Kino-Film "United States of Hoodoo": Andere Teufel, andere Sitten

Von Astrid Kusser

Sind wir nicht alle ein bisschen Voodoo? Die Kinodoku "United States of Hoodoo" spürt dem Erbe westafrikanischer Religionen in der Popkultur nach. Die Reise führt tief in den Süden der USA - und stellt die Frage, welche Rolle Spiritualität für uns im Alltag wirklich spielt.

Sind wir alle Bürger der "United States of Hoodoo"? Ist unser Alltag von Elementen des Voodoo durchdrungen? Das behauptet jedenfalls Darius James. Und es stimmt.

Jeder kennt die Rhythmen der Yoruba aus Westafrika, auch wenn er nie einen Voodoo-Tempel besucht hat. Sie sind in der elektronischen Clubmusik ebenso zu finden wie in lateinamerikanischen Modetänzen oder den Songs über den magischen "Hoodoo Man" im Blues. Die globalisierte Popkultur ist durchzogen von Elementen, die weder christlich noch säkular sind, die Heiliges und Profanes, Kirche und Karneval, Arbeit und Leben verbinden. Das funktioniert, obwohl viele von ihrer spirituellen Herkunft und ihren afrikanischen Wurzeln wenig wissen. Aber welchen Unterschied macht es, sich das bewusst zu machen?

Der Film "United States of Hoodoo", den der afroamerikanische Autor James mit dem deutschen Filmemacher Oliver Hardt gedreht hat, beginnt in James' Elternhaus in Neuengland. Über zehn Jahre hat er in Berlin gelebt, nach dem Tod seines Vaters kehrt er zurück. Alles steht voller Möbel, Kisten, Schachteln. An den Wänden hängen afrikanische Masken. Was tun mit dem Zeug? Er kann nichts anrühren, am wenigsten die graue Pappschachtel mit der Asche seines Vaters.

In Gedanken nimmt er noch mal die Diskussion mit seinem alten Herrn auf, der steif und fest behauptet hat, dass die Masken, die er sein Leben lang gesammelt hat, keinerlei spirituelle Bedeutung für ihn hätten. Er glaube nicht an Voodoo. Punkt.

Der Sohn gibt sich damit nicht mehr zufrieden. Glaube oder nicht, was hat es mit Voodoo auf sich? So verlässt James das Haus seiner Eltern und fragt sich durch ein Land, von dem er dachte, es hätte ihm nichts mehr zu bieten. Eine Filmreise beginnt, die von der Ostküste an die Westküste führt, aber vor allem tief in den Süden, nach Mississippi und New Orleans.

Bestimmte Rhythmen nicht nach drei Uhr nachmittags

Der Film stellt Voodoo zunächst als Mysterium vor. Eine New Yorker DJ, die in Haiti aufgewachsen ist und Voodoo-Rhythmen sampelt, wird als moderne Priesterin dargestellt. Sie erzählt, dass man in Haiti bestimmte Rhythmen nach drei Uhr nachmittags nicht mehr spielt. Haitianer wüssten so was einfach. Okay, fragt man sich. Aber die Musik zirkuliert ja auch dort, wo man nicht Bescheid weiß. Steht dann auf dem Cover eine Gebrauchsanweisung?

James hat kein Interesse an so praktischen Fragen. Er erzählt lieber, dass er in ihrer Wohnung etwas Magisches fühlt, wie in alten Kirchen. Seine Interviewpartnerin legt nach: Rhythmen seien präsent, auch wenn die Trommeln längst verklungen sind. Soll das heißen, Kinoräume oder Tanzclubs verändern ihren Charakter, wenn darin sakrale Musik gespielt wird?

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Kinodoku "United States of Hoodoo": Papa Legba weist den Weg
Auch darauf bietet der Film keine Antwort. Überhaupt lässt er bei aller Fülle an Bildern, Klängen und Interviewten vieles weg. Der ständige Verweis auf Afrika scheint etwa die Geschichte der Diaspora und die Erfahrungen der Sklaven in den Amerikas auszublenden. Bestimmte Elemente des Voodoo haben sich aber erst fern des Mutterkontinents entwickelt. Gerade der Voodoo-Gott Papa Legba kommt im Film oft vor. Er ist die Ikone der Wegkreuzung und der Meister der Ambivalenz, er ist das Medium, das den Austausch mit den Ahnen überhaupt ermöglicht. Seine Verehrung ist aber erst unter den Bedingungen von Sklaverei, Kapitalismus, Revolution und Depression, so wichtig geworden.

