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Kino-Desaster "The Happening": Good Night, Shyamalan

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Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll: "The Happening", der neue Film des einstigen Hollywood-Wunderkinds M. Night Shyamalan, ist so schlecht, dass er unfreiwillig komisch wirkt. Da nützt auch die größte Naturgewalt nichts.

Wäre "The Happening" eine Satire auf die billig produzierten Katastrophen-B-Movies der sechziger und siebziger Jahre, man hätte seine helle Freude an diesem Film. Doch M. Night Shyamalan meint es ernst. Sein neuer Film, der erste seit dem missglückten "Lady In The Water", der fünfte seit "The Sixth Sense", will großes Katastrophenkino mit metaphysischer Bedeutungsschwere sein - und scheitert daran so kläglich, dass einem selbst das unfreiwillige Lachen im Halse stecken bleibt.

Hatte man nach dem Märchentrip von "Lady in the Water" noch gehofft, das einstige Wunderkind würde zur Besinnung kommen und zu alter Form zurückfinden, so lässt "The Happening" nun keinen Zweifel daran, dass Shyamalan, der Hollywood-Rebell, der so gerne ein neuer Spielberg geworden wäre, sich höchstens noch mit Trash-Ikonen wie Ed Wood vergleichen darf.

Über den Inhalt des Films mag man gar nicht viel erzählen, denn erstens ist der Plot erschreckend dünn, und zweitens will man dem Kinogänger nicht auch noch das letzte Argument rauben, sich "The Happening" anzusehen. Also nur so viel: Der Nordosten der USA wird von einer seltsamen Attacke heimgesucht. Ein Neurotoxin, von dem niemand weiß, woher es kommt, veranlasst die Menschen dazu, auf brutalste Weise Selbstmord zu begehen. Einige versprengte Überlebende versuchen sich abseits der Städte in Sicherheit zu bringen, dabei sind auch der Lehrer Elliot Moore (Mark Wahlberg) und seine Frau Alma (Zooey Deschanel) sowie die kleine Jess, Tochter von Eliots Freund Julian (John Leguizamo), der jedoch schnell in den Wirren der mysteriösen Anschläge abhanden kommt. Ebenso schnell wird klar, dass es keine Terroristen sind, die für den Giftangriff verantwortlich sind, sondern weitaus natürlichere Gegner.

So nimmt das Genre-Geschehen seinen Lauf. Vieles in "The Happening" verläuft so, wie man es von großen Event-Blockbustern von - sagen wir - Roland Emmerich - gewohnt ist. Man denke: Frank Schätzings "Schwarm" zu Lande. Oder "The Day After Tomorrow" ohne Eis, Schnee und Dennis Quaid. Nur leider fehlt Shyamalans Film der Willen (und die Ausstattung), wirklich großes Katastrophenkino zu zeigen. Sein von "Sixth Sense"-Kameramann Tak Fujimoto seltsam unterbelichteter Film wirkt wie eine auf B-Movie getrimmte A-Produktion - inklusive schlechter Schauspieler und erbärmlicher Dialoge.

Mark Wahlberg in einer tragenden Hauptrolle zu besetzen, zeugt schon von Mut, siehe sein kläglicher Einsatz als "Shooter" aus dem letzten Jahr. Ihn aber auch noch mit Dialog-Zeilen auszustatten, die so einfältig nichtssagend sind, dass man sie gar nicht wiedergeben möchte, ist geradezu verwegen. Zooey Deschanel, Nachwuchstalent und Teilzeit-Sängerin, tut sich und den Zuschauern an der Seite Wahlbergs ebenfalls keinen Gefallen. Wie viele Frauenfiguren bei Shyamalan wird sie ohnehin auf einige wenige starre Formeln und einen auf die Dauer enervierend unheilschwangeren Blick aus großen blauen Augen reduziert.

Und so rennen diese beiden Stellvertreter der Menschheit mit großen Fragezeichen im Gesicht durch den Film und müssen sich am Ende auf ihre Liebe besinnen, um ihre Art vor dem Zorn der Umwelt zu retten. Dazu bläst geheimnisvoll der Wind, denn die Gefahr ist ja unsichtbar. So unsichtbar übrigens wie die Gewaltszenen, bei denen die Kamera nach einer kurzen Andeutung stets geflissentlich wegschaut. Katastrophen-Kino in der kleinsten Nuss-Schale.

