Kino-Drama "Drachenläufer" Zu viel Himmel über der Wüste

Schuld und Sühne, Verlust und Verrat: Marc Forster hat den populären Afghanistan-Roman "Drachenläufer" für Hollywood verfilmt - und ein rührseliges Dramolett geschaffen, das zwischen Polit-Thriller und Kitsch-Kino schwankt.

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Acht Millionen Leser hatte Khaled Hosseini mit seinem Debüt-Roman "Drachenläufer". Acht Millionen, die sich ohne dieses Buch vielleicht nie näher mit afghanischer Geschichte beschäftigt hätten. Der in den USA lebende Autor machte die ethnischen und gesellschaftlichen Konflikte seines Heimatlandes zur Kulisse für eine dramatische, anrührende Geschichte über Schuld und Sühne und den Verlust der Unschuld.

Es war schon immer eine große Leistung der Literatur, guter wie schlechter, die trockenen Prozesse der Politik allein durch die Reduktion auf individuelle Schicksale in ein Meer der Emotion zu tauchen. Noch der komplexeste Konflikt wird so für ein Massenpublikum begreifbar, wenn nicht überhaupt erst interessant. Die nächste Stufe dieser Fiktionalisierungs- und Dramatisierungs-Masche ließ auch bei Khaled Hosseini nicht lange auf sich warten: Hollywood beauftragte den Schweizer Regisseur Marc Forster mit der Verfilmung des Welt-Bestsellers. Eine gute Wahl aus amerikanischer Sicht, denn Forster verströmt allein qua Herkunft internationales Flair und hat zudem mit Filmen wie "Monster's Ball" bewiesen, dass er genug Feingefühl für emotionsgeladene, wenn nicht politische Stoffe besitzt.

Und tatsächlich gelingt Forster, der soeben mit den Dreharbeiten für den neuen James-Bond-Film begonnen hat, trotz zahlreicher Handicaps ein sehr solides Kino-Epos. Wegen der anhaltenden Konflikte konnte "Drachenläufer" nicht in Afghanistan gedreht werden, chinesische Landschaften dienten als Ersatz-Kulisse. Forster war dennoch um größtmögliche Authentizität bemüht, weite Teile der Dialoge wurden in afghanischen Dialekten gedreht, was den Erfolg an der US-Kinokasse nicht steigern wird, zumal die kooperierenden Studios DreamWorks und Paramount keine bekannten Stars für die mit 20 Millionen Dollar eher bescheiden budgetierte Produktion gewinnen konnten.

Dem Film hilft das allerdings eher, denn der trägt mit dem Kitsch der Buchvorlage schon genug Ballast mit sich herum. Forster und Drehbuch-Autor David Benioff ("25 Stunden") halten sich erstaunlich eng an Hosseinis Roman: Die Geschichte beginnt im Hippie-Paradies Kabul der siebziger Jahre. Der 12-jährige Amir wächst in einer reichen Paschtunen-Familie auf. Seine Mutter ist gestorben, sein Vater ist ein strenger, aber liberaler Intellektueller. Amirs bester Freund ist Hassan, der dem mongolischstämmigen Hazara angehört und Sohn des Dieners der Familie ist. Zusammen nehmen die beiden Buben am traditionellen Drachen-Wettkampf teil. Die jeweils aus zwei Jungen zusammengesetzten Teams lassen ihre bunten Papierflieger hoch über die Stadt steigen und versuchen, den Konkurrenten mit gewagten Flugmanövern die Schnüre durchzuschneiden, während sie kreuz und quer durch die engen Straßen stolpern und rennen. Das Drachenspiel braucht immer zwei Akteure, einen der navigiert, einen der agiert. Amir und Hassan, die ungleichen Freunde, sind die besten Drachenläufer.

