Kino-Drama "Vier Minuten" Wundes Wunderkind

Autor und Regisseur Chris Kraus verhebt sich in seinem zweiten Spielfilm "Vier Minuten" virtuos an seiner komplexen Thematik. Dennoch liefern sich Monica Bleibtreu und Newcomer Hannah Herzsprung ein beeindruckendes Darsteller-Duell.

Von Bert Rebhandl


Ein Klavier ist ein edles Instrument. Es passt so gar nicht in den Frauenknast, in dem die junge Jenny von Loeben wegen Mordes einsitzt. Nur vier von den 300 inhaftierten Frauen wollen überhaupt darauf spielen, da fragt sich der Anstaltsdirektor Meyerbeer schon, ob die Anschaffung eines Konzertflügels überhaupt zu rechtfertigen ist. Aber die alte Frau Krüger wartet eine Antwort gar nicht erst ab: Sie lässt auf eigene Kosten ein Klavier in das Gefängnis schaffen und wartet dann auf Schülerinnen. Jenny von Loeben, so viel weiß sie schon, hat eine außergewöhnliche Begabung, aber sie ist auch eine außergewöhnlich zornige Frau, mit einem Hang zur Selbstzerstörung. Zur ersten Klavierstunde erscheint sie mit blutigen Fingern, ein wundes Wunderkind, das wie eingesperrt in sich selbst wirkt.

Die Musik ist der Königsweg in die Freiheit in Chris Kraus' Film "Vier Minuten". Selbst in Handschellen kann man dem Instrument noch unerhörte Töne entlocken, und so ähnlich, wie Jenny von Loeben ihre ganze Existenz in ihr Spiel legt, holt auch der Regisseur aus seinem Medium alles heraus, was nur geht. Das betrifft zuerst einmal die Hauptdarstellerin: Hannah Herzsprung, längst als eine der großen Hoffnungen des deutschen Kinos entdeckt, verausgabt sich in der Rolle der Jenny so gründlich, dass die Stücke von Bach, Mozart, Beethoven und Schumann beinahe zu zerbrechlich für ihr wildes Talent wirken. Wenn sie mit sich allein ist, spielt sie "Negermusik", wie Frau Krüger (Monica Bleibtreu) es abschätzig nennt. Sie ist das ganze Gegenteil der jungen Schülerin: eine alte, introvertierte, einsame Frau, deren Großzügigkeit nur die Kehrseite eines Hochmuts ist, der in ihrer besonderen Beziehung zur Musik gründet.

Jenny und Frau Krüger sind füreinander bestimmt, das wird schnell klar. Während der Übungsstunden für einen Wettbewerb lernen sie einander besser verstehen, die gegenseitige Abneigung schlägt bald in Sympathie um. Währenddessen wächst das Unverständnis derer, die aus dieser exklusiven Beziehung ausgeschlossen werden: der Vollzugsbeamte Kowalski (Richy Müller) hält sich an seine drakonische Pädagogik, der sensible Mütze (Sven Pippig) scheitert bei einer Quiz-Sendung im Fernsehen an den lächerlichen Fragen und kehrt als gebrochener Mann zurück.

Chris Kraus belässt es aber nicht bei einem Kammerspiel mit klassischer Musik. Er erfindet für Frau Krüger eine Vorgeschichte, die in den letzten Monaten des Nationalsozialismus spielt, und erst vor dem Hintergrund dieser in Rückblenden allmählich deutlicher werdenden Erlebnisse bekommt das Klavierspiel ihrer Schülerin eine besondere Dringlichkeit: Sie soll ein Talent vollenden, das gar nicht das eigene ist, sondern durch die deutsche Geschichte unterbrochen wurde.

Mit dieser Konstruktion lädt Kraus seinem Film eine Menge auf – sie ist aber bezeichnend für den Anspruch auf Virtuosität, mit dem "Vier Minuten" nicht hinter dem Berg hält. Nach der Deutschlandpremiere bei den Hofer Filmtagen im vergangenen Herbst war vor allem von den tollen Schauspielerinnen die Rede.

Aber das trifft nur einen Aspekt, und täuscht ein wenig darüber hinweg, dass hier mit allen filmischen Mitteln gearbeitet wird: Kamera und Schnitt, Ton und Farben, aufwendige Erzählkonstruktion und intensive Gewaltmomente sorgen dafür, daß die Demut vor der Musik, von der Frau Krüger in einem zentralen Dialog spricht, eine leere Idee bleibt. Das Prinzip von "Vier Minuten" ist stattdessen eine Maßlosigkeit, die sich an den musikalischen Vorgaben nicht abarbeiten will, sondern weit darüber hinausschießt. Die mehrfachen Traumata, die Chris Kraus übereinander legt, verlangen nicht nach einer analytischen Kur, sondern nach einem kathartischen Akt.

Der Film steuert unausweichlich auf ein Grande Finale zu, in dem allerdings die Hoffnungen von Frau Krüger nur bedingt eingelöst werden. Aber das macht nichts, denn spätestens hier ist klar geworden, dass Kraus die Musik nur instrumentalisiert hat. "Vier Minuten" borgt sich von den besten Momenten der Klassik jenes flüchtige Gefühl von Überwältigung, das der Film um jeden Preis festnageln will. Er unterschlägt dabei aber die Nuancen der Interpretation, in denen das Klavierspiel seine eigentlichen Freiheitsräume entfaltet.

Chris Kraus erweist sich mit seinem erst zweiten abendfüllenden Spielfilm nach "Scherbentanz" (2002), selbst als ein Wunderkind, das schon alles kann - nur nicht, dem Publikum ein wenig von der Freiheit einzuräumen, die in der Musik erfahrbar wird.



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