Und sonst? Gibt es die üblichen übersinnlichen Shyamalan-Zutaten, und wer sich mit dem Werk des 37-jährigen Ex-Wunderkinds auskennt, wird sogar ein paar Markenzeichen wiederfinden: Es gibt eine entscheidende Keller-Szene, es gibt einen schicksalhaften Autounfall und es gibt ein Kind, das den Erachsenen als Katalysator für ihre Weiterentwicklung im Plot dient. Was es allerdings nicht gibt, ist ein überraschendes Ende, einer jener plot twists, für die M. Night Shyamalan unfreiwillig berühmt wurde. Nach den arg knirschenden Wendungen am Ende von "Signs" und "The Village" ist das Fehlen dieses Stilmittels geradezu eine Wohltat. Schade nur, dass Shyamalan das Ende stattdessen gleich ganz wegließ.

Ärgerlich ist auch, wie der in Indien geborene und in Philadelphia aufgewachsene Produzent, Regisseur und Drehbuchautor zielsicher an der Pietät vorbeigrätscht, um zu Beginn des Films für billigen Horror zu sorgen. In einer Szene, die auch bereits im Trailer zu sehen ist, springen suizidale Menschen vom Dach eines New Yorker Hochhauses und prallen wie stumpfe Geschosse auf dem Bürgersteig auf - ein Trauma für alle New Yorker seit dem 11. September 2001 und ein Affront, wenn dieses mit realem Horror derart aufgeladene Bild für einen schnellen Schockmoment ohne auch nur einen Hauch Metaphorik missbraucht wird. Wo in "The Sixth Sense" und "Unbreakable", den beiden besten Shyamalan-Filmen, noch viel Feingefühl für Spannung und Emotion zu spüren war, herrscht in "The Happening" nur noch plumpe Plakatiererei.

Man fragt sich also schon, was in den einst so hochgelobten Shooting Star Hollywoods gefahren ist. Vor zehn Jahren, als man hoffte, mit Querdenkern wie Quentin Tarantino, Larry und Andy Wachowski und Robert Rodriguez eine neue Ära des kommerziellen Autorenfilms einläuten zu können, passt ein Mystery-Auteur wie M. Night Shyamalan gut in den Plan der großen Studios. Als das junge Talent dann auch noch drei Blockbuster in Folge produzierte, die bis heute mehr als eine Milliarde Dollar eingespielt haben, wollte man fast daran glauben, dass Shyamalan der neue Spielberg ist.

Dann kam sein Zerwürfnis mit Disney über das Skript zu "Lady in the Water", das ungeschickte Waschen schmutziger Branchenwäsche in seiner Biografie "The Man Who Heard Voices" und ein nicht enden wollender Strom an empörten Verrissen, Hohn und Spott für die eitle, religiös verbrämte, kindlich naive Selbstinszenierung des Möchtegern-Genies. Shyamalan lebt sein Faible für metaphysische Meditationen über die Ohnmacht des Menschen angesichts höherer Gewalt nun auch in "The Happening" wieder aus wie ein trotziges Kind, dem man - schon etwas ungeduldig - noch einmal erlaubt hat, mit seinen Lieblings-Bauklötzen zu spielen.

Denn Hollywood liebt ja seine Rebellen. Zumindest so lange sie Kasse machen. "Lady in the Water" kostete 70 Millionen Dollar und spielte in den USA nur 42 Millionen ein. Dass Fox ihm nun 57 Millionen Dollar für "The Happening" bewilligte, dürfte eiskaltes Kalkül sein: Noch ist der Name M. Night Shyamalan kein Box-Office-Gift, also wird die Neugier der Zuschauer zumindest am Startwochenende für anständige Umsätze sorgen. Danach dreht Shyamalan für Paramount eine Live-Action-Adaption der Nickelodeon-Trickserie "Avatar" - Kinderkino aus der Traumfabrik, vermutlich alles andere als ein weiteres Vehikel zur Selbstdarstellung. M. Night Shyamalan, das freie Radikal, kehrt zunächst in Hollywoods Schoß zurück. Auch keine gute Nachricht. Aber manchmal führen Größenwahn und übersteigerter Individualismus eben zu großem Kino. Und manchmal nicht. Shit happens.

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