Kino-Satire "Heimatkunde" Jäger der verlogenen Einheit

Nackte Ossis, angezogene Wessis und Ökos auf der Schweinewiese: Nach 18 Jahren Einheit wagte sich Martin Sonneborn für seine Kino-Dokumentation "Heimatkunde" ins einstige Berliner Grenzland. Der Satire-Feldforscher traf DDR-Gläubige und Gottesfürchtige - nur die Einheit fand er nicht.

Von Reinhard Mohr


Es ist ein gesegnetes Fleckchen Erde. Die Landschaften sind schön, seine Menschen typisch, die Luft ist rein und das Bier gut. Kein Wunder, dass sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Autoren intensiv mit Deutschland beschäftigt haben. Statt wie gewohnt nach Italien, Neuseeland oder an die Copacabana zu flüchten, haben sie das Land zwischen Alpen und Nordsee bereist, sich in metaphysische Sphären des postgermanischen Daseins gestürzt, das gemeine Volk erkundet und dabei den einst geschmähten Begriff "Heimat" nicht gescheut.

Im Gegenteil: Mit dem Blick des Ethnologen und Botanikers sammelte man exotische Eindrücke nah bei den Menschen, dort, wo sie leben, sich vermehren und den Balkon bepflanzen.

Pünktlich zum achtzehnten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 präsentiert nun Martin Sonneborn, von 2000 bis 2005 Chefredakteur der satirischen Zeitschrift "Titanic", jetzt SPAM-Chef bei SPIEGEL ONLINE, seine ganz persönliche "Heimatkunde" als ersten abendfüllenden, 94-minütigen Kinofilm. Es ist der minutiöse Bericht einer kompletten Umrundung Berlins zu Fuß, immer wieder hart an der ehemaligen Mauergrenze zwischen Westberlin und Brandenburg entlang - Feld-, Wald- und Wiesenforschung im wahrsten Sinne des Wortes.

Dieser Mann will es wissen

250 Kilometer hat Sonneborn, zugleich amtierender Parteivorsitzender der Partei "Die Partei", in 29-tägiger Wanderung zurückgelegt, nur mit Jeans und Hemd bekleidet, den leichten Rucksack achtlos über die Schulter geworfen. Aus der Vogelperspektive sehen wir zunächst Auen und Felder vorübergleiten, Autobahnen und diffuse menschliche Siedlungsgebiete. Dann schwenkt die Kamera auf das Antlitz eines durch und durch ernsten Zeitgenossen. Der Zuschauer spürt: Dieser Mann will es wissen. Yes he can!

Als wahrscheinlich erster Mensch des Planeten durchschwimmt Sonneborn, Jahrgang 1965, zu Beginn die Havel in Höhe der Glienicker Brücke von West nach Ost – der Fluchtweg verlief sonst immer in umgekehrter Richtung. Vorsichtigen, aber auch entschlossenen Schritts durchmisst der schlanke Spätromantiker Sonneborn anschließend die Macchia des Ostens, das buschige Gestrüpp des ehemaligen Niemandslands zwischen NATO und Warschauer Pakt, West- und Osteuropa, Kapitalismus und Kommunismus.

Original-Nudisten Brandenburger Art

Als erstes stößt er auf eine gott- und weltverlassene Eisenbahnbrücke über den Teltowkanal mit morschen Bohlen und gähnenden Abgründen. Dort, wo man allenfalls einen zerrupften Ost-Reiher auf der Suche nach Nahrung erwarten würde, entdeckt Feldforscher Sonneborn sein erstes lebendes Objekt: einen nackten Ossi, einen Original-Nudisten Brandenburger Art. Soll dies das "neue Leben im Grenzland" sein? Ist also doch nicht alles vom Westen platt gemacht worden?

Es ist viel einfacher. Und viel schöner: "Ick hab’ zu Hause keene Ruhe!", gibt der gänzlich unbekleidete und offenbar Lärm geplagte Mann auf Nachfrage zu Protokoll. Er habe zwar einen kleinen Garten, sei dort aber nicht ungestört. Gewiss, aber gleich nackt?

"Nackt ist gesünder!" Warum, das weiß er selber nicht.

Dieses Selber-nicht-wissen-und-allenfalls-Mutmaßen zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, dessen schnörkellose Lakonie besticht. In seiner klassisch spröden Schlichtheit, in seiner nüchternen Reduktion auf pure Beobachtung und flagrante Zufallsbegegnungen ist er das Gegenteil des "Baader-Meinhof-Komplexes". Statt Eichingers hektisch-aktivistischem BoomBängBoom klingt es bei Sonneborn wie Lalelu, nur der Mann im Mond schaut zu.

Kleingartenkolonie, Kai Pflaume und Oliver Geissen

Kein Ossi nirgends, schon gar kein nackter – so lautet die Botschaft an der nächsten Station, in der aus dem Boden gestampften Reihenhaussiedlung von Großbeeren. Hier ist der wohlhabende und angezogene Wessi unter seinesgleichen, und die Ost-Westgrenze verläuft am Gartenzaun. Ganz anders in Stahnsdorf, wo sich der unermüdliche Forschergeist die neue City-Möblierung zwischen antifaschistischem Mahnmal und Hunde-WC gleich vom Bürgermeister erklären lässt - einem Bayern, den es nach Brandenburg verschlagen hat. Aber schon warten überwucherte Ruinenlandschaften bei Schönefeld auf den lebensweisen Wanderer, immer weiter und weiter geht der Weg, während der globale Turbokapitalismus so weit weg scheint wie Urkommunismus und Matriarchat.

