Kino-Doku "Versicherungsvertreter": Wenn Herr Kaiser im Ferrari vorfährt

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Luxuswagen im Fuhrpark, Bonustrips nach New York: Der brillante Film "Versicherungsvertreter" zeigt den Aufstieg und Fall des Super-Maklers Mehmet E. Göker. Ein Porträt, das die Fratze einer Branche zeigt, die sich seriös gibt - aber in immer dubiosere Deals verstrickt ist.

sternfilm

Weltmeister im Kickboxen? Autohaus-König? Osteuropäischer Diktator? Hätte man von der Selbstinszenierung des Mehmet E. Göker auf seine berufliche Tätigkeit schließen sollen, wäre man auf alles gekommen. Nur nicht auf seine wirkliche Profession: Versicherungsvertreter.

Bei Betriebsfesten seines nach den eigenen Initialen benannten Makler-Unternehmens MEG erschallten die Chöre aus "Carmina Burana", links und rechts von Göker schossen Feuerfontänen in die Höhe, die Mitarbeiter skandierten seinen Namen. Als Außenstehender konnte man denken: große Oper, dieses Versicherungsgeschäft.

Der Dokumentarfilmer Klaus Stern hat dem Selbstdarsteller und einstigem Firmenherrscher nun einen Film gewidmet. Stern lebt und arbeitet praktischerweise in Kassel, der Stadt, in der auch Gökers MEG, zeitweise der zweitgrößte Vermittler privater Krankenversicherungen in Deutschland, ihren Sitz hatte. Nach der Insolvenz des Unternehmens im Jahr 2009 interviewte er etliche von Gökers einstigen Gefolgsleuten, die nun eine Mordswut auf den Ex-Chef haben. Auch Göker selbst breitet Unternehmerweisheiten vor Sterns Kamera aus - so, als wäre er immer noch der Makler-Champion von einst.

Die Wirtschaft als Tummelplatz für Größenwahnsinnige und Selbstdarsteller - das ist das große Thema von Doku-auteur Stern: In "Weltmarktführer" (2004) erzählte er vom längst abgestürzten New-Economy-Überflieger Tan Siekmann, in "Lawine" (2007) näherte er sich dem beim Wintersport verstorbenen Adrenalin- und Aktien-Junkie Werner Koenig, und in "Henners Traum" (2008) porträtierte er einen hessischen Kleinstadtbürgermeister, der in seiner Heimat eines der größten Tourismusprojekt Europas stemmen will.

Hallodri in Nadelstreifen

Hybris und Absturz, sie liegen bei den Antihelden von Sterns Dokumentationen immer dicht beisammen. Im Falle von Mehmet Göker, von dem nun seine 80-minütige Kino-Doku "Versicherungsvertreter" handelt, dauerte der Höhenflug immerhin sechs Jahre. 2003 gründete Göker die MEG, 2006 wird das Unternehmen zur Aktiengesellschaft, er selbst Vorstandsvorsitzender und Alleinaktionär. 2008 machte Göker mit der MEG einen Umsatz von 60,1 Millionen und dirigierte über 1000 Mitarbeiter. Noch im gleichen Jahr wurde er wegen Steuerhinterziehung angeklagt und zu einer Geldstrafe verurteilt. Ein Jahr später musste die MEG Insolvenz anmelden. Heute wird wegen des Verdachts auf Insolvenzverschleppung und Untreue gegen Göker ermittelt.

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Wirtschafts-Doku "Versicherungsvertreter": Der Millionär aus dem Kinderzimmer
Stern verfügt über Filmmaterial aus gut fünf Jahren und montiert es anti-chronologisch, aber höchst dynamisch zum Psychogramm eines Blenders und Verblendeten. Einmal sieht man Göker in seinem Büro stehen, im Hintergrund Plakatporträts seiner Helden Gandhi und Richard Branson. Offensichtlich hat er aber nicht viel von dem indischen Pazifisten und dem britischen Wirtschafts-Guru gelernt: Gökers Meetings waren Krieg, Mitarbeiter, die nicht genug Versicherungen vertickten, faltete er öffentlich zusammen. "Weg die Wichser!" schreit er einmal in die Runde. Die Kamera scheint ihn nicht zu stören, sondern eher zu beflügeln.

Immerhin: Wer parierte und genug "Abschlüsse" machte, dem stand auch mal einer von etlichen Ferraris aus Gökers geleastem Fuhrpark zur Verfügung. Stern interviewt auch den Geschäftsführer eines Autohauses, der nach Zusammenbruch der MEG ein paar runtergerockte Sportautos zurückbekam und sich nun selber darüber wundert, wie er dem Hallodri im Nadelstreifenanzug glauben konnte.

