Kino-Dokumentation "I want to run" Marathon ist für Weicheier

Sie laufen 4500 Kilometer in 64 Tagen - die Teilnehmer des Transeuropalaufs gehen an die Grenze des Menschenmöglichen. Der Dokumentarfilm "I want to run" begleitet sie auf ihrer Höllentour und geht der Frage nach: Warum tut sich jemand so etwas an?

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Ein klassischer Marathon ist für jemanden wie Achim Heukemes eine entspannte Sache. Sind ja nur 42 Kilometer. "Da weiß man, dass das nach zweieinhalb Stunden vorbei ist." Höchstens nach dreien, wenn es ihm richtig schlecht gehe.

Heukemes, 58 Jahre alt, hat größere Aufgaben im Sinn, die größte vielleicht: den Transeuropalauf, den längsten Ultra-Langstreckenlauf der Welt. 4487,7 Kilometer, vom süditalienischen Bari bis zum norwegischen Nordkap, in 64 Tagen. Eine durchschnittliche Tagesetappe ist 70 Kilometer lang, die längste über 95. Am ersten Tag müssen die Läufer 56 Kilometer schaffen. Zum Einlaufen, wie Heukemes sagt.

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Dokumentation "I want to run": Marathon ist für Weicheier

Der Transeuropalauf funktioniert etwa wie die Tour de France - jeden Tag eine Etappe, die Zeiten addieren sich, wer ein bestimmtes Tages-Zeitlimit überschreitet, fliegt raus. Doch anders als bei dem französischen Radrennen sind die Läufer beim Transeuropalauf fast alle Amateure, keine Profi-Sportler. Ein Friseur läuft mit, ein Optiker, zwei Soldaten, eine Doktorandin, ein Familienvater, der an Multipler Sklerose leidet. Sie kommen von überall her, aus Japan, Deutschland, Schweden, den USA. Insgesamt sind es rund 65 Teilnehmer, keine jubelnden Fanmassen am Wegesrand, keine für sie abgesperrten Straßen, jeder ist selbst dafür verantwortlich, nicht vom Auto überfahren zu werden, abends schlafen sie in Turnhallen. Und es gibt kein Preisgeld, nur eine Urkunde, einen Pokal und natürlich die Ehre. Vor allem aber unendliche Schmerzen.

Zunehmend blutige Fersen

Warum tun sich Menschen das freiwillig an? Der Filmemacher Achim Michael Hasenberg versucht dem Geheimnis in seinem Dokumentarfilm "I want to run - Das härteste Rennen der Welt" auf die Spur zu kommen. Eine Handvoll Protagonisten hat er sich aus den Teilnehmern des Transeuropalaufs 2009 herausgepickt (es war nach 2003 erst der zweite, in diesem Jahr soll der dritte stattfinden), und heftet sich über die 64 Tage an ihre zunehmend blutigen Fersen. An Heukemes, der unbedingt zeigen will, dass er als fast 60-Jähriger mit jedem Mittzwanziger mithalten kann. An Robert Wimmer, der den ersten Transeuropalauf gewonnen hat und es wieder vorhat. An die Japanerin Hiroko Okiyama, die 2003 aufgeben musste und sich darauf eingeschworen hat, diesmal durchzuhalten. Sie alle haben bessere und schlechtere Tage, oft leiden sie Höllenqualen. Niemand von ihnen kann wirklich erklären, was sie antreibt, was es ihnen wirklich bringt. Laufen ist ihr Leben, es macht sie glücklich, so einfach ist das. Und wenn es weh tut, dann tut es eben weh.

Es sind ganz normale, nette Leute. Das ist einerseits ein Problem von "I want to run", denn was die Läufer im normalen Leben vielleicht an Charisma haben, geht hier in ihrer totalen Konzentration und Entschlossenheit unter. Keine Intrigen untereinander, keine Gehässigkeiten, kein Streit. Diese Menschen ruhen in sich, und das ist für spannendes Kino eigentlich Gift. Andererseits macht gerade diese Abneigung dagegen, alles zum menschlichen Drama zu erklären, diese Menschen so interessant. Auch bei Minusgraden und Windstärke 9 jammern sie nicht, sie machen weiter. Sie leisten Unvorstellbares und machen kein großes Ding daraus.

Selbst am Ende gibt es keine große Party, dazu sind alle viel zu erschöpft. Ein mattes Lächeln haben sie noch übrig, kaum Worte. Sie sind einfach glücklich.


I want to run. Start: 24.5. Regie: Achim Michael Hasenberg.

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