Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Die Erfindung der Liebe": Und plötzlich war der Star tot

Von

Lola Randl steht vor den Scherben eines Films, als ihre Hauptdarstellerin stirbt. Dann findet die Regisseurin einen radikalen Weg, um "Die Erfindung der Liebe" doch noch fertig zu stellen - und der toten Maria Kwiatkowsky ein wunderbares Denkmal zu bauen.

Am 8. Juli 2011 steht die Regisseurin Lola Randl mit ihrem Team am Set von "Die Erfindung der Liebe". Alle sind nervös, denn Hauptdarstellerin Maria Kwiatkowsky ist scheinbar spurlos verschwunden. Ein Fahrer sollte sie vom Bahnhof abholen, aber die Schauspielerin war nicht im Zug. Während Randl und ihr Team alle Einstellungen drehen, die noch irgendwie ohne Kwiatkowsky möglich sind, beginnt die hektische Suche. Produzent Herbert Schwering erfährt, dass Kwiatkowsky schon am Abend zuvor nicht zu ihrer Vorstellung in der Berliner Volksbühne erschienen war. "Von da an hatte ich eine ganz schlimme Vorahnung", erinnert sich Lola Randl. Welche Schauspielerin lässt schließlich eine Theateraufführung ausfallen, ohne sich krank zu melden?

Als Schwering schließlich ein Anruf erreicht, der ihn kreidebleich werden lässt, weiß Randl schon, was passiert ist. "Wenn der Tod da ist, dann spürt man das irgendwie. Herbert musste gar nichts mehr sagen." Maria Kwiatkowsky war bereits am 4. Juli 2011 im Alter von 26 Jahren verstorben. Zur Todesursache macht ihre Familie bis heute keine Angaben.

Kwiatkowsky galt als eine der talentiertesten deutschen Nachwuchsdarstellerinnen, mit einem obsessiven Spiel, das die Leinwand zum Glühen und die Theaterbühnen zum Kochen brachte. Mit gerade einmal 19 Jahren wurde Maria Kwiatkowsky 2004 beim Filmfestival in Locarno für ihr Film-Debüt "En Garde" mit dem Darstellerpreis ausgezeichnet, diverse andere Preise folgten. Gerade mauserte sie sich zum Star der Volksbühne.

Fotostrecke

10  Bilder
"Die Erfindung der Liebe": Film mit einer Toten
Aber diese maßlos neugierige, vor Kreativität überschäumende Künstlerin schien sich im echten Leben manchmal auch verrannt zu haben. 2005 zündete sie in Berlin-Prenzlauer Berg eine Kindertagesstätte an. Die Feuerwehr konnte sie ihn letzter Minute vom brennenden Dach holen. "Private und berufliche Frustration" gab sie vor Gericht als Grund für ihre Tat zu Protokoll gab. Kwiatkowsky wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, sämtliche Gagen flossen seitdem in die Tilgung der 440.000 Euro Sachschaden.

Mit Kwiatkowsky, so scheint es zunächst, war auch Lola Randls Film gestorben: "Ich hätte ihn auf keinen Fall mit einer anderen Darstellerin noch einmal drehen können. Ich kannte Maria zwar nicht gut, sie ließ einen nicht wirklich an sich heran. Aber nur sie konnte diese Rolle füllen, vielleicht auch wegen einer ihr eigenen destruktiven Energie."

In "Die Erfindung der Liebe" sollte sie Emily spielen, die ihren Freund Daniel (Bastian Trost) dazu anstiftet, des Erbes wegen eine todkranke Millionärin (Sunnyi Melles) zu heiraten. Dummerweise verliebt Daniel sich wirklich in die viel ältere Frau, während Emily durch Intrigen versucht, die Beziehung zu zerstören. Randl war so begeistert davon, wie Maria Kwiatkowsky die Rolle ausfüllte, dass sie noch kurz vor Drehbeginn einer bereits engagierten Schauspielerin absagte. "Die Erfindung der Liebe" sollte also entscheidend von seiner Hauptdarstellerin leben. Wie sollte man den Film nach ihrem Tod noch retten?

Am Anfang stand der Schock

Vor Lola Randl standen in der Filmgeschichte bislang nur eine Hand voll von Regisseuren vor einem ähnlichen Dilemma - Terry Gilliam zum Beispiel, dessen Hauptdarsteller Heath Ledger im Januar 2008 starb, noch bevor "Das Kabinett der Dr. Parnassus" fertig war. Gilliam machte aus "Dr. Parnassus" eine recht ermüdende intellektuelle Spielerei und ließ Heath Ledgers Rolle gleich von drei Darstellern - Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell - weiterspielen.

Ruchloser ging Trash-König Ed Wood vor. Der drehte 1959 bei "Plan 9 aus dem Weltall" nach dem Tod seines Hauptdarstellers Bela Lugosi einfach mit dem Chiropraktiker seiner Frau weiter. Weil der Lugosi überhaupt nicht ähnelte, musste er sich ständig einen Umhang vor das Gesicht halten. Die Action-Saga "Fast & Furious" muss seit dem 30. November 2013 ohne ihren bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Star Paul Walker auskommen. In Teil 7 sollen seine Brüder als Stand-Ins die Lücken füllen.

