Film "Mandela" Ein Mann, zu groß fürs Kino

Zwei Monate nach Nelson Mandelas Tod kommt "Mandela: Der lange Weg zur Freiheit" ins Kino. Trotz Überlänge und großartigen Schauspielern wird der Film dem Politiker nicht einmal annähernd gerecht.

Von

Senator Film

Einem Film, der 141 Minuten dauert, auch noch den Untertitel "Der lange Weg zur Freiheit" zu geben, muss man sich erst mal erlauben können. Aber wenn "Mandela" davor steht, gelten einfach andere Regeln - sowohl was die Länge als auch, was den Inhalt betrifft.

Justin Chadwicks Biopic, das knapp zwei Monate nach Mandelas Tod nun in die deutschen Kinos kommt, beweist: Nelson Mandela ist eine zu große Ikone und hat ein zu einzigartiges Leben gelebt, als dass ein Film über ihn jemals zu lang oder zu dröge sein könnte. Der Film bricht einerseits unter dem Gewicht von Mandelas Geschichte förmlich zusammen. Andererseits betont er gerade deshalb, dass Mandela ein Leben gelebt hat, dem kein Film je gerecht werden könnte.

Von der Kindheit am östlichen Kap bis zu seiner Wahl zum ersten demokratisch gewählten Präsidenten Südafrikas arbeiten sich Chadwick ("Die Schwester der Königin") und sein Drehbuchautor William Nicholson, der Mandelas gleichnamige Autobiografie zur Vorlage hat, beharrlich vor. Ihr Tempo dabei ist forsch, aber nicht gehetzt. Ein von Jazz untermalter Tanz im Nachtclub, eine gewitzte Finte während eines Gerichtsprozesses, schon sind Mandelas Jahre als junger, lebenslustiger Anwalt in Johannesburg stimmungsvoll skizziert.

Fotostrecke

11  Bilder
"Mandela: Der lange Weg zur Freiheit": Zu wenig des Guten
Diesen Skizzenmodus verlässt der Film nur leider nie, er fährt alle biografischen Stationen im selben Tempo an und verlässt sie wieder. Das wachsende Engagement beim ANC, der erste politische Prozess gegen ihn, die Zeit im Untergrund, die Verurteilung, ja, selbst die 18 Jahre Haft auf der Gefängnisinsel Robben Island schnurren so auf gefühlt gleichlange Episoden zusammen.

Vorgeblich soll das Verhältnis von Nelson und Winnie Mandela, ihre Liebe und ihre schleichende Entfremdung voneinander, im Mittelpunkt stehen. Eine bessere Idee, als es bei einem Politikerporträt zunächst erscheinen mag. Schließlich haben sich die beiden auch über die Frage, welche Rolle Gewalt beim Protest gegen das rassistische Regime spielen soll, überworfen.

Um hier ins Detail zu gehen und die Argumentationen beider Seiten aufzuschlüsseln, nimmt sich der Film aber keine Zeit. Trotz seines Anspruchs auf Vollständigkeit könnte er deshalb gerade denen, die kaum mit Mandelas Biografie und der Geschichte der Apartheid vertraut sind, womöglich am wenigsten zu bieten haben. Für alle anderen streut der Film genug Spuren aus, um zur unhaltbaren Politik Großbritanniens und der USA gegenüber dem Apartheidsregime zu führen oder die Eindrücke vom großen Solidaritätskonzert 1988 in London aufzufrischen.

Wirklich sehenswert sind aber allein die schauspielerischen Leistungen von Idris Elba als Nelson und Naomie Harris als Winnie Mandela, obwohl beide den realen Vorbildern kaum ähnlich sehen. Serienstar Elba ("Luther", "The Wire") dimmt seinen Playboy-Charme herunter und legt sich einen gedrungenen Gang zu, der trotz seiner breiten Schultern nicht bullig wirkt. Harris ("Skyfall") arbeitet vor allem mit dem Ausdruck ihrer Augen, die im einen Moment vor Wuttränen glänzen, im anderen Moment, nach Monaten der Haft, nur noch stumpf zu starren vermögen.

Harris und Elba waren kurz nach der Premiere von "Mandela" bei den Filmfestspielen von Toronto als Oscar-Kandidaten im Gespräch. Doch durchwachsene Kritiken und enttäuschende Zuschauerzahlen haben diesen Spekulationen schnell ein Ende bereitet. Allein der Titelsong "Ordinary Love" von U2 setzt sich durch. Er hat bereits den Golden Globe für den besten Originalfilmsong gewonnen, nun ist er auch für den Oscar nominiert.

Dass ausgerechnet Bono und seine Band die einzigen sind, die von diesem Film profitieren und Preise gewinnen, könnte man als bittere Ironie verbuchen. Andererseits dürfte es ihnen über kurz oder lang wie allen ergehen, die sich Mandela künstlerisch genähert haben. Ihr Werk wird zu Fußnoten im Leben und Schaffen eines Mannes, für das 141 Filmminuten zu kurz und für den die größten Stars zu klein sind.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
frieder.holz 26.01.2014
1. Filmkritik
Der Film wird es vielleicht nicht in die Kategorie beste Filme aller Zeiten schaffen - so schlecht ist er aber auch nicht. Besonders gut fand ich die Darstellung, dass der AMC nicht nur gut war und auch dass Winnie Mandela's Football Club halbwegs realistisch dargestellt werden.
h.hass 26.01.2014
2.
Langeweilige, beflissene Biopics mit Bildungsauftrag gibt's nun wirklich schon genügend. Auf eines mehr kann gern verzichtet werden. Und das Leben von Nelson Mandela ist in knapp 1 1/2 Stunden mit Sicherheit nicht adäquat nacherzählbar.
2010sdafrika 26.01.2014
3. Mandela bleibt in unserem Herzen
Nelson Mandela ist eine außerordentliche Ikone, die man mit keinem Film würdigen kann. Der weltweite Abschied hat verdeutlicht, dass es keinen Film bedarf, der ihn für seine Verdienste würdigt. Schön anzuschauen ist der Film allemal: http://2010sdafrika.wordpress.com/2013/12/12/mandela-trauergottesdienst-im-berliner-dom/.
frankenharry 26.01.2014
4. @h.hass
Naja, man sollte sich den Film erst mal ansehen. Übrigens: eine Stunde hat 60 Minuten, nicht 100...
karlsiegfried 26.01.2014
5. Niemand ist zu 'gross für das Kino'
Zweifellos war Mandela eine Ausnahmefigur. Er passte sich nicht an und müsste dafür teuer bezahlen. Die Ernte dafür fahren nun seine Erben (Partei und Familie) ein. Aber zu gross für das Kino? Das scheint doch übertrieben zu sein. Auch Ghandi war zu gross für das Kino. Aufrichtig, ehrlich konsequent. Weitere Tausende Beispiele finden sich bestimmt im Leben der sogenannten kleinen Leute. Aber das ist nicht berichtenswert und Geschäfte können mit diesen kleinen Geschichten auch nicht gemacht werden. Mandela war zweifelloos ein Grosser. Ein Grosser von vielen Grossen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.