Kino-Drama "Benjamin Button" Der Greis ist heiß

Die größte Kino-Romanze seit "Titanic": David Finchers brillanter Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist ein Oscar-Favorit. Das tief bewegende Epos um einen Mann, der als Greis zur Welt kommt und immer jünger wird, war selbst eine der schwersten Geburten in Hollywoods Geschichte.

Von Lars-Olav Beier


Eine alte Frau sitzt auf einem Stuhl und hält ein Baby im Arm. Sie betrachtet es liebevoll und wiegt es sanft, bis es die Augen schließt. Es soll endlich Ruhe finden nach einem langen, anstrengenden und überaus aufregenden - ja, Leben. Denn das Baby ist in Wahrheit ein Mann, der einst als Greis zur Welt kam und im Laufe der Zeit immer jünger wurde. Nun will ihn die Frau, die ihn jahrzehntelang über alles geliebt hat, in seinen letzten Schlaf wiegen.

Vom bizarren Leben eines Altgeborenen, der beim täglichen Blick in den Spiegel immer weniger Falten in seinem Gesicht und immer mehr Haare auf seinem Kopf entdeckt, aber weiß, dass er eines Tages den Tod in der Wiege finden wird, erzählt der Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button". Er tut dies so ergreifend und bewegend wie kaum eine andere Hollywood-Produktion der vergangenen Jahre. Man sieht dem Helden beim Jüngerwerden zu und erfährt, was es wirklich bedeutet, alt zu werden.

Der von David Fincher ("Sieben", "Zodiac") inszenierte Film, der auf einer Erzählung des US-Schriftstellers F. Scott Fitzgerald von 1922 basiert, gilt als einer der Favoriten für die Oscars, die am 22. Februar in Los Angeles vergeben werden. Er wurde in 13 Kategorien nominiert – öfter als jeder andere Film in diesem Jahr. Dabei erzählt Finchers Film vom Altern, vom Tod, von Trauer und Verlust und davon, dass selbst die Jugend nicht für Feiglinge ist.

Brad Pitt spielt den Titelhelden, der 1918 unmittelbar nach Beendigung des Ersten Weltkriegs in New Orleans geboren wird. Buttons Mutter stirbt bei seiner Geburt, der Vater kann seinen Anblick nicht ertragen. So wird der greise Knabe Benjamin zum Waisenknaben und verbringt die Kinderstube im Altenheim. Dann verliebt er sich in das Mädchen Daisy, das - dem äußeren Schein nach - seine Urenkelin sein könnte. Als er sie Jahre später wiedertrifft, ist sie zur Frau gereift und er ein ganzer Kerl geworden. Zunehmend beschwingt eilt er durch die Welt, während Daisy (nun gespielt von Cate Blanchett) älter wird.

Verführerisch originelle Idee

In Hollywood gab es wohl kaum ein Filmprojekt, das älter ist. Mehr als ein halbes Jahrhundert dauerten die Geburtswehen, bis Benjamin Button das Licht der Leinwand erblickte. Schon in den vierziger Jahren versuchte sich der Schriftsteller William Faulkner an einer Kino-Adaption der Story seines Kollegen Fitzgerald, der durch die Romane "Diesseits vom Paradies" und "Der große Gatsby" berühmt geworden war. Doch dann stoppte das Studio Warner Bros. das Projekt. Seither liebäugelten Hollywoods Produzenten immer wieder mit Fitzgeralds verführerisch origineller Idee. Regisseure wie Ron Howard oder Steven Spielberg arbeiteten an dem Stoff, Stars wie Tom Cruise oder Johnny Depp waren für die Hauptrolle im Gespräch. Doch nie nahm der Film konkrete Gestalt an.