Farbenfrohe Drachenpracht

Forster inszeniert die farbenfrohe Drachenpracht mit enormer Wucht und beeindruckend unauffälliger Computer-Animation. Dabei ist allein die Metapher schon plakativ genug: Paschtunen und Hazara sind nur zusammen stark genug, das Drachenturnier, Symbol der Freiheit, zu gewinnen. Wie schön. Doch als der kleine Hassan von einem halbstarken Paschtunen brutal vergewaltigt wird, traut sich Amir nicht, seinem Freund beizustehen. Der Verrat zerstört das Band zwischen den beiden Jungs für immer, wenig später flieht Amirs Familie vor den Taliban in die USA. Erst als Erwachsener kehrt Amir in seine inzwischen vom Krieg zernarbte Heimat zurück und kann seine Kindheits-Schuld begleichen. Am Ende, die Hoffnung stirbt zuletzt, kreuzen die Drachen wieder am strahlenden blauen Himmel.

Wie mächtig die Bebilderungs-Maschinerie Hollywoods ist, kann man an der Kontroverse ablesen, die allein die Vergewaltigungs-Szene bereits im Nachklang der Dreharbeiten auslöste. Wiewohl die Inszenierung im Film dezenter ausfällt als im Roman, wurden vorsichtshalber alle vier beteiligten Kinderdarsteller aus Afghanistan evakuiert, um deren Sicherheit zu gewährleisten; der US-Filmstart wurde aus Sorge um die jungen Schauspieler verschoben. Groß war die Angst vor dem unberechenbaren Zorn der Taliban und anderer konservativer Kräfte am Hindukusch. Gestern schließlich meldeten Nachrichtenagenturen, dass "Drachenläufer" aus moralischen Bedenken heraus tatsächlich nicht in Afghanistan gezeigt werden darf. Angesichts einer Handvoll intakter Kinoleinwände im ganzen Land einer eher politisch als praktisch relevante Maßnahme.

Leichte Dosis Afghanistan-Konflikt

Der Film wird durch solcherlei medienwirksame Scharmützel eher überbewertet. Drastischer als die dramaturgisch unentbehrliche Vergewaltigung sind Szenen, in denen das sadistische Steinigungs-Ritual der Taliban in einem Fußball-Stadion gezeigt wird, oder jene Sequenz, in der ein weiterer Hazara-Junge gezwungen wird, für seinen paschtunischen Tyrannen zu tanzen. Doch den religiösen Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen (die meisten Paschtunen sind Sunniten, Hazara sind Schiiten) spart Forster leider aus, um stattdessen die latente Homosexualität der miteinander verfeindeten Männer mehr oder minder subtil zu betonen. Stark indes sind die Szenen, in denen deutlich wird, wie die alten, patriarchalischen Stammesrituale auch im amerikanischen Exil fortgeführt werden: Als sich der erwachsene Amir in ein ebenfalls aus Afghanistan geflüchtetes Mädchen verliebt, bringen sich die Väter der beiden mit Stammbäumen und archaischer Heiratsbasar-Mentalität in Stellung.

So erfüllt "Drachenläufer" seine Funktion als Geschichts-Schaukasten nahezu perfekt. Kabul wird, zumindest zu Beginn des Films, als das gezeigt, was es einmal war: Ein Hort der Toleranz und Liberalität; zugleich wird Afghanistans Schönheit mit opulenten Landschaftsbildern betont. Die rührselige Geschichte geht ans Herz, und ganz nebenbei bekommen die bildungsbeflissenen und politisch interessierten Bürger des westlichen Kulturkreises eine garantiert leichte Dosis Afghanistan-Konflikt, die das Bewusstsein für die Krise am Hindukusch schafft, ohne allzu sehr mit Realismus zu verstören. Mehr kann Hollywood nicht, mehr will es meistens nicht.

Forsters immer wieder spürbarer Wille, die strengen Regeln des Melodrams zu durchbrechen, sorgt da manchmal für Irritation und lässt "Drachenläufer" immer wieder zwischen mutigem Polit-Thriller und klitternder Kolportage schwanken. Für die rund 40.000 Soldaten indes, die derzeit versuchen, den fragilen Frieden in Afghanistan zu sichern und mit dem alltäglichen Hass religiöser Fanatiker konfrontiert sind, dürften weder Buch noch Film mehr darstellen als ein Märchen aus dem Morgenland.



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