Film "Das Turiner Pferd": Es werde Nacht

Von Simon Broll

Regisseur Béla Tarr lässt in "Das Turiner Pferd" die Welt untergehen. Ganz unspektakulär in Schwarzweißbildern und aus der Sicht einer Bauernfamilie. Eine existentialistische Parabel in der Puszta Ungarns - verstörend und faszinierend zugleich.

Film "Das Turiner Pferd": "Und er sah, dass es gut war" Fotos
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Sechs Tage benötigt Gott im Alten Testament, um die Welt zu erschaffen. Genauso viel Zeit vergeht in Béla Tarrs neuestem Werk. Doch am Ende steht nicht das Paradies, sondern die Dunkelheit. Der ungarische Filmemacher entfaltet eine zutiefst schwermütige Geschichte, die ihm auf der Berlinale 2011 den "Großen Preis der Jury" eingebracht hat.

Verdient hat Tarr die Auszeichnung allemal. "Das Turiner Pferd" ist ein bis ins Detail durchkomponiertes Filmgemälde. In einer Zeit, in der die Kinozuschauer mit 3D und immer neuen Action-Spektakeln geködert werden, wählt der Regisseur einen veralteten Weg. Getreu seiner bisherigen Erzählform schildert er die Handlung in ruhigen Schwarzweißszenen. Mit sehr langsamem Tempo: Bei einer Dauer von zweieinhalb Stunden besteht der Film lediglich aus 29 Einstellungen.

Tristesse in der Puszta

Auch die Handlung wirkt stark reduziert. In der ungarischen Steppe versuchen ein Bauer, seine Tochter und das gemeinsame Pferd einem Sturm zu trotzen. Dieser Kampf des Menschen gegen die Natur wird in einem Vorwort historisch verortet. Eine Männerstimme erzählt aus dem Off eine Legende über den alten Friedrich Nietzsche. Am 3. Januar 1889 sei dieser in Turin Augenzeuge geworden, als ein Kutscher seinen störrischen Hengst auspeitschte. Tränenüberströmt warf sich der Philosoph dem Tier um den Hals, bevor ihn sein Vermieter nach Hause führte. "Was aus dem Pferd wurde, wissen wir nicht", sagt der Kommentator. Der Film entwirft eine mögliche Biografie.

Das Tier gehört einem alten Landwirt, der gemeinsam mit seiner Tochter ein kleines Gut betreibt. Das Leben ist hart und eintönig. Jeden Morgen läuft die Frau zum Brunnen, um Wasser in zwei Holzeimer zu schütten. Sie macht die Wäsche, reinigt das Haus, kocht das Essen für sich und ihren Vater. Zwei Kartoffeln, eine für jeden. Mehr gibt es nicht. Tarr fängt diesen Alltag in seiner ganzen Tristesse ein. Die Kamera - wie in früheren Filmen vom Deutschen Fred Kelemen geführt - begleitet die beiden Figuren aus einer respektvollen Distanz. Sie ist stille Beobachterin, lässt den Zuschauer dadurch in eine rückständige Lebenswelt eintauchen.

Die Zeit steht schon lange still in der schlichten Steinhütte. Elektrizität gibt es nicht, die Wohnung wird durch Petroleumlampen und flackerndes Ofenfeuer erhellt. Man lebt vor sich hin, erfüllt pflichtbewusst seine Aufgaben. Fragen stellt sich hier niemand. Zumindest bis zum Sturm.

Die Absurdität des Lebens

Das Unwetter wird zuerst mit den Ohren wahrgenommen. In einem Film, der über lange Strecken wortlos verläuft, rücken die Hintergrundgeräusche an erste Stelle. Das konstante Heulen des Windes - mal laut, dann wieder gedämpft durch die Wände zu hören - kündigt die heranziehende Gefahr an. Auch der Bauer kann die Töne nicht lange ignorieren. Warum die Mehlwürmer verstummt seien?, fragt er seine Tochter. Es ist die erste einer ganzen Reihe von Rätseln, auf die die beiden keine Antwort haben.

Gerade in der Sprachlosigkeit der Welt weist "Das Turiner Pferd" jene Qualität auf, die der existentialistische Autor Albert Camus als "das Absurde" definiert hat. Der Mensch ist bei Tarr auf sich allein gestellt. Seine Wünsche werden von der Umgebung ignoriert, sogar negiert. Der Sturm stellt in dieser Parabel keine Gottesstrafe dar, wie ein um Alkohol bettelnder Nachbar in der einzigen Monologszene des Films erklärt. Vielmehr dient er als Zeichen, "dass es weder Gott noch Götter gibt". Doch die Erkenntnis wirkt nicht befreiend, sie erzeugt Angst. Und zwingt die Menschen, ihr gewohntes Leben zu ändern.

Spätestens als die Hauptfiguren versuchen, ihren Hof zu verlassen, würde jeder andere Filmemacher einen neuen Ton anschlagen. Nicht so Tarr. Er fängt die Verzweiflung der Bauern in kleinen Gesten ein. Statt des rituellen Schnapsglases am Morgen gönnt sich der Vater gleich zwei Kurze. Die Tochter wiederum packt in aller Ruhe ihre Habseligkeiten zusammen, die in eine kleine Holzkiste passen. Es ist die trostloseste Szene des ganzen Films: ein Menschenleben, reduziert auf ein Köfferchen.

Wer Tarr kennt, weiß, dass die Flucht nicht gelingen kann. In seiner Welt gibt es kein Happy End. Dafür aber jede Menge Platz für Körperreize. Wie kein anderer Regisseur lässt er die Erzählung sinnlich greifbar werden. Die Monotonie der Bilder, die Wiederholung der Handlungen und die sich langsam ausbreitende Resignation entwickeln eine Sogkraft, der man sich schwer entziehen kann. Gewiss ist der Film keine leichte Kost. Wer sich aber auf das sperrige Experiment einlässt, wird belohnt mit einem neuen Blick auf die Rolle des Menschen in der Welt. Und mit Bildern, die sich dank ihrer Tiefenschärfe auf immer ins Gedächtnis brennen.


Das Turiner Pferd. Start: 15. März, Regie: Béla Tarr. Mit János Derzsi, Erika Bók.

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