Die Zweifel an der Machbarkeit überwogen. Wie viele Schauspieler würde man wohl brauchen, um einen Mann in allen Phasen seines Lebens darzustellen? Und würde der Zuschauer dann am Ende wirklich glauben, dass es sich dabei um ein und dieselbe Figur handelt? Erst die Möglichkeiten der Computeranimation vertrieben diese Bedenken und versetzten Brad Pitt in die Lage, Button als alten und jungen Mann zu verkörpern. Die digitalen Visagisten verpassten dem Star zunächst eine zerfurchte Gesichtslandschaft und zauberten ihm später die Haut eines Babypopos auf die Wangen.

Ist "Der seltsame Fall des Benjamin Button" also der seltene Fall eines Films, der erst ins Zeitalter seiner technischen Realisierbarkeit hineinwachsen musste? Vielleicht; doch der wahre Grund, warum sich Hollywood, die Welthauptstadt des Jugendwahns, so oft auf diesen Stoff stürzte, um ihn dann wieder fallen zu lassen, könnte ein ganz anderer sein: Fitzgerald zeigt in seiner Geschichte, dass der Sprung in den Jungbrunnen kein Sprung ins Glück ist.

Der Autor erzählt sarkastisch von einem Mann, der eine biologische Kuriosität ist wie der Wechselbalg in E.T.A. Hoffmanns Märchen "Klein Zaches genannt Zinnober" oder der Reisende Gregor Samsa in Franz Kafkas Erzählung "Die Verwandlung", der eines Morgens im Panzer eines Käfers aufwacht. Wie Hoffmann und Kafka entwickelt Fitzgerald aus der Spannung zwischen seinem aus der Art geschlagenen Helden und dessen sozialer Umgebung eine aberwitzige Gesellschaftssatire.

Von der Groteske zum Melodram

Bei Fitzgerald kommt Button 1860 zur Welt, unmittelbar vor Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs. Als Buttons Vater das verschrumpelte Baby sieht, malt er sich aus, wie es wohl wäre, mit ihm durch die Stadt zu gehen. Selbst bei der Vorstellung, einen Sklavenmarkt zu passieren, wünscht er sich für einen "finsteren" Moment, schreibt Fitzgerald, "sein Sohn wäre schwarz". Er hätte lieber einen "Neger" gezeugt als eine Missgestalt.

Fitzgeralds Lieblingswort ist "grotesk". Aus der Groteske entwickelt Fincher nach dem Drehbuch von Robin Swicord ("Die Geisha") und Eric Roth ("Forrest Gump") ein mitreißendes Melodram. Fitzgerald macht sich meist einen Spaß daraus, dass sein Held jünger wird, während die Menschen um ihn herum vergreisen; Fincher macht aus dieser Konstellation ein Kino der großen Gefühle.

Wenn Brad Pitt gegen Ende als atemberaubend schöner junger Mann - noch strahlender als in dem Film "Thelma & Louise" von 1991, mit dem seine Karriere als Frauenschwarm begann - der gealterten Daisy gegenübersteht, liegt darin keinerlei Triumph, sondern bittere Tragik: Benjamin Button würde in dem Moment alles geben, könnte er nur endlich wieder ein paar Jahre älter sein.

Präzise und mit zynischer Schärfe beschreibt Fitzgerald, wie sein Held gerade deshalb einen besonderen Sinn dafür entwickelt, dass der Alterungsprozess die Leidenschaft zersetzt, weil er selbst jünger wird. Als er in etwa so alt ist wie seine Frau, nämlich Mitte 30, bemerkt er, dass sie "blutleer in Momenten der Erregung" ist und "angefressen von der ewigen Trägheit, die jeden von uns irgendwann ereilt, die heimlich, still und leise von uns Besitz ergreift". Gegen diese nüchterne Erkenntnis filmt Fincher aus Leibeskräften an.

Der Regisseur sieht dem Alter ins Gesicht, in die tiefen Runzeln der Haut, die zerplatzten Äderchen der Augen, die schütteren Haare. Aber er lässt sich von nichts und niemandem den Glauben rauben, dass dahinter eine große, tiefe und, ja, ewige Liebe liegen kann.

