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Sexsucht-Komödie: Don Juan de YouPorn

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Was passiert, wenn ein pornosüchtiger Mann auf eine Frau trifft, die ihr Leben nach Hollywood-Romanzen modelliert? Mit Glück entsteht eine moderne Komödie über die zerstörerische Macht medialer Zerr- und Idealbilder. So wie Joseph Gordon-Levitts brachial-unterhaltsames Regiedebüt "Don Jon".

Einen stumpferen Macho als Jon Martello hat man im Kino schon lange nicht mehr gesehen: Tagsüber stählt er seinen Körper im Fitnessstudio, seine Haare zum Gel-Kunstwerk erstarrt, nächtens hängt er mit seinen Buddys in der Stammkneipe herum und geht auf Frauenjagd, natürlich nach einem streng ökonomisierten Bewertungssystem: Größte Herausforderung ist es, einen "Dime" abzuschleppen, analog zur amerikanischen Münze also eine "Zehn". Und zwar zunächst in sein liebevoll gepflegtes Muscle-Car und dann in seine obsessiv reinliche Wohnung.

Sex mit echten Frauen bekommt dieser Jon reichlich, noch besser findet er es aber, wenn er sich nach vollzogenem Akt noch einmal ins Wohnzimmer an seinen Laptop-Computer schleicht, dessen Startgeräusch allein, "Hummmmm", ihn in größere erotische Aufregung versetzt als jeder reale Körperkontakt. Erst beim Masturbieren vorm sorgfältig ausgesuchten Internet-Porno kommt Jon richtig zum Höhepunkt. In den Streaming-Paradiesen von "YouPorn" oder "YouJizz" findet er alles, was er braucht: Die perfekten Frauen, die richtige Ausleuchtung und Sichtbarkeit der entscheidenden Körperteile, und vor allem gibt es keine Diskussion um den Blowjob.

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Komödie "Don Jon": Porno-Addict trifft Romantik-Junkie
Es ist eine erschreckend ritualisierte Welt, die sich dieser moderne Don Juan erschaffen hat: Fitness, Auto, Club, Aufriss, Sex und… "Hummmmm". Sonntags geht der Kleinstadt-Katholik in die Kirche, wo außerehelicher Verkehr und das Abschütteln vorm Rechner brav gebeichtet werden; die aufgebrummten "Ave Maria" und "Vater unser" absolviert er dann später beim Gewichte pumpen. Gespielt wird Jon mit hinreißendem Mut zur Selbstkarikatur von US-Schauspieler Joseph Gordon-Levitt, 32, der auch das Drehbuch schrieb und mit der etwas anderen Geschlechterkomödie "Don Jon" sein Regiedebüt ins Kino bringt.

Macho-Simpel trifft Bombshell-Barbie

In der kurvigen Über-Blondine Barbara Sugarman (effektvoll überrissen: Scarlett Johansson), in Jons Augen ein echter "Dime", findet der Pornojunkie allerdings seine Meisterin. Plötzlich ist nicht mehr die Frau das Objekt, er selbst wird begutachtet und bewertet. Denn Barbara, die den in sie verknallten Aufreißer erst einmal zappeln lässt, ist mindestens so süchtig nach der perfekten Beziehungswelt, die Hollywood in seinen archaischsten Kino-Romanzen vorgaukelt, wie Jon nach dem artifiziellen Sexfilm-Gebumse.

Ihr Partnerobjekt-Casting verfügt über ebenso wenig Romantik wie ein Internet-Porno. Bevor Jon mit ihr Sex haben darf, muss er sich erst zu Abendkursen anmelden, damit er später einen guten Job hat und sie ernähren kann. Er muss ihre Familie kennenlernen, ihren Freundinnen gefallen und darf nicht mehr selbst in seiner Wohnung putzen, denn das passt nicht in ihr Idealbild. Auch die nächtlichen Schüttelübungen vorm Computer gehen natürlich gar nicht. Aber kann, will Jon von seiner Sucht lassen? Nö. Kriegt Barbara einen Schmoll- und Schreianfall? Aber hallo. Interessiert sich einer der beiden wirklich für den Menschen, mit dem er eine Beziehung führt? Fehlanzeige. Es geht nur um das, was sein soll, nie um das, was wirklich ist.

