Komödie "Immer Ärger mit 40": Oje, ich werde alt - und du auch

Von

Universal Pictures

Wenn das Eheglück Falten kriegt: US-Regisseur Judd Apatow erzählt in der sehr persönlich gefärbten Komödie "Immer Ärger mit 40" vom Stress eines Paares: Wie bleiben wir gute Eltern, sexy Lover, reich und ewig jung? Und wie schaffen wir das miteinander? Ein tragikomischer Spaß.

Warum tut man sich das an? "Sind wir dafür geschaffen, in Paaren zu leben?", fragt das "Philosophie-Magazin" in seiner neuen Ausgabe. Ist Zweisamkeit nicht ein veraltetes Modell, wenn Ego-Tripping, Selbstverwirklichung und -optimierung den Zeitgeist bestimmen? Warum sich zu all dem Alltagsstress noch mit den Ansprüchen eines Partners belasten? Und wie schafft man es, den Anderen über Jahrzehnte hinweg attraktiv und liebenswert zu finden?

Genau in diese Sinnkrise geraten die Eheleute Pete (Paul Rudd) und Debbie (Leslie Mann) kurz vor ihrem 40. Geburtstag. Nach außen ist alles prima: Pixies-Fan Pete hat eine kleine Plattenfirma, Debbie eine schicke Modeboutique, beide sehen blendend aus, haben zwei wohlgeratene Töchter, ein großes, helles Haus voll teurer Gerätschaften in einer der besseren Gegenden von Los Angeles.

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Komödie "Immer Ärger mit 40": Wie beim ersten Mal, nur älter
Doch unter der pastellfarbenen Pfirsichhaut des Idylls gärt es gewaltig. Der mit den Filmen Judd Apatows vertraute Kinozuschauer kennt Pete und Debbie bereits aus dem ersten großen Erfolg des US-Regisseurs. Sie waren die sehr vernünftig und erwachsen wirkenden Nebenfiguren im heillosen Durcheinander von "Beim ersten Mal" (2007). Nun guckt Apatow nach, ob's bei ihnen immer noch so gut läuft. Tut es nicht.

Das äußert sich in "Immer Ärger mit 40" zunächst in Kleinigkeiten. Etwa wenn Pete Debbie nach heißem Sex gesteht, dass er Viagra genommen hat, damit sein Schwanz mal wieder richtig hart wird. Gut gemeint, aber voll daneben: Debbie findet das Eingeständnis beginnender Alters- und Potenzschwäche entsetzlich. Halbweich sei er genau richtig, patzt sie Pete an - und weigert sich in amüsanter Realitätsflucht, an der gemeinsamen Geburtstagsparty teilzunehmen. Sie werde ja gar nicht 40, sie bleibe dauerhaft 38. Und wenn Pete endlich aufhören würde, Cupcakes in sich hineinzustopfen, würde sie sich auch die gelegentliche Zigarette verkneifen. So läuft das in einer Beziehung zwischen Egomanen: Ich kann mich ändern. Aber nur, wenn Du das auch tust.

Schuld sind immer die anderen

Oder auch nicht. Debbie kann mit Personal-Trainer Jason (Jason Segel) noch so sehr um ihre Topfigur kämpfen, Pete sich noch so sehr auf dem Rennrad abstrampeln: Die Abnutzungserscheinungen sind nicht mehr zu leugnen. Mit einem in Hollywood raren Gespür für die Abgründe des Alltags zeigt Apatow, wie zu viel Vertrautheit Intimität eher verhindert. Etwa wenn Debbie die Klotür aufreißt und Pete, der sich mit seinem iPad auf dem Lokus verschanzt hat, auffordert, ihr seinen Haufen zu zeigen. Er sitze ja schon eine halbe Stunde da herum, statt der Tochter im Garten beim ersten Trampolin-Salto zuzujubeln. Er wolle sich wohl verdrücken!

Es gibt viele solcher bizarrer Gags und noch mehr treffsichere Pointen in dieser klugen Tragikkomödie. Als Petes Label vor der Pleite steht, weil er alle Hoffnung auf ein neues Album des Wave-Veteranen Graham Parker gesetzt hat, das natürlich floppt, gerät das fragile Familien-Konstrukt endgültig in Existenznot.

