Kino-Drama "Der fremde Sohn": Melodram eines Muttertiers

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Mit rotleuchtendem Schmollmund kämpft Angelina Jolie als Muttertier im Los Angeles der Zwanziger gegen korrupte Cops: "Der fremde Sohn" ist eine perfekte Genremixtur aus Frauenmelodram und Polizeikrimi - und beschwört die Selbstheilungskräfte von Obamas Amerika.

Schwarz umflorte Augen unter dunkler Hutkrempe – wie eine Stummfilmikone hat Regisseur Clint Eastwood seine Hauptdarstellerin Angelina Jolie in Szene gesetzt. Die Farben hat er aus diesem historischen Krimidrama, angesiedelt im Los Angeles des Jahres 1928, weitgehend herausgewaschen. Nur der Mund der Jolie leuchtet rot. Das Erstaunliche: Erst rückt Eastwood Hollywoods teuerste Pin-up-Mama überlebensgroß ins Bild, dann schrumpft er sie im Laufe des Films auf Menschenformat zurück.

Diesmal geht nichts Laszives von Jolies Lippen aus. Rot ist ganz einfach die beste Signalfarbe, und ihr viel besungener Mund sticht hier nur deshalb hervor, weil sie in ihrer Rolle als verzweifelte Mutter ja irgendwie ihrem vermissten Jungen den Weg nach Hause leuchten muss durchs depressive Los Angeles, in dem Ende der Zwanziger Gewaltverbrecher und korrupte Polizisten für Schrecken sorgen.

Schließlich geht es in "Der fremde Sohn", einem Genregemisch aus Frauenmelodram und Polizeikrimi, aus Gefängnisdrama und Serienkiller-Thriller, um historisch verbürgte Ereignisse.

Der Film berichtet zum einen von der jungen Mutter Christine Collins (Jolie), der die Behörden nach der Vermisstenmeldung ihres Sohnes einen falschen Jungen nach Hause bringen und die nach ihrem Aufbegehren in die Psychiatrie weggesperrt wird. Und zum anderen von einem Psychopathen, der auf einer abgelegenen Farm 20 Kinder tötet. Der Fall ist belegt, als "Wineville Chicken Murders" wurde er seinerzeit in den Boulevardmedien ausgeschlachtet.

Eigentlich ist "Der fremde Sohn" eine Schauermär, die vom Einbruch des Archaischen in die Zivilgesellschaft erzählt. Dabei braucht es keine expliziten Gewaltdarstellungen, um die Monstrosität der Verbrechen nachzuzeichnen.

Der Schrecken in diesem Los-Angeles-Krimi verbreitet sich vor allem durch den ruhigen Perspektivwechsel, mit dem Eastwood die Handlungs- und Themenstränge voran- und zueinandertreibt.

Das Gesicht der verzweifelten Mutter zeigt die Spuren, die Behördenwillkür und Psychiatrieterror hinterlassen - die Geschichte des Kinderschlächters aber wird in aufwühlenden Monologen von jenen Jungen erzählt, die seinen Klauen entkommen sind.

140 Minuten lässt sich Eastwood Zeit für seine detailreiche Rekonstruktion der Ereignisse. Dabei stellt er weniger das reale Los Angeles nach – sondern jene Stadt und jene Menschen, wie sie die Traumfabrik in den frühen Tagen des klassischen Hollywoodkinos auf die Leinwand gebracht hat.

Die Stilisierung der Jolie zum leidenden Muttertier erinnert etwa an die Frauenmelodramen des Stummfilmpioniers David W. Griffith, die Beschreibung des Revieralltags samt kettenrauchender Cops an die Krimi-Szenarien des ehemaligen Reporters und späteren Drehbuchgroßmeisters Ben Hecht. Die Gerichtsszenen schließlich sind ein Echo der Demokratiehymnen eines Frank Capra. So wird dem korrupten Polizeiapparat am Ende dank einer aufbegehrenden Bürgerbewegung der Prozess gemacht.

Clint Eastwood ist inzwischen eine Art dramatischer Woody Allen. Beide Männer sind über 70, beide drehen mindestens einen Film pro Jahr, beide bekommen für Mini-Gagen die Top-Verdiener Hollywoods vor die Kamera. Doch wo Allen seit geraumer Zeit nostalgische Fingerübungen vorlegt, führt Eastwood selbst historisch entlegene Stoffe direkt zurück ins Hier und Jetzt.

Es ist kein Zufall, dass "Der fremde Sohn" in den USA während des Wahljahrs 2008 anlief. Der Film beschwört einen Genesungsprozess der amerikanischen Demokratie, wie er sich im Hoffnungsträger Barack Obama zu manifestieren scheint.

Dass diese Gesellschaftsparabel ausgerechnet vom bekennenden Republikaner Clint Eastwood vorgelegt wird, ist dabei kein Widerspruch. Als frei denkender Patriot – so jedenfalls inszeniert sich der Regisseur, Schauspieler und Lokalpolitiker ja immer wieder – gilt es einerseits, die schwarzen Kapitel der Vergangenheit zu beleuchten, andererseits die großen integrativen Kräfte der Gegenwart aufzuspüren.

"Der Fremde Sohn" ist ein aufwühlender Beitrag zu aktuellen Debatten. Schon wie Eastwood eine Hinrichtungsszene anlegt, wirft ein scharfes Licht auf die Todesstrafendiskussion in den USA. Irgendwann nämlich, und da ist der Film längst noch nicht zu Ende, wird der Serienmörder in San Quentin am Galgen aufgeknüpft; die Eltern seiner Opfer wohnen der akkurat vollzogenen Zeremonie bei. Eastwood ist, wie übrigens auch Obama, Befürworter dieser Rechtspraxis.

Umso bemerkenswerter, mit welch schmerzvoller Konsequenz der Regisseur diesen Teil seines Filmes ausleuchtet: Es ist die wohl sachlichste Hinrichtungsszene seit Krzysztof Kieslowskis berühmtem Anti-Exekutions-Manifest "Ein kurzer Film über das Töten". Als populistische Werbemaßnahme für die grausamste aller Strafen lässt sie sich partout nicht sehen. Im Gegenteil, für Mutter Collins stellt sich auch durch diesen finalen Akt der wiederhergestellten Rechtsordnung keine Gewissheit ein. Die Genugtuungsmechanik des Rachedramas wird nicht bedient.

Ein rigoros ambivalentes Epos ist "Der fremde Sohn" also geworden. Es funktioniert als Parabel über die Selbstheilungskräfte der amerikanischen Gesellschaft und als Dokument des archaischen US-Rechtsempfindens. So einladend, so fremd hat uns Europäer schon lange kein amerikanischer Film mehr angeschaut.

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