Blockbuster-Spezialist Emmerich: "Mit Aliens kann man sich alles erlauben"

Der Schwabe inszeniert den Staatsstreich: In Roland Emmerichs "White House Down" nimmt ein rechter Fanatiker einen schwarzen US-Präsidenten als Geisel. Im Interview erklärt der deutsche Regie-Star, warum der Action-Kracher wohl floppt und er zwei "Independence Day"-Fortsetzungen plant.

SPIEGEL ONLINE: Herr Emmerich, zum Abspann von "White House Down" läuft die 68er-Hymne "Street Fighting Man" von den Rolling Stones. Ist Ihr Film etwa ein politischer Kommentar, getarnt als Blockbuster?

Emmerich: Klar. Ich will natürlich unterhalten. Aber je älter ich werde, desto mehr denke ich, dass man in einem Actionfilm auch eine Geschichte erzählen muss, die reflektiert, was in der Welt los ist. In den letzten drei, vier Jahren ist mir aufgefallen, wie Amerika sich immer mehr zerteilt, gesellschaftlich. Man spürt das. Und das wollte ich in "White House Down" thematisieren.

SPIEGEL ONLINE: Anscheinend mit Erfolg: Konservative Blogger in den USA empörten sich über Ihren Film, den man - abseits aller Action - tatsächlich als Pro-Obama-Propaganda sehen kann.

Emmerich: Ja, allerdings. Ich glaube auch, dass das Auswirkungen auf die Einspielergebnisse hatte.

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Polit-Thriller "White House Down": Der Präsident als Actionheld
SPIEGEL ONLINE: Nicht einmal 100 Millionen Dollar US-Umsatz seit Juni - "White House Down" gehört zu den großen Verlierern des Kinosommers. Lag es auch daran, dass mit "Olympus Has Fallen" bereits im Frühjahr ein Actionfilm mit ähnlicher Prämisse lief?

Emmerich: Sicher auch ein Grund. Geiselnahme im Weißen Haus - für viele war diese Idee daher Schnee von gestern. Dazu kommt, dass mein Film super liberal daherkommt.

SPIEGEL ONLINE: Warum ist das ein Problem?

Emmerich: Weil das Hauptgeschäft in den USA auf dem Land gemacht wird. Dort ist die politische Stimmung eher konservativ. "White House Down" handelt zudem von einem schwarzen Präsidenten, der auch noch einen großen Friedensplan für den Nahen Osten hat und Militärausgaben kappen will.

SPIEGEL ONLINE: Ihr - von Jamie Foxx gespielter - US-Präsident wirkt sehr cool und heroisch, ein gutmütiger Superheld. Ihre Idealvorstellung eines Politikers?

Emmerich: Ja! Ich würde gerne einen Präsidenten sehen, der sagt: "Realpolitik ist mir egal, meine Wiederwahl ist mir egal: Ich will einfach Großes tun, etwas bewirken." Der das ganze Geld dem Militär wegnimmt und es in Infrastruktur und Bildung investiert.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie also enttäuscht von Obama?

Emmerich: Ein bisschen. Aber ich weiß auch, unter welchem Druck er steht. Es war von vornherein klar, dass Obama es am schwersten von allen US-Präsidenten haben wird. Und es wird ohnehin immer schwieriger, als einzelne politische Figur etwas zu bewegen. Das wollte ich im Film unterbringen. Das ursprüngliche Drehbuch war toll, es ging aber nur um Geld. Da habe ich gesagt: Niemand wird das nur für ein paar Millionen wagen, es muss einen politischen Hintergrund haben, einen Staatsstreich, die Rechten wollen die Macht im Weißen Haus übernehmen. Ansonsten hätte ich den Film nicht gemacht, das habe ich gleich beim ersten Treffen mit dem Studio gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Und dann?

Emmerich: Waren alle begeistert - "Yeah, lass es uns so machen!" Ob der Jubel jetzt noch immer so groß ist, weiß ich nicht. Aber ich glaube, im Ausland wird der Film besser laufen. Weil die politischen Ansichten, zum Beispiel in Europa, andere sind - und weil "Olympus Has Fallen" außerhalb der USA eher gefloppt ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ein mächtiger Regisseur in Hollywood, Sony Pictures ein großes Studio: Wie kann es sein, dass Sie von einem Film wie "Olympus Has Fallen", der fast dasselbe Thema wie "White House Down" hat, derart überholt werden? Wussten Sie nichts von der Dopplung?