Ausgerechnet Fincher, der vermeintlich kaltherzigste Regisseur des amerikanischen Gegenwartskinos, der in Furcht und Schrecken und Ekel in seinem Element zu sein schien und mit "Fight Club" (1999) ein zynisches Meisterwerk schuf, drehte nun Hollywoods größten Liebesfilm seit James Camerons "Titanic". Aber nur einem notorischen Antiromantiker wie Fincher konnte wohl ein Film gelingen, der so rührend ist, ohne rührselig zu sein.

So nah und doch so fern

Als Benjamin und Daisy einander zum ersten Mal begegnen, sind sie sich unendlich fern und doch sehr nah. Er ist ein noch verhutzeltes Männchen, sie noch ein junges Mädchen. Er ist kaum größer als sie. Sie sieht ihn an, als entdecke sie hinter dem verwitterten Gesicht den kindlichen Spielgefährten. Nachts lesen sie heimlich unter einem Tisch in einem Buch. Auge in Auge sitzen sie sich gegenüber, und auf einmal scheint zwischen ihnen nicht nur der Größenunterschied, sondern auch der Altersunterschied aufgehoben.

Tatsächlich ist der Film von der Überzeugung geprägt, wahre Liebe bestehe darin, dass sich zwei Menschen ein Leben lang in Augenhöhe begegnen. Als der erwachsene Benjamin die zur berückend schönen Frau gereifte Daisy wiedertrifft und sie in einem nächtlichen Park auf einer Bühne für ihn tanzt, blickt er bewundernd zu ihr hoch. Sie will ihn verführen, doch er bekommt es mit der Angst zu tun.

Als Daisy dann einige Jahre später bei einem Unfall fast ein Bein verliert, im Krankenhausbett liegt und Benjamin gezwungen ist, auf sie herabzublicken, spürt der Zuschauer, dass auch ihre Liebe aus der Balance zu geraten droht. "Der seltsame Fall des Benjamin Button" ist einer der subtilsten und eindringlichsten Filme, die Hollywood je über die Ebenbürtigkeit der Geschlechter gedreht hat.

Keinen Ort sucht Fincher in seinem Film so oft auf wie die Treppe, auf der sich die Menschen Schritt für Schritt einander annähern können, bis sie sich schließlich auf Augenhöhe gegenüberstehen. In diesem Film ist es ein Alptraum, zum Rest der Menschheit aufblicken zu müssen, ein Fluch, sie von oben herab zu betrachten, und das reine Glück, einem anderen Menschen einfach in die Augen zu sehen.

Als Benjamin und Daisy einmal zusammen im Bett liegen, fragt sie ihn, ob er sie auch dann noch lieben werde, wenn sie alt und verschrumpelt sei. Er denkt nach und fragt zurück: Werde sie ihn noch lieben, wenn er sich wieder in die Hosen mache und Angst vor der Dunkelheit habe? Im vielleicht schönsten Augenblick des Films stehen die beiden zusammen vor einem Spiegel und betrachten sich. Daisy hat gerade gesagt, dass sie jetzt etwa gleich alt sein müssten. Er legt seinen Arm um sie und will, dass sie diesen Moment für immer in Erinnerung behalten.

Als Benjamin in vollem Saft steht, ist sein Vater schon sehr alt und kann selbst mit Krücken kaum noch gehen. Benjamin hebt ihn hoch und trägt ihn zu einem Bootssteg am Meer. Von dort blicken die beiden in den Sonnenaufgang. Wenn das Ende nahe, müsse man loslassen, lässt Fincher seinen Helden in diesem Augenblick aus dem Off sagen. Bald darauf stirbt der Vater. Später im Film sitzt Benjamin mit Daisy an der gleichen Stelle. Wieder geht die Sonne auf – doch der Zuschauer denkt schon an die Abenddämmerung dieser Liebe.

Was es für einen Menschen bedeutet, alt zu werden, versteht Button so gut wie kein anderer, weil er das Alter selbst besser kennt als alle anderen Menschen. Benjamin muss im Laufe seines Lebens oft loslassen, und jedes Mal schmerzt es mehr. Wem dieser Film nicht zu Herzen geht, der hat keins.



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