sind aus Watte": Mit kritischen Liedern über den Alltag in der UdSSR wurde der Sänger Wladimir Wyssozki zum Liebling des Volkes - und zum Feind des KGB. Die packende Filmbiografie "Wyssozki - Danke für mein Leben" zeichnet seine spektakuläre Konfrontation mit den Spionen nach.


Zwanzig Jahre ist her, dass die Sowjetunion unterging. Hammer und Sichel verschwanden als Staatssymbole, nicht wenige alte Gewohnheiten aber leben im neuen Russland fort. Das gilt für einfache Bürger, aber auch für Spitzenpolitiker. Ganz in der Tradition sowjetischer Generalsekretäre ließ sich Ministerpräsident Wladimir Putin kürzlich einen Film vorab und nur im engsten Kreis von Schauspielern und Produzenten vorführen.

Die Filmbiografie, die am Donnerstag gleichzeitig in Russland und in Deutschland Premiere hatte, muss Russlands starken Mann an seine eigene Vergangenheit beim KGB erinnert haben: "Wyssozki - Danke für mein Leben" erzählt die wahre Geschichte, wie Agenten des KGB den berühmten Liedermacher Wladimir Wyssozki Ende der siebziger Jahre in eine Falle lockten, um die Karriere des unbequemen Sängers ein für alle Mal zu beenden. Warum Wyssozki den Regierenden so ein Dorn im Auge war, das erzählt der Film mit einer Verve, die einem Hollywood-Thriller in nichts nachsteht.

Wyssozki lebte in den muffigen Siebzigern der Sowjetunion ein Leben, das mit seinen Drogen- und Alkoholexzessen an westliche Rockstars erinnert. Generalsekretär Leonid Breschnew regierte damals das Land. Wer gegen die Kommunisten aufbegehrte, kam ins Gefängnis oder die Psychiatrie. Von Anfang an war der rebellische Künstler den Herrschenden ein Dorn im Auge. Wyssozki trug Jeans, liebte schöne Autos und heiratete - allein das eine ungeheure Provokation für die roten Zaren im Kreml - eine Frau aus dem kapitalistischen Frankreich, die Schauspielerin Marina Vlady. Über die Alkoholsucht ihres Mannes schrieb sie: "Nach zwei Tagen Suff ist dein Körper nichts weiter als ein schlaffer Sack, deine Stimme ein unförmiges Krächzen, deine Kleidung ein Häufchen Lumpen. Dein fürchterliches zweites Ich gewinnt die Oberhand."

Im Radio duften seine Lieder nicht gespielt werden

Zwischen Delirium und Schaffenskrise aber war das Multitalent Wyssozki ungeheuer produktiv. Er schrieb Gedichte und mehr als 600 Lieder und Balladen, er war ein gefeierter Film- und Theaterschauspieler ("Hamlet"). In seinen Liedern griff der charismatische Sänger mit der Reibeisenstimme Themen auf, die in der Sowjetunion tabu waren. Er sang von Alkoholismus und Prostitution, von Judenfeindlichkeit und Verbrechen - alles Phänomene, die es nach offizieller Lesart in der besten aller sozialistischen Welten gar nicht gab.

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Biopic "Wyssozki": Die größte Musiklegende der Sowjetunion
Wenn sich Wyssozki in seinem Lied "Morgengymnastik" über die täglichen, in Betrieben und Büros verordneten und über das Radio verbreiteten Anleitungen zur Leibesertüchtigung lustig machte, verstand jeder, was gemeint war: Der Barde kritisierte damit die allgegenwärtige Gleichförmigkeit, die die kommunistische Partei ihren Untertanen aufzwang. Deshalb hasste der Staat den Liedermacher, . Seine Musik durfte nicht im Radio gespielt werden. Das Volk aber liebte Wyssozki: Unter der Hand wurden verrauschte Tonband-Mitschnitte seiner Konzerte millionenfach weitergereicht. In einem seiner Lieder heißt es: "Wir sind bloß Puppen. Man hat uns angezogen, schweigende Modelle ohne Blut und Haut. Wir haben Köpfe, aber unsere Gehirne sind aus Watte."

Als Wyssozki im Juli 1980 während der in Moskau stattfindenden Olympischen Sommerspiele in seiner Wohnung an Herzversagen starb, verschwiegen die sowjetischen Medien seinen Tod. Dennoch versammelten sich zur Beerdigung mehr als hunderttausend Menschen auf den Straßen Moskaus. Ihre Trauer war zugleich eine politische Demonstration. Es war die größte, nicht vom Staat organisierte Demonstration, die die Sowjetunion bis dahin gesehen hatte.

Eine Million Dollar allein für die Maskentechnik

Der Film erzählt von fünf Tagen im Sommer 1979, ein Jahr vor Wyssozkis Tod: Der Liedermacher bricht zu einer lange geplanten Tournee ins zentralasiatische Usbekistan auf. Konzertveranstalter und Vertraute aber stehen im Sold des KGB. Der beinahe allmächtige Geheimdienst lauert auf eine Gelegenheit, den vom Volk verehrten Rebellen kleinzukriegen. Ihn zu verhaften ist keine Option, dazu ist er zu beliebt. Also versuchen sie den Künstler unter Druck zu setzen und fangen eine Vertraute Wyssozkis ab, die seinen Drogennachschub von Moskau nach Usbekistan organisiert.