Emmerich: Ich hatte keine Ahnung. Channing Tatum und Maggie Gyllenhaal waren schon unter Vertrag und die Vorbereitungen in vollem Gange, als mir jemand davon erzählte. Es ist insgesamt blöd gelaufen, weil sie am Starttag auch noch "The Heat" mit Sandra Bullock gegen uns gesetzt haben. Aber da kann man nichts machen.

SPIEGEL ONLINE: Außer vielleicht, an alte Erfolge anzuknüpfen. Sie arbeiten an zwei Fortsetzungen von "Independence Day"?

Emmerich: Der Plan ist schon etwas älter. Nachdem ich "2012" gedreht hatte, erlebte ich einen echten Heureka-Moment: Man kann heute mit der digitalen Technik Dinge zeigen, die damals, 1997, nicht möglich waren. Nur ein Beispiel: Am Anfang von "White House Down" sehen wir Jamie Foxx im Präsidentenhubschrauber im Tiefflug über Washington D.C. fliegen, über die Mall, den Reflecting Pool, das Lincoln Memorial. Alles digital! Aber sieht man es? Nein. Gemacht wurde das übrigens in Stuttgart, in einer kleinen Animationsfirma. Bei "Indepence Day" ging es ja vor allem um die erdrückende Größe der Raumschiffe, die uns Menschen so klein wirken ließ. Also dachte ich: Wie geil wäre es, das noch einmal mit den Mitteln von heute zu zeigen?

SPIEGEL ONLINE: Diesen Sommer scheitert ein teurer Spektakelfilm nach dem anderen an der Kasse. Steven Spielberg und George Lucas warnten bereits vor dem Platzen der Blockbuster-Blase. Welches Risiko bedeutet diese Entwicklung für eine Unternehmung wie die beiden Teile von "ID Forever", die 2015 anlaufen sollen?

Emmerich: Ich werde versuchen, nicht 200 Millionen Dollar dafür auszugeben! "Independence Day" haben wir damals für 72 Millionen gedreht, während Filme wie "Twister" oder "Mission: Impossible" schon 120 Millionen gekostet haben. Wir waren also fast 50 Millionen billiger! Und genau das will ich wieder beweisen. 60 oder 70 Millionen stecken wir in Spezialeffekte, alles andere läuft - wie beim Original - auf eher kleiner Flamme.

SPIEGEL ONLINE: Bleibt noch das Ihnen - zumindest in den USA - anhaftende Stigma des Linksliberalen.

Emmerich: Ja, aber in "Independence Day" geht es um Aliens. Mit Aliens kann man sich alles erlauben. Die sind halt die Bösewichte - und wir Menschen die Guten. Das ist politisch viel weniger brisant.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie denn die Zukunft Hollywoods?

Emmerich: Die Kluft zwischen teuren Filmen, die richtig Geld machen, und billigen Filmen, die Oscars gewinnen, reißt immer weiter auf. Dazwischen gibt's gar nichts; eine Entwicklung, die sich seit einiger Zeit abzeichnet. Die Zuschauerzahlen sinken weiter, auch das ist seit mindestens zehn Jahren so. Und irgendwann wird alles, was smart und intelligent, also wirklich gut ist, fürs Fernsehen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Shakespeare-Film "Anonymous" war ein Flop, mit "White House Down" läuft es nicht gut - wann wechseln Sie zum Fernsehen?