"Ich wollte eine Liebesgeschichte erzählen", sagt Joseph Gordon-Levitt im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Was der Liebe ständig in die Quere kommt, sind die zumeist unrealistischen, formelhaften Erwartungen, die wir mitbringen. Wir lernen sie überall: in der Familie, in der Kirche und vor allem aus den Medien, ob auf dem Cover der 'Cosmopolitan' oder aus einem sexy Werbespot für Hamburger."

Gesellschaftskritik per Komödie

Die Mittel, derer sich der Regie-Novize bedient, könnte man als plakativ kritisieren. Sein Macho-Simpel Jon ist derart krass überzeichnet, dass es weh tut, gleiches gilt für das Bombshell-Barbie Barbara - es ist der Hingabe und Schauspielkunst von Gordon-Levitt und Johansson zu verdanken, dass beide Figuren in ihrer tragikomischen Vernagelung dennoch ernstzunehmen sind.

Gordon-Levitt, bekannt geworden als Schauspieler in intelligenten Actionfilmen wie "Looper" und "The Dark Knight Rises", weiß zudem genau, wo er sein Publikum abholen muss: nicht bei den sensibel ausgeloteten Zwischentönen des Arthouse-Kinos, sondern im schrillen Milieu von Reality-Soaps wie "Jersey Shore" oder "Keeping Up with the Kardashians".

"Komödien sind meistens der effektivste Weg, um schwierige Themen zu transportieren", sagt er. "Und es ist ja ein eher kopflastiges Thema, wenn man sich Gedanken macht, inwieweit Medien heute Normen schaffen, die unser Leben und unser Liebesleben beeinflussen."

Aufklärung durch Vereinfachung und comic relief - dazu passt, dass der Film ursprünglich einmal "Don Jon's Addiction" hieß. Auf das alarmistische Suchtwort verzichtete man dann lieber, es hätte Kassengift bedeuten können. Griffig reduziert lief es bisher ganz gut: In den USA hat "Don Jon" innerhalb von vier Wochen rund 25 Millionen Dollar eingespielt, sehr ordentlich für einen Sechs-Millionen-Dollar-Independentfilm.

Joseph Gordon-Levitt, demnächst in "Sin City 2" zu sehen, profiliert sich damit als Allround-Filmemacher, der seine in Blockbustern generierte Popularität für clevere Indie-Filme nutzt. In seinem Kreativpool "Hitrecord" versammelt er zudem seit einiger Zeit Künstler und Kreative, die auf der Internetplattform experimentelle Musik, Texte, Essays oder Videos ausstellen.

Sein Charme: Anders als Kollegen wie James Franco flüchtet er sich dabei nicht in verkünstelte Arthouse-Regionen, sondern bleibt seiner Vorliebe fürs Mainstream-Kino treu. "Ich mag Filme, die Licht und Dunkel ausbalancieren, und ich wollte auch, dass 'Don Jon" ein wenig Hoffnung macht", sagt er. "Wahrscheinlich bin ich ein unverbesserlicher Optimist."

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insgesamt 1 Beitrag
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1. Schon vor ein paar Wochen
nr.42 11.11.2013
in der Sneak (englische Version) gesehen. Der Film ist auf jeden Fall sehenswert und auch an vielen Stellen sehr sehr lustig. Kann ich nur empfehlen!
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Don Jon

Originaltitel: Don Jon's Addiction

USA 2013

Buch und Regie: Joseph Gordon-Levitt

Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Scarlett Johansson, Julianne Moore, Tony Danza, Glenne Headly, Brie Larson

Produktion: HitRecord Films/Ram Bergman Productions

Verleih: Ascot Elite/Paramount

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 14. November 2013


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