Wenn der nette Herr Kaiser im Ferrari vorfährt: "Versicherungsvertreter", vornominiert für den Deutschen Filmpreis, zeigt die Fratze einer Branche, die vorgibt mit Sicherheitsgarantien zu handeln, während sie sich selbst bisweilen in unseriöse Geschäfte verstrickt. Es geht um den mörderischen Wettkampf um Provisionen und zweifelhafte Belohnungssysteme für die Mitarbeiter. Statt Lustreisen nach Budapest wie bei der Hamburg-Mannheimer - so gerecht muss man sein - gab es für Gökers beste Policen-Verticker allerdings moralisch unbedenklichere Einkaufstrips nach New York. Da tollten die MEG-Lackaffen dann wie eine Bande kleiner Jungs durch die Armani-Filialen.

Einmal sieht man Mehmet Göker vor dem Plattenbau stehen, wo seine Eltern und er einst lebten: Bis er 22 Jahre alt war, wohnte er in seinem Sechs-Quadratmeter-Kinderzimmer. Hier verdealte er am Telefon seine ersten Policen, hier belohnte er sich nach einem gelungenen Abschluss mit einer Cola. Wenn man ihn nun im Film in einem seiner Ferraris durch die Straßen heizen sieht, wenn man ihn mit seinen Kollegen das Firmenlogo auf dem Handgelenk eingravieren sieht, wenn man ihn auf der Bühne mit Headphone den Manager spielen sieht - dann ahnt man, dass bei Gökers beruflicher Entwicklung im Turbo-Beschleuniger die soziale zu kurz gekommen sein könnte.

Millionen Euro hin, Millionen Euro her: Sein Kinderzimmer hat Mehmet Göker nie wirklich verlassen.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Aua …
interference 11.03.2012
"… wenn man ihn mit seinen Kollegen das Firmenlogo auf dem Handgelenk eingravieren sieht, wenn …" Na, das würde ich gerne sehen. Wie geht das? T.V.
2.
tequilasl 11.03.2012
Zitat von interference"… wenn man ihn mit seinen Kollegen das Firmenlogo auf dem Handgelenk eingravieren sieht, wenn …" Na, das würde ich gerne sehen. Wie geht das? T.V.
Naja indem man dem Tätowierer beim stechen über die Schulter filmt... Das war keine Versicherung das war eine Sekte, wenn ich daran denke das mein Bruder sich zum Einstand in der AUSBILDUNG das Logo stechen lassen sollte...und er es auch noch gemacht hat.
3. 100 nicht gleich 100%
goethestrasse 11.03.2012
Versicherungen sind so was von undurchsichtig. Habe erst kürzlich über Frontal21 erfahren, dass für meine Altervorsorge nciht der komplette monatliche Beitrag angelegt wird..erstmal geht einiges an Verwaltung und Provision ab. Da sind die 1% die zu Beginn eines Bausparvertrages abgezogen werden wirklich Kleinkram
4.
Pizza No.7 11.03.2012
Zitat von sysopEin Porträt, das die Fratze einer Branche zeigt, die sich seriös gibt - aber in immer dubiosere Deals verstrickt ist.
Ja, und eben dies ist der Knackpunkt! Man sollte es nicht dabei belassen und sich über den Versicherungsmann Göker aufgrund dieses Films lustig machen. Denn nur weil die Rahmenbedingungen der Branche so sind, wie sie sind und er womöglich mit deutlich mehr Ehrgeiz und Geschäftssinn an die Sache rangegangen ist als Andere, war ihm dies möglich. Noch immer werden Provisionen bezahlt, die jenseits von Gut und Böse sind. Provisionen, die natürlich direkt aus den Taschen der Versicherungskunden abgezweigt sind. Hier ist es allerhöchste Zeit, Transparenz zu schaffen. Transparenz, die es den Kunden vor Vertragsabschluss ermöglicht genau hinzuschauen, wohin ihr Geld geht.
5. Kennste einen. kennste alle...
Schmeckhengst 11.03.2012
Zitat von sysopLuxuswagen im Fuhrpark, Bonustrips nach New York: Der brillante Film "Versicherungsvertreter" zeigt den Aufstieg und Fall des Super-Maklers Mehmet E. Göker. Ein Porträt, das die Fratze einer Branche zeigt, die sich seriös gibt - aber in immer dubiosere Deals verstrickt ist. Kino-Doku "Versicherungsvertreter": Wenn Herr Kaiser im Ferrari vorfährt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Kultur (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,819499,00.html)
Ich dachte immer, mein Versicherungsmakler hat reich geerbt. Schön, wie mit einer Minderheit eine ganze Branche gekonnt in Verruf gehalten wird!
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Versicherungsvertreter

Deutschland 2011

Regie: Klaus Stern

Drehbuch: Klaus Stern

Darsteller: Mehmet Göker, Niels Bredenkamp, Marinko Neimarevic, Zoran Zeljko

Produktion: Sternfilm

Verleih: Real Fiction

Länge: 80 Minuten

FSK: ohne Altersbeschränkung

Start: 08. März 2012