Wyssozkis Leben wurde unter anderem von dem deutschen Produzenten Michael Schlicht auf die Leinwand gebracht. Bevor Schlicht Anfang der neunziger Jahre nach Moskau kam, arbeitete er für das Außen- und Kulturministerium der DDR, war zuständig für den internationalen Kulturaustausch. In Moskau gründete Schlicht 1993 einen Filmverleih und stieg zu einer der wichtigsten Figuren in der russischen Filmindustrie auf. Für die Verfilmung von Wladimir Wyssoskis Leben konnte er nun dessen Sohn Nikita als Drehbuchautor gewinnen, Regie führt das Nachwuchstalent Piotr Buslow.

"Wyssozki - Danke für mein Leben" kostete neun Millionen Dollar. Wohin dieses Geld geflossen ist, sieht man der Produktion sofort an: Eine Million gaben die Produzenten allein für die aufwendige Maskentechnik aus. Wyssozki wird zwar von Schauspieler Andrej Smoljakow dargestellt, im Film aber wirkt er wie ein Klon des Sängers.

An jedem Drehtag wurden Smolkjakow vier Stunden lang mehr als hundert Schichten auf das Gesicht aufgetragen. Die Produzenten haben dafür einen Abdruck von Wyssozkis Totenmaske genommen, mehr als 500 Fotos in den Computer eingespeist und in der Postproduktion die Filmaufnahmen mit 3-D-Computertechniken verbessert, der so genannten Computer-Generated Imagery (CGI). Anders als bei Filmen wie "Der seltsame Fall des Benjamin Button" (2008 mit Brad Pitt und Cate Blanchett) ging es bei "Wyssozki" darum, erstmals ein allseits bekanntes Gesicht zu reproduzieren. Das Experiment kann man nur als gelungen bezeichnen.

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Liberalitärer 03.12.2011
1. Tolstoi, Dostojewski, Wyssozki
Zitat von sysop"Unsere Gehirne sind aus Watte": Mit kritischen Liedern über den Alltag in der UdSSR wurde der Sänger*Wladimir Wyssozki zum Liebling des Volkes*- und zum Feind des KGB.*Die packende Filmbiografie "Wyssozki - Danke für mein Leben" zeichnet seine spektakuläre Konfrontation mit den Spionen nach. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,801023,00.html
Wieder mal danke an SPON. Er war besser als Zappa. Einer der ganz Grossen der Neuzeit. Man kann nur hoffen, dass sich Russland auf ihn besinnt.
gambio 03.12.2011
2. Andere Länder, andere Feinde
Zitat von sysop"Unsere Gehirne sind aus Watte": Mit kritischen Liedern über den Alltag in der UdSSR wurde der Sänger*Wladimir Wyssozki zum Liebling des Volkes*- und zum Feind des KGB.*Die packende Filmbiografie "Wyssozki - Danke für mein Leben" zeichnet seine spektakuläre Konfrontation mit den Spionen nach. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,801023,00.html
In Deutschland waren die "Feinde" des Verfassungsschutzes beispielsweise Hannes Wader, Geier Sturzflug oder Karel Gott und wurden überwacht.
d.m.porcedda 03.12.2011
3. Legendenbildung
viele "unbequeme" Künstler wurden von den Sowjets mundtot gemacht, nach Sibirien abgeschoben oder einfach umgebracht. Wyssozki dagegen durfte Alben veröffentlichen, Filme drehen und sogar Auslandsreisen in westliche Länder unternehmen. Wyssozki war eventuell nur eine Marionette der Sowjets um dem Volk ein bißchen Rebellion zu gönnen und somit ein Ventil zu schaffen. Wyssozski ist vom Kreml eher gedultet, vielleicht sogar gefördert worden. Auf jeden Fall war er dem Kreml nie wirklich gefährlich, sonst wäre er längst "entsorgt" worden wie viele seiner Künstlerkollegen. Zweifelsohne war Wyssozski ein begnadeter Wortkünstler (sein Gesang eher nicht, die Gitarre dazu immer revolutionär verstimmt), aber die unendliche Legendenbildung sollte auch mal den Blick auf eine unvoreingenommene Realität ermöglichen. Aber das wollen Wyssozski-Fans wohl eher nicht. Das Denkmal könnte erhebliche Kratzer bekommen.
deru 05.12.2011
4. danke, dass ich lebe!
Der zweite Teil des Titels => danke für mein Leben => ist Falsch. Richtig aus dem Russischen übersetzt heißt es=> danke, dass ich lebe! Der Name des Wyssozki-Schauspielers ist absichtlich nicht bekannt gemacht worden. In ihrem Artikel erwähnte Smolkjakow spielte den KGB-Agenten in Usbekistan. Wyssozki war am sowjetischen Volk näher dran als jeder andere Säger, Dichter oder Schauspieler, in seiner Zeit als auch heute. Er wurde und blieb bis heute ein wahrer Superstar, ohne den „Pareiturbo“ oder einer genialen Vermarktungsstrategie. Leider ist diese Volksnähe und Emotionalität Wyssozkis im Film nicht rübergekommen. Der Film spielt um seine Begleiter herum und nicht um Wyssozki. Zum Teil kann ich diese Vorgehensweise nachvollziehen, denn mehr Fokus auf Wyssozki würde sofort Angriffsfläche für scharfe Kritik seitens der Zuschauer liefern => gerade dadurch, dass er so volksnah war. Ich bin der Meinung, dass die Macher des Filmes niemanden mit diesem Film aber provozieren wollten, sondern einfach nur unterhalten vor allem das jüngere Publikum.
vejde 05.12.2011
5. .
Richtig aus dem Russischen übersetzt heißt es=> danke, dass ich lebe! - passt auch nicht. Ich kann vermuten, dass es auf Deutsch wäre - Danke, dass du bist lebendig.
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