Kino "Payback" - Stilsichere Gewalt

In modisches blaues Licht getaucht, kämpft Mel Gibson als betrogener Held actionreich um die Rückerstattung seiner Moneten.

Von Manfred Müller


Etwas Rabenschwarzes hatte er machen wollen, einen ultimativen Film noir. Brian Helgeland, der gefeierte Drehbuchautor von "L.A. Confidential", hatte eine klare Vision für seinen Einstieg ins Regiefach: einen gradlinigen, düsteren Thriller. Was dabei herauskam, ist ein biederes Stück Kommerzkino von zweifelhafter Gesinnung.

Helgeland hat für sein Debüt keinen eigenen Stoff adaptiert. Die Geschichte ist einem Roman entlehnt, den schon John Boorman in seinem 1967 inszenierten "Point Blank" als Vorlage nutzte. Ein Kleinganove (Mel Gibson) wird nach einem brutalen Raubüberfall von seinem Partner um den Beuteanteil geprellt. Er kommt nur knapp mit dem Leben davon. Doch sinnt er weniger auf Rache, als auf die vorenthaltene Barschaft. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, legt er eine blutige Spur bis in die Chefetagen des organisierten Verbrechens. Bei Boorman spielte Lee Marvin die Rolle von Mel Gibson, was bereits eine völlig andere Auffassung der Geschichte zeigt. Marvin war eine gebrochene Leitfigur, der man nicht nacheifern mochte. Seine brutalen Exzesse waren Spiegel einer tiefen Depression, er war ein verbitterter, verzweifelter Desperado, der nicht ums Geld, sondern um ein letztes Stück Selbstachtung kämpfte.

Von dieser seelischen Zerrüttung ist Mel Gibson völlig unbelastet. Er gibt einen unbeugsamen Helden, den man sich auch in einer Werbeunterbrechung als glaubwürdigen Repräsentanten eines italienischen Herrenausstatters vorstellen könnte. Gewalt wird hier zur Stilfrage, ist ein würziges Adrenalindressing zu Nachos. Helgeland hat den Film in ein modisch blaues Licht getaucht, das den behaglichen Eindruck vermittelt, man betrachte den pittoresken Kiez von Boston durch die getönten Scheiben einer Luxuslimousine. Der Film geht nie auf Tuchfühlung mit seinem Sujet, er hat kein geistiges Zentrum, und schwarz daran sind allein die langen Zahlenkolonnen in der bisherigen Bilanz der Kinoauswertung.

Das Publikum reagiert auf die Schlüsselreize: ein attraktiver Star, eine schöne Frau, ein verruchtes Milieu, dazu coole Sprüche, viele Effekte und ein hohes Tempo, bei dem die Fragwürdigkeit der Geschichte gar nicht erst zu Bewußtsein kommt. Aber Gibsons Outlaw ist kein Michael Kohlhaas, dem im Sturm und Drang nach höherer Gerechtigkeit die Verhältnismäßigkeit der Mittel außer Acht gerät. Er ist ein kleinkarierter Pfennigfuchser, und soweit dieser gesetzlose Pedant hier zur Ikone aufgeblasen wird, ist die Grenze zur Gewaltverherrlichung überschritten. Ein widerlicher Film.



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