Kino-Highlight "Cold War" Eine heißkalte Liebe

Mit dem Nachkriegsliebesdrama "Cold War" beweist Oscar-Gewinner Pawel Pawlikowski erneut, wie kunstvoll und zugänglich, schön und brisant Kino sein kann. Eine Begegnung mit Polens erfolgreichstem und umstrittensten Regisseur.

Neue Visionen

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Zwischen zwei Systemen zu leben, kann ein Fluch sein. In Pawel Pawlikowskis "Cold War" zerreißt das die Liebenden Zula (Joanna Kulig) und Wiktor (Tomasz Kot). Weder im stalinistischen Polen noch im französischen Exil finden die charismatische Sängerin und ihr älterer Musikdozent eine Heimat.

Oder besser gesagt: eine gemeinsame Heimat, denn immer findet sich der eine besser unter den neuen Umständen zurecht als der andere. Zula versteht es, das polnische Publikum mit Volkstänzen und -liedern zu begeistern, Wiktor kann als Jazzpianist in Paris reüssieren. Ohne einander wollen sie trotzdem nicht sein, und so entspinnt sich in "Cold War" bittere Nachkriegshistorie als mitreißendes Liebesdrama: Die Geschichte von zwei Arbeiter- und Bauernkindern, die zusammen nicht kommen konnten.

Ob es auch ein Segen sein kann, zwischen zwei Systemen zu leben? Pawel Pawlikowski hat es zumindest nicht zerrissen. Er wurde 1957 in Polen geboren, wanderte aber mit 14 Jahren zusammen mit seiner Mutter zunächst in die BRD, dann nach Großbritannien aus. Drehte erst preisgekrönte Dokumentarfilme, dann Spielfilme. Erst auf Englisch, dann auf Polnisch. Wurde für seinen Film "Ida" in der Heimat erst als antipolnisch angefeindet, dann als erster polnischer Gewinner des Auslands-Oscars gefeiert.

Pawel Pawlikowski bei den Oscars 2015
DPA

Pawel Pawlikowski bei den Oscars 2015

"Mir ging es immer nur um den nächsten Film, den ich machen kann", sagt der 61-Jährige beim Interview in Berlin, "und der stand immer im Verhältnis zu meinen Möglichkeiten zu der jeweiligen Zeit." Als er Dokumentarfilme machte, war die Finanzierung über die BBC gesichert."Ein goldenes Zeitalter", wie Pawlikowski rückblickend sagt. Als es zu Ende ging, hatte er schon begonnen, nach fiktionalen Stoffen zu suchen. "Dafür habe ich dann auch Geld auftreiben können. Nicht riesig viel, aber immer genug. Es gab also nie einen Zeitpunkt, an dem ich dachte: Jetzt wirst du von etwas abgehalten, das du gern machen würdest."

In den Armen von Gönnern

Die Freiheit von Künstlerinnen und Künstlern ist eines der Themen, die sich durch "Cold War" zieht und das über die Systemgrenzen hinweg. Im Nachkriegspolen legt sich der Stalinismus wie zwei Hände um die Hälse von Zula und Wiktor. Im Westen müssen sie sich dagegen in die Arme von Gönnern werfen, um überleben zu können. "Das ist für mich eine Frage der Abstufung: Welche Beschränkungen greifen und wann werden sie mörderisch?", sagt Pawlikowski. "Wenn man aus einem Land kommt, in dem man für seine Kunst unter bestimmten Umständen mit dem Leben bezahlen muss, kommen einem subtile Formen der Beschränkung weniger dramatisch vor. Wenn man hingegen von totaler Freiheit ausgeht, erscheinen sie einem drastisch. Vergleichen kann man die Umstände trotzdem nicht."

Wie beim Vorgängerfilm "Ida" lässt sich Pawlikowskis Erzählung nicht auf den einen Themenstrang reduzieren. Zu virtuos greifen dafür Form und Inhalt ineinander, stützen sich gegenseitig und funktionieren doch als getrennte Reize. "Ich versuche, beim Filmemachen meine Spuren zu verwischen", sagt Pawlikowski. "Ich will Dinge schaffen, die kompliziert und wahrhaftig zugleich sind. Eine einzelne Person kann sowohl ein Arsch sein als auch ein wunderbarer Mensch. Genauso will ich auch Geschichte darstellen: Dass sie kompliziert ist und es manchmal kein richtig oder falsch gibt. Und das Gleiche gilt für die Form, die soll bestenfalls weder ganz klar das eine noch ganz klar das andere sein."

