Lars Kraumes "Familienfest" Mama ist mal wieder sternhagelvoll

Bruderhass und Vatergrusel - Familienbande liefern häufig die süffigsten Abgründe. In seinem neuen Film inszeniert Lars Kraume ein Geburtstagsfest als ganz großes Drama. Und scheitert trotz eines hervorragenden Ensembles.


Wer das Wort "Familienfest" liest, weiß schnell: Grund zum Feiern wird es kaum geben. Vielmehr brechen zu einem solchen Anlass gern alte Wunden auf, es kommt zu lange hinausgezögerten Aussprachen, zu reinigenden Wutausbrüchen oder nachhaltigen Verwerfungen.

So auch in Lars Kraumes neuem Film. Dass es beim 70. Geburtstag des berühmten Pianisten Hannes Westhoff ordentlich krachen wird, daran lässt das Werk von Beginn an keine Zweifel. Erst wenige Minuten sind auf der Leinwand verstrichen, da ist bereits klar: Die drei Söhne, die sich aus unterschiedlichen Richtungen dem feudalen Elternhaus im Berliner Nobelvorort nähern, bergen allesamt genug Potenzial für die große Tragödie.

Max (Lars Eidinger), dem Ältesten, steht der Schweiß auf der weißen Stirn, als er sein Auto in den Straßengraben lenkt. Im Krankenhaus drückt er dem Arzt einen USB-Stick in die Hand, seine Krankengeschichte scheint umfangreich zu sein. Den zweiten Sohn Gregor (Marc Hosemann), einen glücklosen Unternehmer, plagen wiederum beträchtliche Geldsorgen: Schnellstmöglich benötigt er 50.000 Euro, ein gebrochener Finger zeugt von der Humorlosigkeit seiner Gläubiger. Der Jüngste schließlich, Frederik (Barnaby Metschurat), bringt erstmals seinen Lebensgefährten mit, homophobe Sprüche lassen nicht lange auf sich warten.

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"Familienfest": Der Geburtstag des Patriarchen
Die hohe Kunst und der leise Grusel der filmischen Familienfeier liegen darin, die atmosphärische Unerträglichkeit nach und nach zu steigern, einer Tropfenfolter ähnlich, um so die Eskalation möglichst lange hinauszuzögern. Thomas Vinterberg gelang das 1998 in brillanter Weise: Sein Missbrauchsdrama "Das Fest" setzte das Thema mit den schlichten Mitteln des Dogma-Films kongenial und erdrückend um.

Auch das deutsche Kino legte vor drei Jahren mit Hans-Christian Schmids "Was bleibt" die Messlatte hoch: Eine depressive Mutter offenbart, fortan auf ihre Medikamente verzichten zu wollen, und bringt so das familiäre Gefüge aus dem Gleichgewicht. Respektvoll bis zärtlich ist hier der Umgang miteinander, der Zuschauer baut Sympathien zu den Figuren auf, bevor es zur Krise kommt. Diese emotionale Fallhöhe macht die Qualität von Schmids Film aus.

Missstimmung, offene Konflikte, Drama

Das Drehbuch von "Familienfest" hingegen traut seinem Ensemble aus hervorragenden Schauspielern wenig Zwischentöne zu. Es will zu schnell zu viel. Und "viel" heißt in diesem Fall: Missstimmung, offene Konflikte, Drama.

Da kommt es schon beim ersten gemeinsamen Essen am Vorabend des Geburtstags zum Eklat, da fackeln am nächsten Tag aus Rache die sündhaft teuren Partituren des Vaters ab und man beschimpft sich gegenseitig als "Arschloch". So herablassend und boshaft tritt der von Günther Maria Halmer verkörperte Familienvater auf, dass man beim besten Willen nicht begreifen kann, warum jemand freiwillig auch nur fünf Minuten mit diesem Tyrannen verbringen sollte. Selbst seine geburtstägliche Würdigung in einer Zeitung ist überschrieben mit dem zweifelhaften Attribut "Der Unnahbare".

Anne (Michaela May), die neue Frau des Patriarchen, gleicht dessen Abgründe mit der eigenen Harmoniesucht und Hausmütterlichkeit aus; "Pantoffeltierchen" wird sie von Westhoffs erster Gattin abfällig genannt. Unbeirrt versucht Anne die Familie zusammenzuhalten, aller offensichtlichen Zerwürfnisse zum Trotz. Schon im März lädt sie jeden zu Weihnachten ein, wohl von der Angst getrieben, am Ende mit dem Ehemann allein sein zu müssen.

Charaktere, wie künstlich aufeinander abgestimmt

Jede der Figuren bietet interessante Facetten, es bereitet Vergnügen, den Schauspielern beim bitterbösen Treiben zuzuschauen. Allen voran Hannelore Elsner als trinksüchtiger Grande Dame, die schon mittags die Weingläser in einem Zug leert und hinter deren Zynismus immer wieder Mutterliebe hervorscheint. Doch in ihrem Nebeneinander wirken die Charaktere stereotyp, wie künstlich aufeinander abgestimmte Sparringspartner.

Seit zwei Wochen läuft "Der Staat gegen Fritz Bauer" in den Kinos, Lars Kraumes erstes Historiendrama. Im "Familienfest", ursprünglich fürs Fernsehen konzipiert, begibt sich der mit dem Grimme-Preis dekorierte Regisseur auf vertrauteres Terrain: Familiäre Beziehungen standen zuletzt 2013 in seinem Film "Meine Schwestern" im Mittelpunkt.

Schon dort kühlte Jördis Triebel die Stimmung wohltuend herunter, auch jetzt gehören ihr als Krankenschwester Jenny die stärksten Momente. In der Klinik wird sie von Max spontan zum Fest eingeladen, ihm fehlt noch der Anhang. Sie macht das Spiel mit, gibt sich als seine Freundin aus und wirft so den ungetrübtesten Blick aufs Geschehen, stellt die richtigen Fragen. Am Ende gebührt ihr der rührendste Moment des Films - doch da liegt bereits alles in Trümmern.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Familienfest"

Familienfest

Deutschland 2015

Regie: Lars Kraume

Drehbuch: Andrea Stoll, Martin Rauhaus

Darsteller: Günther Maria Halmer, Hannelore Elsner, Michaela May, Lars Eidinger, Jördis Triebel, Barnaby Metschurat, Marc Hosemann, Nele Mueller-Stöfen, Daniel Krauss

Produktion: Ufa Fiction

Verleih: NFP Film

Länge: 125 Minuten

FSK: ab 6 Jahren

Start: 15. Oktober 2015

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