Kino-Komödie "Crazy, Stupid, Love": Unisex - aber bitte nur mit großer Liebe!

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Verrückt? Dumm? Von wegen. Die flotte Hollywood-Komödie "Crazy, Stupid, Love" verbreitet bei allem Liebes-Chaos eine traditionelle Botschaft. Dennoch ist der Film richtungweisend - und das liegt nicht nur an den glänzenden Hauptdarstellern Ryan Gosling und Emma Stone.

So überschwänglich lobt sein Chef den Jahresbericht, dass Buchhalter Cal schließlich misstrauisch wird. "Wann hast du erfahren, dass Emily und ich uns scheiden lassen?", fragt er. Der Chef ist freudig überrascht: "Amy hat dich in der Toilette weinen hören. Wir hatten gedacht, du hast Krebs!" Begeistert wendet er sich an den Kollegenkreis: "Nur eine Scheidung, kein Krebs!"

Diese Begeisterung über eine Scheidung teilen weder Cal noch "Crazy, Stupid, Love" an sich. Denn wenn es eines gibt, woran der Film glaubt, dann ist es die eine große Liebe, deren Verlust das Schlimmste ist, was einem im Leben passieren kann. Definitiv schlimmer als Krebs.

Fast 25 Jahre sind Cal (Steve Carell) und Emily ( Julianne Moore) verheiratet, da eröffnet sie ihm während eines Restaurantbesuchs, dass sie eine Affäre hatte und sich von ihm trennen will. Zunächst reagiert Cal nicht. Doch plötzlich, auf dem Nachhauseweg, springt er aus lauter Verzweiflung aus dem fahrenden Auto. Die Szene ist sinnbildlich: Cals Leben mit Emily am Steuer rauscht weiter, während er selbst zurückbleibt - ramponiert, beschmutzt, verletzt.

"Sie setzt alle Regeln außer Kraft"

Gekonnt streuen die Filmemacher (Regie: Glenn Ficarra und John Requa, Drehbuch: Dan Fogelman) solche Momente der stillen Verzweiflung in eine Story ein, die ansonsten extrem hochtourig fährt. Denn außer der Ehekrise von Cal und Emily kümmert sich "Crazy, Stupid, Love" noch um die Herzenswirren ihres 13-jährigen Sohnes (Jonah Bobo), dessen 17-jähriger Babysitterin (Analeigh Tipton), der Jura-Studentin Hannah ( Emma Stone) sowie des Womanizers Jacob ( Ryan Gosling).

Jacob ist es denn auch, der Cal schließlich vor dem Zusammenbruch rettet. In einer schicken Bar sieht er, wie Cal weinerlich-betrunken am Tresen hängt und einem nichtexistenten Publikum die Geschichte seiner gescheiterten Ehe erzählt. Eigentlich besucht Jacob die Bar nur, um eine Begleitung für die Nacht zu finden, doch in Cal entdeckt er seine neue Mission: Dem Mann müssen Selbstbewusstein, Verführungskünste und Stil, kurzum Männlichkeit, beigebracht werden. Wenige Wochen später sitzt neben Jacob ein weiterer gut angezogener Mann in der Bar, der genau weiß, wann man die Ladys fragt, ob man nicht noch woanders hingehen sollte.

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"Crazy, Stupid, Love": Auf der Suche nach der großen Liebe
Routiniert herzlich spielt Steve Carell ("The Office", "Jungfrau (40), männlich, sucht") diesen Cal, der sich zwar äußerlich ändert, tief im Inneren aber weiterhin an seiner großen Liebe Emily hängt. Doch gegen die Präsenz von Ryan Gosling ("Blue Valentine") hat selbst ein Comedy-Veteran wie Carell wenig auszurichten. Gosling verleiht Jacob nicht nur ein sehr attraktives Äußeres - die aufdringliche Beiläufigkeit, mit der Jacob seinen durchtrainierten Körper ausstellt, gehört zu den komischsten Momenten des Films -, er gibt ihm vor allem eine Seele.

In Interviews erzählt Gosling, er habe sich vorgestellt, wie wohl ein Mann lebt, der sich ganz auf den Rat von Lifestyle-Magazinen wie "GQ" oder "Esquire" verlässt. Das Ergebnis ist Jacob, der zwar mit einem Blick erkennen kann, welche Kleidergröße ein Mann hat, aber nicht weiß, was er tun soll, als die Liebe seines Lebens vor ihm steht. Diese Liebe ist die ambitionierte Jura-Studentin Hannah, die ihm zunächst einen Korb gibt, aber dann doch eines Nachts an seiner breiten Schulter einschläft. Plötzlich braucht der Aufreißer Jacob Tipps vom Familienvater Cal, wie man Frauen dazu bringt, bei einem zu bleiben - über das Frühstück hinaus. "She's a game-changer", sie setzt alle Regeln außer Kraft, erzählt Jacob Cal aufregt am Telefon.