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"Cold War": Im Würgegriff des Stalinismus

Wie "Ida", der auch für den Kamera-Oscar nominiert war, ist auch "Cold War" in schwarz-weiß und im quadratähnlichen Akademie-Format gedreht worden (Kamera: Lukasz Zal). Was in der Wiederholung wie eine Masche wirken könnte, gewinnt jedoch schnell an neuem Reiz. Die perfekt kadrierten Bilder stehen nämlich in Kontrast zur sprunghaften Erzählweise. In losen Episoden, manche durch beinahe Jahrzehnte getrennt, entwirft Pawlikowski die Liebe von Zula und Wiktor. Epische Tragik macht sich breit. Gleichzeitig kommt "Cold War" auf eine Laufzeit von nur 88 Minuten.

In dieser Gleichzeitigkeit liegt womöglich das Geheimnis von Pawlikowskis neueren Erfolgen. Seine Filme sind zugleich kunstvoll und zugänglich, präzise und assoziativ, politisch brisant und berauschend schön.

Petition gegen "Ida"

Dass er damit eine Art Erfolgsrezept gefunden hat, war nicht abzusehen. So startete "Ida" 2014 weder in Cannes noch in Venedig, sondern beim nebenrangigen London Film Fest. Nachdem der Film über eine Novizin im Polen der Sechzigerjahre dort den Hauptpreis gewonnen hatte, war sein Siegeszug aber nicht mehr aufzuhalten. Nach über 60 Auszeichnungen kam im Februar 2015 schließlich der Oscar für den besten fremdsprachigen Film hinzu. "Einerseits war es toll zu gewinnen", sagt Pawlikowski. "Es war ja der erste Auslands-Oscar für Polen überhaupt. Andererseits herrschte zu dieser Zeit Wahlkampf in Polen und die PiS [die heutige Regierungspartei versuchte], mit dem Film die Auseinandersetzungen zu befeuern."

Weil in "Ida" eine polnische Figur gesteht, an der Ermordung von Juden beteiligt gewesen zu sein, wurde der Film als revisionistisch verfemt. Die PiS-nahe Antidiffamationsliga Polens startete eine Petition, in der gefordert wurde, dem Film einen Hinweis voranzustellen, dass Polen während des Zweiten Weltkriegs von Deutschland besetzt war und Hilfe für Juden unter schwerster Strafe stand. Rund 50.000 Unterschriften kamen online zusammen.

Mit ein wenig zeitlichem Abstand zeigt sich Pawlikowski unbeeindruckt von der Instrumentalisierung. "Wir leben ja in keiner Diktatur. Die Regierungspartei ist zwar extrem konservativ und nationalistisch. Sie versucht, so viel wie möglich unter ihre Kontrolle zu bringen, die Gerichte zum Beispiel und das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Aber dagegen gibt es viel Widerstand, und letztlich liegt es an uns, die Dinge zu ändern und wählen zu gehen."

Im Video: Der Trailer zu "Cold War"

Neue Visionen

Er selbst würde sich von den aktuellen Entwicklungen in Polen aktiviert fühlen, ebenso erginge es vielen Regiekolleginnen und -kollegen. "Wir haben keine Zeit für Quatsch mehr, es geht um viel zu viel", sagt Pawlikowski. Agitatorische Kunst ist von ihm aber nicht zu erwarten. "Ich versuche, Ideologie und Kunst so weit wie möglich auseinanderzuhalten. Du brauchst einfach viel Spielraum, um etwas zu schaffen, was wirklich ein Eigenleben hat. Wenn du dir den Kopf zerbrichst, welche Art von Botschaft du mit deinem Film sendest, wer hier gegen wen kämpfen soll, werden es die Leute am Ende immer hassen."

Für "Cold War" schlägt Pawlikowski bislang nur Liebe entgegen. In Cannes wurde er mit dem Preis für die beste Regie ausgezeichnet. Und die polnische Oscar-Einreichung stellt er auch wieder. Vielleicht finden zumindest diese beiden, Polen und Pawlikowski, in absehbarer Zeit wieder zusammen.

"Ich weiß, dass es die Vorstellung gibt, Polen sei in die Hände von Faschisten gefallen und nun sei alles vorbei", sagt Pawlikowski. "Ich glaube hingegen, dass es sich um eine Phase handelt, die eine verständliche Reaktion auf die Phase davor darstellt. Also verständlich im Sinne von 'nachvollziehbar', nicht 'gerechtfertigt'. Polen scheint mir eine starke Gesellschaft zu sein, die mehr zu bieten hat als nationalistischen Eifer und Minderwertigkeitskomplexe."


"Cold War - Der Breitengrad der Liebe" (Verleih: Neue Visionen) kommt am 22. November in die Kinos.

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