Kino-Doku "Bombay Beach" Im Jammertal der Träume

Früher Ausflugsparadies für die High Society von Hollywood, heute Endstation Elend: In ihrer Kino-Doku über das kalifornische Kaff "Bombay Beach" hat die Regisseurin Alma Har'el die Schiffbrüchigen des American Dream porträtiert.

Von Andreas Banaski

Rapid Eye Movies

Der Saltonsee war mal Amerikas Wüstenriviera. In den Fünfzigern und Sechzigern vergnügten sich hier Hollywood-Schickeria und Pop-Establishment. Frank Sinatra, Dean Martin und die Beach Boys feierten und faulenzten im kleinen Nest Bombay Beach, angelten oder rasten mit Motorbooten über den größten See Kaliforniens.

Mit einem alten Werbefilm über dieses Ausflugsziel der Erfolgreichen, die es sich leisten konnten, beginnt "Bombay Beach", eine Kino-Dokumentation über die Abgehängten, die sich kaum noch was leisten können. Denn mit dem Hedonismus und der Goldgräberstimmung am extrem salzhaltigen Saltonsee, einem labilen Ökosystem, ist es längst vorbei. Und in Bombay Beach herrscht heute Geisterstadt-Tristesse. Nach Überschwemmungen und Fischsterben bleiben dort noch ungefähr 300 Einwohner, davon ein Drittel unter der Armutsgrenze, in einem Ambiente des Trübsinns.

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Kino-Doku "Bombay Beach": Sonderbar, aber wunderschön
Das finden wiederum viele Fotokünstler auf morbide Art chic. Die Musikvideofilmerin Alma Har'el hatte es nach Bombay Beach verschlagen, als sie 2009 für den Promoclip zu "Concubine", einem Song der Indie-Folkband Beirut, noch pittoreske Wüstenaufnahmen suchte. Zwei Brüder, die sie beim Videodreh am Strand aufgegabelt hatte, inspirierten sie dann zu ihrem Kinodebüt "Bombay Beach". "Auf eine surreale Art" fand die israelische Regisseurin, die vorher außer Musikvideos nur Werbung gemacht hatte, den Ort nämlich "sowohl tragisch als auch wunderschön". Har'el zog deshalb alleine nach Bombay Beach, knüpfte Kontakte und wählte so drei Hauptfiguren, mit denen es das Leben bisher nicht gut gemeint hatte.

Ausdruckstanz statt Sozialanklage

Benny, einer der Jungen vom Beirut-Dreh, ist Problemkind. Seine waffenbegeisterten Eltern - der Vater tätowiert, die Mutter übergewichtig und einst im Teenie-Alter zum ersten Mal geschwängert - saßen zwei Jahre im Gefängnis, weil sie auf ihrem Grundstück Feuerwerke mit größeren Sprengstoffmengen abbrannten. Kein Wunder, dass Benny als Kleinkind im Heim verhaltensauffällig und danach mit Medikamenten zugedröhnt wurde. Letzte Diagnose: Symptome von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung).

Der alte Hobo Red ist nach seiner Tramp-Laufbahn am Ende der Welt gestrandet, wo er steuerbegünstigte Zigaretten aus dem Indianereservat mit geringer Gewinnspanne weiterverscherbelt und sich den kargen Lebensabend schönredet. Der junge Schwarze CeeJay ist aus einem Umfeld geflüchtet, das er für noch trost- und hoffnungsloser hielt: In Los Angeles wurde sein Cousin von einer Gang erschossen. In Bombay Beach will sich CeeJay nun als Football-Nachwuchshoffnung für ein Uni-Sportstipendium qualifizieren.

In diesem Jammertal der Hoffnungen und Träume, die enttäuscht wurden oder sicher noch werden, inszeniert Har'el sehr zartfühlend ihre Schutzbefohlenen, deren Vertrauen sie über Monate gewonnen hat. Fast schon zu verständnisvoll, gemessen an dem Unsinn, den einige der Protagonisten hier verzapfen. Weil sie ihr Filmporträt nicht nach puristischem Dokumentarlehrbuch gestrickt hat, überhöht die Regisseurin ihre Mischung aus cinéma vérité, elegischen Bildkompositionen und improvisierten Spielszenen auch noch mit choreografierten Tanzeinlagen. Die sehen in Har'els Musikvideos immer etwas affektiert nach Kleinkunst-Ausdruckstanz aus, wirken hier im Filmzusammenhang aber viel natürlicher. Atmosphärisch stimmige Songs von Beirut und Bob Dylan, der drei unbekanntere Stücke freigab, nachdem ihn erste Filmmuster überzeugten, sorgen zusätzlich dafür, dass "Bombay Beach" eher Americana-Musical als Armutsbericht ist. Denn für eine Sozialanklage ist Har'el ohnehin viel zu sehr Künstlerin.


Bombay Beach. Start: 27.9. Regie: Alma Har'el.

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