Emmerich: Viele Stoffe, die ich interessant finde, kann ich wahrscheinlich nur noch dort umsetzen, zumal das Fernsehen jetzt sehr viel Geld hat und man in Kino-Qualität drehen kann. Aktuell plane ich eine fiktionale Mini-Serie, sechs oder acht Stunden, über Lawrence von Arabien. Über den gibt es noch sehr viel zu erzählen.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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insgesamt 31 Beiträge
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1. Wow,
syssifus 01.09.2013
Zitat von sysopDer Schwabe inszeniert den Staatsstreich: In Roland Emmerichs "White House Down" nimmt ein rechter Fanatiker einen schwarzen US-Präsidenten als Geisel. Im Interview erklärt der deutsche Regie-Star, warum der Action-Kracher wohl floppt und er zwei "Independence Day"-Fortsetzungen plant. Kino: Regisseur Roland Emmerich über "White House Down" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/kino-regisseur-roland-emmerich-ueber-white-house-down-a-919312.html)
war wohl auch ein Friedensnobelpreisträger,dieser Film-Präsident.Besonders beliebte Paarung,ein Schwarzer und ein rechter Fanatiker,oder sollte es nicht besser "Rechtsextremer" heißen ? Wieder ein Machwerk, um alle Menschen mit ihrer rechten Denkweise zu verunglimpfen.Der Film ist zu Recht beim Publikum durchgefallen.
2. Peinliche Effekte
hothead72 01.09.2013
Der Film ist einfach nur schlecht, sehenswert sind einzig die beiden Hauptdarsteller. Jeder Laie erkennt den im Text angesprochene Hubschrauberflug als Trick. So wie der ganze Film einfach nur peinliche und schlechte Special Effects aufweist. Und das im Blockbusterjahr 2013, in dem u.a. Maßstäbe gesetzt wurden im digitalen Bereich wie z.B. bei Star Trek. Die digitalen Abfangjäger in ID4 jedenfalls waren besser, Hr. Emmerich hätte wohl eine andere Firma beauftragen sollen. Man fragt sich echt: was hat hier 150 Mio. $ gekostet? "Olympus Has Fallen" ist besser.
3. optional
java22123 01.09.2013
ich hab sowohl "olympus has fallen" als auch "white house down" gesehen. und beide filme sind einfach dämlich und ohne tiefgang. die handlung lässt sich recht schnell zusammenfassen, aber das hat man ja auch schon beim "hobbit" erlebt. zu "white house down": das schlimmste an dem film ist die tochter von der figur, die von channing tatum verkörpert wird. sie ist die große heldin im film. sie filmt die "bösen buben", läd das ganze dann auf ihren youtube kanal hoch, hat immer nen coolen spruch auf den lippen und führt damit die bösen jungs vor und schwenkt am ende die flagge derart grandios, dass die kampfjet piloten sich weigern, ihren befehl auszuführen, und das weiße haus zu bombardieren. damit wird sie zur großen heldin. achja sie ist 9 jahre alt ^^. die nazis hätten von soviel patriotismus und propaganda noch was lernen können. godwins law ist damit auch erfüllt
4. Emmerich sollte lieber eine Fortsetzung von
kaiserudo 01.09.2013
Raumpatrouille machen. Da wäre jedenfalls klar das es Ein Erfolg werden würde.
5. optional
java22123 01.09.2013
auf einer skala von 1 bis 10 bekommt der film 2 punkte. prädikat: nicht sehenswert
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    Roland Emmerich, 1955 in Stuttgart geboren, liebt großes Science-Fiction-Kino. Sein Abschlussfilm an der HFF, der Hochschule für Fernsehen und Film in München, war die Weltraumballade "Das Arche Noah Prinzip" (1984) und lief im Wettbewerb der Berlinale. Schon die folgenden Filme drehte Emmerich teilweise in den USA, 1992 gelang ihm mit "Universal Soldier" der Durchbruch in Hollywood. Sein größter Erfolg gelang Emmerich vier Jahre später mit "Independence Day". Wegen seiner schwäbisch sparsamen Art wird der Blockbuster-Spezialist scherzhaft "Spielbergle" genannt. Emmerichs letzte Regiearbeiten waren die Umweltkatastrophenfilme "The Day After Tomorrow" und "2012", mit denen er ans Ökobewusstsein des Popcornkinopublikums appellierte. Mit dem Historienfilm "Anonymus" betrat er 2011 neues Terrain, der Film floppte aber. Für 2015 plant Emmerich gleich zwei Fortsetzungen von "Independence Day".