Doch "United States of Hoodoo" spart das nicht aus, um die Gegenwart auf ihre afrikanischen Wurzeln zu reduzieren, sondern konzentriert sich auf etwas anderes, das erst nach und nach in den Blicken, im Schweigen, in den Gefühlen entsteht. Es geht um den Umgang mit Krisen, mit Tod, mit Wiederholung und Veränderung. Säkular formuliert: Man begleitet James bei einer Therapie. Er besucht Künstler, Priester, Musiker, Forscher und Schriftsteller, die Kluges zu sagen haben. Und er begegnet kulturellen Formen, die weniger eindeutig sind, als er lange glauben wollte.

Welcher Teufel hat Robert Johnson geritten?

Ein gutes Beispiel ist Robert Johnson. Der Musiker (1911-1938) aus Mississippi gilt als Inbegriff des Blues, weiße Rockstars wie Keith Richards haben ihn zu ihrem Lehrmeister erklärt. Einem weit verbreiteten Mythos zufolge soll Johnson an einer Straßenkreuzung seine Seele an den Teufel verkauft haben, um besser Gitarre spielen zu können. Eine aktuelle Biografie will nun dem Mythos Johnson den Teufel austreiben: Er sei einfach ein Mann gewesen, der im gerade entstehenden Musik-Massenmarkt Erfolg haben wollte - alles andere sei eine Mystifizierung kapitalistischer Verhältnisse und symptomatisch für die kaputten Beziehungen zwischen schwarzen und weißen Musikern im Zeitalter von Rassismus und Segregation.

Das ist richtig. Aber dank "United States of Hoodoo" kapiert man, dass diese Interpretation zu kurz greift. Sie übergeht einen wichtigen Teil in der Geschichte des Pop, der nicht immer schon oder nur kapitalistisch war. Religion und Kultur der schwarzen Diaspora mussten dem Gesetz stets einen Schritt voraus sein, betont der afroamerikanische Autor Ishmael Reed im Film. Sie mussten uneindeutig sein, damit Weiße sie nicht begreifen und verbieten. Reed verweist auf Kulturtechniken wie Improvisation, Sampling, Collage. Sie seien für afrikanische Religion ebenso grundlegend wie für moderne Kunst. Aus dieser Perspektive ist Robert Johnson gar nicht dem Teufel begegnet - sondern Papa Legba.

Wer heute Popkultur analysiert und ihre Geschichte erforscht, müsste sich also nicht zum Exorzisten aufschwingen, sondern könnte erst einmal versuchen Spriritualität wahrzunehmen. Zum Beispiel in einer scheinbar disparaten Filmszene aus New Orleans: Gespenstisch hüpfen auf einer queeren Easter Parade Frauen als Osterhasen im Playboy-Bunny-Kostüm durchs Bild. Ja, genau. Auch Europäer brachten nicht nur christliche Elemente in die Amerikas.

James' und Hardts Film erinnert uns daran, dass sich die Kultur der Gegenwart aus verschiedenen Quellen speist. Schriftsteller Reed lächelt am Ende des Films über sich selbst. Er hat Legba auf dem Kaminsims stehen, obwohl er nicht religiös ist. Man müsse die Antworten auf das moderne Leben schon selbst finden. Doch dafür ist ihm jede Inspiration recht, auch aus dem Voodoo.

Schon 1972 gelang ihm mit dieser Haltung der legendäre Satireroman "Mumbo Jumbo". Darin interpretiert er den Erfolg schwarzer Rhythmen und Tänze im 20. Jahrhundert als Sinnbild für den Zusammenbruch weißer Vorherrschaft. Und er verlacht die Hohepriester literarischer Genres, die sich auf den Ruinen dieser Geschichte wieder saubere und einfache Identitäten erfinden wollen.

Darius James Film endet nachdenklicher. Aber die Einladung in die "United States of Hoodoo" steht.

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United States of Hoodoo

D 2012

Regie: Oliver Hardt

Buch: Oliver Hardt und Darius James

Mit: Darius James, Ishmael Reed, Sally Ann Glassman, David "Goat" Carson, Hassan Sekou Allen

Produktion: Stoked Film

Verleih: Real Fiction

Länge: 100 Minuten

FSK: keine Angabe

Start: 26. Juli 2012