Lola Randl entschied sich für eine andere Lösung. Aber der Weg dorthin war lang. Die Münchnerin, die 2008 für ihren Debütfilm "Die Besucherin" hoch gelobt worden war, machte zunächst einen großen Bogen um die Fragmente von "Die Erfindung der Liebe". Stattdessen stürzte sie sich in die Dreharbeiten ihres nunmehr zweiten Films, "Die Libelle und das Nashorn" mit Mario Adorf und Fritzi Haberlandt. Die Dreharbeiten dauerten nur 13 Tage, das Kammerspiel kam 2012 in die Kinos. Seinen improvisierten Charakter konnte der Film aber nicht verbergen. Randl sagt, dass die Arbeit daran sie "vor einem Loch bewahren sollte, in das ich danach dann doch gefallen bin."

"Aus dem Tod ist etwas Neues entstanden"

Ihr wurde klar, dass "Die Erfindung der Liebe" sie nicht loslassen würde: "Ich akzeptierte, dass ich den Tod thematisieren musste, dass ich den Film nur aus dieser Perspektive beenden konnte." Randl schrieb ein neues Drehbuch, das mit der Beerdigung der Hauptdarstellerin beginnt und zeigt, wie ein fiktionales Filmteam mit der Katastrophe umzugehen versucht. Diese neue, 2012 gedrehte Handlungsebene montierte sie mit dem bereits gefilmten Material mit Maria Kwiatkowsky.

Durch diese Fragmente erahnt man die intendierte Fassung, und man spürt Maria Kwiatkowskys geradezu beängstigende Präsenz und Lebendigkeit. Aber "Die Erfindung der Liebe" kreist jetzt um die Lücke, die der Tod reißt. Der Film fragt, wie wir, die wir weiterleben, umgehen sollen mit dem unwiderruflichen, endgültigen Verschwinden eines Menschen, mit dem wir verbunden waren. Nicht als elegischer Nachruf, sondern in Form einer wilden, zarten Komödie.

Mit bitterer Selbstironie beschreibt Randl in den Figuren einer hilflosen Regisseurin und eines verzweifelten Drehbuchautors ihre eigene Ratlosigkeit und ihr Ringen darum, dieses Projekt noch irgendwie zu retten. Im Film kommen die beiden auf die glorreiche Idee, die Rolle der Emily von einer völlig untalentierten Praktikantin spielen zu lassen, deren Gesicht sie in der Postproduktion digital ersetzen wollen. So wird "Die Erfindung der Liebe" zu einer schonungslosen Satire auf das so eitle wie brutale Filmgeschäft und erinnert gleichzeitig ganz sanft an die große Maria Kwiatkowsky, der nach wie vor unbestritten die Hauptrolle gehört.

Lola Randl sagt, sie habe sich oft gefragt, ob sie diesen Film überhaupt machen dürfe. Sie habe manchmal nicht gewusst, wie sie umgehen sollte mit der Kraft, die ihr nach Maria Kwiatkowskys Tod zugewachsen sei: "Aber es ist tatsächlich so: Ein in der Natur natürlicher Vorgang hat sich auch bei diesem Film abgespielt. Aus dem Tod ist etwas Neues entstanden."

Die Erfindung der Liebe

Deutschland 2013

Regie: Lola Randl

Buch: Lola Randl, Philipp Pfeiffer

Darsteller: Maria Kwiatkowsky, Sunnyi Melles, Bastian Trost, Mario Adorf

Produktion: Coin Film

Verleih: NFP

Länge: 104 Minuten

Start: 1. Mai 2014

Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Bela und Ed
Harantor 01.05.2014
Die Aufnahmen von Bela Lugosi in Plan 9 from Outer Space wurden von Ed Wood nach Lugosi (vorzeitiger Entlassung) aus der Entzugsklinik gemacht und wurden dann nach seinem Tod in den Film eingearbeitet. Streng genommen war Lugosi also kein geplanter Star des Films. Dass allerdings der Chriropraktiker die Rolle "weiterspielte" ist wohl war. Aber "ruchlos" war das eher nicht. Das matzerial war eben da.
2. Brandon Lee
schandenschmuck 01.05.2014
in der Aufzählung ähnlicher Filmprojekte fehlt ganz klar "The Crow" mit Brandon Lee, welcher gerade durch den Tod des Hauptdarstellers die düstere Faszination an der Figur vollends zur Geltung brachte.
3. Es fehlt auch
bruder mike 02.05.2014
"Gladiatior" mit Oliver Reed, der auf Malta vor Abschluss der Dreharbeiten tot vom Barhocker gekippt ist, getreu seinem Motto:"Meine ideale Ehefrau wäre eine taubstumme Nymphomanin deren Vater 'ne Kneipe hat. "
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: