Kino im Unterricht Schlöndorffs und Tykwers kleine Filmfibel

Alles, was man sehen muss: Was Marcel Reich-Ranicki für die Literatur vollbrachte, sollen nun unter anderen die Regisseure Volker Schlöndorff und Tom Tykwer für das Kino leisten. Ein Kanon aus 25 repräsentativen Werken der Filmgeschichte soll eine Grundlage für die künftige Filmerziehung an deutschen Schulen schaffen.


Regisseur Tykwer: Kino-Kanon für deutsche Schüler
DDP

Regisseur Tykwer: Kino-Kanon für deutsche Schüler

Berlin - Wo sich die Macher von "Die Blechtrommel" (1981) und "Lola rennt" (1998) treffen, kann es nur um großes Kino gehen. Einen Filmkanon sollen Volker Schlöndorff, 64, und sein jüngerer Kollege Tom Tykwer, 38, erstellen - aus den 25 repräsentativsten Titeln der internationalen Filmgeschichte.

Anstoß dazu gaben der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), Thomas Krüger, und Alfred Holighaus, Leiter der Perspektive Deutsches Kino, die bereits bei der Tagung "Kino macht Schule" im März dieses Jahres über die Wichtigkeit der Filmerziehung an deutschen Schulen beraten hatten. Ziel ist es, "den Kinofilm als wesentliches Element unserer Kultur im Schulunterricht zu verankern", hieß es in einer Erklärung der bpb. Schon von der ersten Klasse an sollten Kinder einen Zugang zu Kinofilmen finden, um so die manipulative Kraft der Bilder hinterfragen zu können.

Die Deutschen, ein Volk mit Filmlese-Schwäche?

Schlöndorff und Tykwer sind nur zwei von insgesamt 18 Mitgliedern der Kommission aus Filmhistorikern, Kritikern, Autoren und Medienpädagogen, die bis zum 16. Juli ein filmhistorisch wertvolles Schulpaket schnüren soll, das dann in der Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt wird. Das Endergebnis könnte als Grundlage für die schulische Filmerziehung gelten. Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos), die Schirmherrin des Projekts, sprach bei der Kino-Tagung im März von einer gesellschaftlich vorhandenen "Filmlese-Schwäche".

Seit zwei Jahren setzt sich die bpb bereits für die "Kinoleinwand als Lernort" ein. Deutsche Schüler müssten dringend die Bild-, Ton- und Dramaturgiesprache der "Mutter aller audiovisuellen Medien" erlernen, denn die europäische Filmkultur gehöre längst zur Allgemeinbildung.

Filmerziehung im europäischen Ausland

In anderen europäischen Ländern ist Filmerziehung schon länger fester Bestandteil des Unterrichts. So gibt es beispielsweise in Frankreich und Großbritannien spezielle Institute, die Lehrer aus- und fortbilden sowie Filmmaterial archivieren.

Seit 1997 haben Schüler in den Niederlanden das Fach "Kultur- und Kunsterziehung" auf dem Stundenplan. Ebenso in Schweden, das Filmkompetenz inzwischen als Basisfähigkeit auf die gleiche Stufe mit Lesen, Schreiben und Rechnen stellt. Bestandteil des Unterrichts ist dort neben der Filmanalyse auch die Filmherstellung.

Auch Deutschland liegt diesbezüglich nicht auf der faulen Haut. So sind in den vergangenen Jahren diverse Einzelinitiativen entstanden, die die Filmerziehung an die Schulen bringen wollen. Jedoch gibt es bislang keine überregionalen Regelungen. Thomas Krüger, Leiter der bpb, kennt die Schwierigkeit, einen solchen Prozess bundesweit anzuschubsen. Es mache keinen Sinn, sofort für ein überregionales Schulfach "Filmerziehung" zu plädieren, sagte er gegenüber der "Berliner Zeitung". "Das dauert 15 Jahre, bis darüber entschieden ist." Der bessere Weg sei, die Behörden mit Initiativen zu überrollen und somit vor vollendete Tatsachen zu stellen.



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