Kino-Musical "Dreamgirls": Gekommen, um zu leiden

Von Jenni Zylka

Große Stimmen, große Stars, große Konflikte: Das Musical "Dreamgirls" hätte ein bewegendes Drama über die Frau als Ware im Popgeschäft werden können. Stattdessen wird geschmachtet auf Kitsch-Niveau.

Der Anfang hat's in sich: Drei Vorstadtgrazien zeigen dem Publikum eines Talentwettbewerbs in den frühen Sechzigern, was eine Soul-Harke ist. Deena, Effie und Lorrell singen, tanzen und schütteln was sie haben, bis der Saal tobt, ein ehrgeiziger Manager aufmerksam wird und die Mädels vom Fleck weg als Backgroundsängerinnen für einen bekannten R&B-Solisten engagiert.


Die "Dreamgirls", eine filmische Adaption des 1981 uraufgeführten gleichnamigen Musicals über den Werdegang der "Supremes", wollen sich in die erfolgreiche Biopic-Reihe neben "Walk the Line" und "Ray" mogeln und präsentieren Showbiz-Darling Beyoncé Knowles als Diana Ross. Eddie Murphy gibt den abgehalfterten Soulsänger James "Thunder" Early, "Ray"-Darsteller Jamie Foxx spielt die zwielichtige Managertype Curtis Taylor Junior.

Natürlich spielt die Geschichte in "Motor City" Detroit, und Taylor soll den großen und skrupellosen Berry Gordy verewigen – jenen kreativen Geist hinter dem Label Motown, der größten Hitschmiede des amerikanischen Soul.

Doch nach den ersten 40 Minuten des Films, irgendwann zwischen niedlichen Backstage-Aperçus (in denen Deena alias Knowles die total innovative Idee hat, die Perücken einfach mal umzudrehen, um sich von den konkurrierenden Girlgroups zu unterscheiden) und Bühnenauftritten, offenbart der Film seine eklatante Schwäche: Die wichtigen Szenen werden nicht nur von Musik getragen, sondern zerstört, die ohnehin dürftige Handlung wird andauernd angehalten.

Dramatischen Entwicklungen wird durch das wohlfeile "Ich singe was ich fühle"-Verfahren jeder Schrecken genommen: etwa die Degradierung der moppeligen Effie zur Backgroundstimme und der damit verbundene Aufstieg Deenas zur Leadsängerin. Statt Emotionalität wird Pathos serviert, vor allem dann, wenn die durchaus fähige Sängerin Jennifer Hudson als Effie ihre viel zu langen Parts durchklagt.

Eine echte Annäherung an die Frauen - an Deena und die unglückselige, um ihr Talent betrogene Effie - findet nicht statt; auf eine konsistente Psychologie hat "Kinsey"-Regisseur Bill Condon verzichtet. Auch kommen die großartigen und zeitlosen Motown-Hits nicht vor, stattdessen gibt es eine Musical-Interpretation von Soul, die bestenfalls oberflächlich, schlimmstenfalls kitschig genannt werden muss.

Dabei ist die Story um Diana Ross, deren Stimme nicht für gefühlvolle Soulballaden ausreichte und die deshalb von Manager Gordy schlau als Disco-Queen eingesetzt wurde, mindestens genauso erzählenswert wie die Geschichten anderer musikalischer Superstars. Durch eine differenziertere Porträtierung hätte man den Umgang mit der Ware Frau und die Entstehung der rein nach geschäftlichen Aspekten gecasteten Girlgroups nachhaltig und eindringlich auffächern können.

Doch Condon hat die Konflikte auf eine Ministory reduziert, an deren Ende Deena, nachdem sie im Schreibtisch ihres Mannes Taylor zufällig den Beweis für einen Betrug an Effies Talent entdeckt, reuevoll zu der ehemaligen Bandkollegin hüpft.

Regisseur und Drehbuchautor Condon hat seine Protagonistinnen und ihre Probleme letztlich nicht ernst genommen. Trotz Detailverliebtheit in Ausstattung und Kostümen - etwa dem originalgetreu nachgebauten Motown-Aufnahmestudio "The Snakepit" oder den hübsch zitierten Diana-Ross-Plattencovern - bleiben Musik und Handlung enervierend und lahm.

Auch wenn der Film bereits drei Golden Globes erhielt und achtmal auf der Liste der Oscarnominierten auftaucht: "Dreamgirls" bleibt nur ein Trostpreis für Soul- und Kino-Fans.

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