Kino-Mythos "Psycho" Rätsel um das doppelte Dusch-Double

Die Szene schrieb Kinogeschichte und macht uns bis heute Angst vor Duschvorhängen. Die Geschichte hinter dem legendären Badgemetzel aus Alfred Hitchcocks "Psycho" ist aber fast ebenso gespenstisch.

"Psycho"-Star Janet Leigh: Waschechte Lüge zur Mythenbildung
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"Psycho"-Star Janet Leigh: Waschechte Lüge zur Mythenbildung


Janet Leigh soll im Kino geschrien haben, als sie den Film das erste Mal sah. Dabei hatte die Darstellerin den eigentlichen Schrecken schon hinter sich: Sieben Tage dauerte der Dreh der legendären Duschszene aus Alfred Hitchcocks "Psycho". Eine Frau in der Dusche, ein als Frau verkleideter Killer, ein nieder sausendes Messer, wild säbelnde Streicher - so entstand ein Kultmoment des modernen Kinos.

Aber war es tatsächlich Janet Leigh, die da tranchiert wurde? Die Schauspielerin hatte in ihrem ersten Interview nach dem Start des Films im Jahr 1960 behauptet: "Ich glaubte wirklich, das Messer würde in mich eindringen. So realistisch, so schrecklich war das! Ich hab es regelrecht gespürt!"

Wie sich herausstellte, gehörte Leighs Angst zum Marketingplan: Sie stand gar nicht unter der Dusche, sondern ihr Double, eine Stripperin aus Las Vegas namens Marli Renfro. Neben "Psycho" war das Starlet nur noch in einem weiteren Film zu sehen, in Francis Ford Coppolas 1962 erschienener Westernkomödie "Tonight for Sure". Nach den Dreharbeiten verschwand sie, bis im Jahr 2001 ein 34-jähriger Handwerker festgenommen und verurteilt wurde: Angeblich habe er Renfro bereits 1988 vergewaltigt und ermordet.

Aber die Geschichte ist noch viel dubioser, erklärt nun der englische "Guardian". Als der US-amerikanische Schriftsteller Robert Graysmith, berühmt geworden mit seinem Buch über den Serienkiller Zodiac, weiterforschte, fand er heraus: Der Handwerker namens Dean Hunt war für die Ermordung des Körperdoubles von Janet Leigh verurteilt worden, einer Darstellerin namens Myra Davis. Die Medien waren damals davon ausgegangen, Davis sei ein Pseudonym von Renfro gewesen.

Im Visier des Killers

Tatsächlich aber sind Davis und Renfro zwei verschiedene Personen; Renfro war das Körperdouble Leighs, Davis arbeitete als Stand-in, als Stellvertreterin bei Lichtproben. In seinem neuen Buch "Die Frau in Alfred Hitchcocks Dusche" vertritt Graysmith die These, Hunt sei besessen gewesen, Leighs Körperdouble zu ermorden, habe aber die falsche Frau erwischt.

Graysmith spürte auch Renfro auf: Sie sei quicklebendig, treibe viel Sport und habe nicht die geringste Ahnung gehabt, dass sie im Visier eines psychopathischen Killers stand. Da sie eine bescheidene Person sei, die sich nicht für Entertainment interessiere, habe sie auch keine Artikel über den Film gelesen und sich entsprechend nie zu der Sache geäußert.

Ganz anders Hitchcock und ihr Star: "Leigh erzählte jedem, wie beschämend es gewesen sei, die Duschszene zu drehen, und Hitchcock bestätigte das fleißig", schreibt Graysmith. "Sie haben eine Lüge ausgeheckt."

dan



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