Auch in Debbies Laden läuft nicht alles rund, anscheinend hat sich eine Verkäuferin Geld in die eigene Tasche gesteckt. Die Frage ist nur: War's die unscheinbar wirkende Jodi? Oder die Sex-Bombe Desi (Megan Fox), deren feste Brüste Debbie so sehr beneidet, dass sie daran herumkneten will - und sich von der jungen Kollegin auf eine wilde Party mitnehmen lässt. Sich des eigenen Rest-Rock'n'Rolls zu vergewissern, ist dann auch wichtiger, als zu klären, wohin das Geld verschwunden ist.

In der für ihre Generation typischen Haltung, dass stets die anderen Schuld sind, weitet Debbie die Krisenzone nicht nur auf Pete, sondern auch auf die Kinder aus: bessere Ernährung, keine Computer und Smartphones. Gemeinsam einigen sich die strauchelnden Ehepartner darauf, dass ja ohnehin die Eltern für alles verantwortlich sind: Debbies Vater (John Lithgow), weil er sie und ihre Mutter früh sitzen ließ; und Petes lebensfroher, aber arbeitsloser Daddy (Albert Brooks), der seinen Sohn ständig um Geld anbettelt.

Leben mit dem Chaos

In Apatows Filmen gibt es kein großes Entwicklungsdrama, keine "Kramer gegen Kramer"-Realität, keine Katharsis: Man kann nur versuchen, das Beste aus dem Chaos des Lebens zu machen. Dieses Leitmotiv zieht sich durch fast alles, was er in den vergangenen zehn Jahren gedreht, geschrieben oder produziert hat. Doch auch Apatow wird erwachsen, vielleicht ebenso widerwillig wie seine Charaktere.

So ist "Immer Ärger mit 40" vor allem als Selbstgespräch des 45-Jährigen zu verstehen. Die Hauptrollen besetzte er mit seiner Ehefrau und seinen Töchtern Maude und Iris. Und Paul Rudd, der zwischen Softie und Macho schwankende Pete, der seinen Jungsträumen ebenso gerecht werden will wie seiner Rolle als Traumpartner und Supervater, tritt als Apatows Alter Ego auf.

Eine Patentlösung für die Sinnkrise hat er nicht parat. Aber seine Prämisse ist so romantisch-utopisch, wie es sich für einen Vertreter der Generation X gehört: Für Debbie und Pete kann es nur zusammen weitergehen, daran besteht kein Zweifel. Die Frage ist nur, wie perfekt es sein kann und muss.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels gaben wir den deutschen Verleihtitel des Vorläuferfilms von "Immer Ärger mit 40" fälschlicherweise mit "Wie beim ersten Mal" an. Richtig heißt er "Beim ersten Mal". Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. optional
sturado 16.03.2013
Toller Artikel zu einen tollen Film. Absolut sehenswert.
2. Steinalt
pförtner 16.03.2013
Kommt erst mal dahin wo ich schon bin, dann liegt ihr bald im Grabe dinn. Denn wenn man erst seine Zähne in der Hand kann putzen, dann ist man bald auch sonst nicht mehr von Nutzen!
3.
jole53 16.03.2013
Ich habe den Film gestern gesehen und fand ihn ziemlich langweilig. Peinlich war die ständige Schleichwerbung für Apple.
4. Langweilig
Dlanod 16.03.2013
Au Backe - langweilige Probleme langweiliger Leute. Selbst diese positive Rezension klingt wie ein Verriss. Vielleicht wird das ein kulturelles Problem der Zukunft - wie sollen in einer Welt, die von lächerlichen Egomanen bevölkert ist, die pausenlos ihre Fitness und Selbstverwirklichung maximieren wollen, noch interessante Filme entstehen? "Mit dem iPad auf dem Lokus verschanzt" - wie soll DAS einen interessanten Film abgeben können?
5. vielleicht erst mal sehn...
dodo17 16.03.2013
Vielleicht den Film erst mal anschaun bevor man schimpft? Hab ihn gestern gesehn und ja er ist (tragik) komisch, und ich kenne genug Menschen um dieses Alter auf die manche Situationen wirklich zutreffen.
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Immer Ärger mit 40

USA 2012

Originaltitel: This Is 40

Regie: Judd Apatow

Buch: Judd Apatow

Darsteller: Paul Rudd, Leslie Mann, Maude Apatow, Iris Apatow, Albert Brooks, John Lithgow, Jason Segel, Chris O'Dowd, Megan Fox

Produktion: Apatow Productions

Verleih: Universal

Länge: 134 Minuten

FSK: 12

Start: 14. März 2013