Tatsächlich kennt "Crazy, Stupid, Love" nur eine Regel: die große Liebe finden und sie nie mehr loslassen. Dass das weder crazy noch stupid ist, weiß der Film selbst. Deshalb versucht er, mit ein paar irrwitzigen Wendungen und popkulturellen Zitaten von seiner hoffnungslos romantischen Kernbotschaft abzulenken. Das klappt größtenteils, weil die One-Liner sitzen und auch Emma Stone, der andere kommende Hollywood-Star neben Gosling, zu großer komödiantischer Form aufläuft. Julianne Moore hingegen ist mit ihrer grob gezeichneten Emily deutlich unterfordert, ebenso Kevin Bacon und Marisa Tomei in prominenten Nebenrollen. Und auch das überdrehte Finale, bei dem alle Erzählstränge zusammenfinden sollen, wirkt eher forciert als elegant erzählt.

Dennoch: Bei allen Macken ist "Crazy, Stupid, Love" selbst ein "game-changer". Das liegt zum einen daran, dass es sich hierbei um einen echten Erwachsenenfilm handelt. Drehten sich Hollywood-Komödien in den letzten Jahren hauptsächlich um Thirtysomethings, die sich vor Verantwortung drückten, sind hier alle Hauptfiguren damit beschäftigt, Entscheidungen zu treffen und die Konsequenzen dafür zu tragen. Das sind zwar nicht immer die klügsten Entscheidungen, doch die großen Dummheiten - zum Beispiel Nacktfotos an den Vater des Babysitter-Kindes zu schicken - bleiben eindeutig den Teenagern vorbehalten.

Zum anderen entgeht "Crazy, Stupid, Love" durch seine Ensemble-Struktur der Frage, ob es sich eher um einen Film für Männer oder für Frauen handelt. Mehrere Perspektiven finden hier gleichberechtigt Platz, sowohl die der Freiheit suchenden Ehefrau als auch die des unsterblich verliebten Herzensbrechers. So macht "Crazy, Stupid, Love" letztlich ein neues Genre jenseits von "Bromance" und "Frauenfilm" auf: nämlich das der Unisex-Liebeskomödie. Mögen diesem Beispiel bald viele Filme folgen - aber gern mit einem besseren Drehbuch und einer etwas frischeren Kernbotschaft.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Naja
rumpyho 18.08.2011
Habe den Film am Montag mit meiner Frau in der Preview gesehen. Meine Frau fand ihn toll, weil er so romantisch war. Mir hat er nicht so gut gefallen. Zum einen war die Handlung total durchschaubar - ich will jetzt keine Spoiler verbreiten - aber 3 der 4 "Storywendungen" waren so vorhersehbar, dass man bei der Einführung der Figur schon wusste, wozu sie im Endeffekt da war. Die 4. Storywendung ist dagegen absolut an den Haaren herbeigezogen. Die Charaktere waren auch ziemlich schwach und stereotyp. Jacob sieht zwar gut aus, aber den Womanizer nimmt man ihm nicht ab und auch die Wandlung ist nicht sehr eindrucksvoll. Wenn Unisex bedeutet, dass die lustigen Stellen nicht so lustig, die romantischen Stellen nicht so ganz romantisch und die traurigen Stellen nicht so ganz traurig sind, dann erfüllt dieser Film die Kriterien. Ganz nett, wenn man seiner Frau mal einen Gefallen schuldet und deswegen mit ihr ins Kino geht ... mehr aber auch nicht.
2. ihr partner
cheguevara73 18.08.2011
Zitat von rumpyhoHabe den Film am Montag mit meiner Frau in der Preview gesehen. Meine Frau fand ihn toll, weil er so romantisch war. Mir hat er nicht so gut gefallen. Zum einen war die Handlung total durchschaubar - ich will jetzt keine Spoiler verbreiten - aber 3 der 4 "Storywendungen" ......
würde sicher stolz sein, das lesen zu können ;)
3. warum ?
rumpyho 18.08.2011
Zitat von cheguevara73würde sicher stolz sein, das lesen zu können ;)
Mein Frau fand das so toll, dass so ein gutaussehender Mann schlagartig lieb und seriös wurde, als er die "richtige" Frau fand. Den Reaktionen der anderen Zuschauerinnen nach dem Film zu urteilen ging es vielen ähnlich. Der ganze andere Kram, wie die unlogische Handlung, die schlecht herausgearbeiteten Charaktere und die flachen Witze ? "Egal, aber guck, wie sich der Mann nur aus Liebe verändert hat."
4. ach kommt, Leute ...
NormaJean 18.08.2011
... ich war gestern auch in der Preview und sehr positiv überrascht. Die 0815-Romcom über 30-somethings hat man wirklich oft genug gesehen - "Crazy, Stupid, Love" nimmt wenigstens seine Figuren ernst und hat einige originelle Szenen. Eine gelungene Sommerkomödie!
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