Plötzlich taucht eine jener Kleingartenkolonien auf, die Deutschland prägen wie sonst nur Kai Pflaume und Oliver Geissen. Sonneborn kennt keine falsche Scheu und testet sogleich den Pool eines älteren Ossi-Pärchens mitten in der Einflugschneise von Berlin-Schönefeld. So planscht immerhin zusammen, was sonst nicht zusammen gehört.

Auch die politische Bildung kommt nicht zu kurz. "Der Osten ist besser", geben zwei minderjährige Mädels bauchnabelfrei und mitten auf der Straße zu Protokoll. Warum? "Weeß ick nich." Die Eltern erzählen jedenfalls, dass die DDR "gut" war. Die Kinder glauben es, wahrscheinlich so, wie sie an Tokio Hotel glauben.

Apotheose der Pilgerreise

Stille Bizarrerien dieser Art entfalten sich auch beim gemeinsamen Spielen mit der Modelleisenbahn in der Plattenbausiedlung und bei späten Ost-Bekenntnissen fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall: "Bis heute bin ick keen Freund von der Bundesrepublik!"

Wie ein Kommentar zu diesem negativen Freundschaftsbeweis nimmt sich die nächste Station des furchtlosen Entdeckers aus, eine ehemalige Schweine-LPG, also landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft bei Karow, in der nun fortschrittliche Menschen leben.

Wo in der DDR noch tausende Schweine Tag für Tag das sozialistische Plansoll erfüllen mussten, haben es sich nun alternativ fühlende Zeitgenossen im Bauwagen gemütlich gemacht. Doch Sonneborn muss weiter, immer weiter. Er passiert Tankstellen und Imbissbuden, hört von "westlicher Hochnäsigkeit" und "nur schönen Erinnerungen an die DDR", trifft einen palästinensischen Asylbewerber, der seit elf Jahren keinen Weg aus den bürokratischen Fallstricken des Ausländerrechts findet, und einen Pflanzenflüsterer, der im Spandauer Forst haust, unendlich weit weg von Berlin-Mitte.

In der Döberitzer Heide schließlich ereignet sich so etwas wie die Apotheose der ganzen Pilgerreise. Ein einsamer Gottessucher steht da plötzlich in der Lichtung, unsicher, verspannt und verschlossen.

Die Irren sind unter uns

Auf Knien fragt er seinen Gott, ob er dem Herrn Sonneborn verraten dürfe, wer er, Gott, sei. Die Verbindung nach oben ist offenkundig gut, und die Erlaubnis kommt zügig: "Jeshua" heiße er, soviel dürfe er verraten. ER, dieser, sein Gott, habe sich ihm offenbart, als er eines Tages der Sinnlosigkeit seines irdischen Lebens als Entwicklungshelfer gewahr geworden sei.

"Amen", entfährt es Sonneborn, sichtlich betroffen. Per Handschlag will er sich verabschieden, allein der Gottesflüsterer verweigert sich: "Sonst habe ich den Handschlag mit Ihrer Ungläubigkeit."

Ein schwerer Schlag. Ungläubig und einsam bleibt der ewig suchende Wanderer zurück. Denn sein Ziel ist der Weg, sein Weg das Ziel.

Die Irren aber, die Gläubigen ihrer eigenen Beschränktheit, sind unter uns.

"Ein scheißpoetischer Film" soll Kim Jong Il das Werk genannt haben. Das glauben wir nicht.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Adran, 02.10.2008
1. *g*
hihihihi Scheint lustig zu werden.. Ik gloub, ik jeh rin! de paar jroschen zin´s mijr wert. Wo sieht man auch sonst freilaufende Ossis in ihrer natürlichen Umgebung? ;)
Berlinjoey 02.10.2008
2. Ich kenne diesen Film nicht,
aber ich kenne diese Ostalgie der Brandenburger sehr gut. Als Wessi kenne ich ausserdem diese scheelen Blicke, die versteckte, devote Feindseligkeit dem Westen gegenüber, dieses diffuse Gefühl von "früher war alles besser". Und es erschreckt mich, daß nach fast 20 Jahren Einheit und gepumpten 1,6 Billionen € vom Westen in den Osten, viele Brandenburger die Demokratie ablehnen, die Wessis nicht mögen, Berlin hassen (Volksabstimmung 1996) und einfach nicht ankommen im vereinten Deutschland. Dieser Film macht das wieder mal deutlich. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn mir anschauen möchte.
Adran, 02.10.2008
3. Komisch..
Zitat von Berlinjoeyaber ich kenne diese Ostalgie der Brandenburger sehr gut. Als Wessi kenne ich ausserdem diese scheelen Blicke, die versteckte, devote Feindseligkeit dem Westen gegenüber, dieses diffuse Gefühl von "früher war alles besser". Und es erschreckt mich, daß nach fast 20 Jahren Einheit und gepumpten 1,6 Billionen € vom Westen in den Osten, viele Brandenburger die Demokratie ablehnen, die Wessis nicht mögen, Berlin hassen (Volksabstimmung 1996) und einfach nicht ankommen im vereinten Deutschland. Dieser Film macht das wieder mal deutlich. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn mir anschauen möchte.
Mir wurde mal von einem Sachsen gesagt: "Wir sachsen nennen uns Freistaat, aber ihr Brandenburger benehmt euch so!" Wo soll da also das Problem liegen? Denn auch die Bayern benehmen sich ja nicht anders, als die Brandenburger. Stur, Dickköpfig, und auf selbstständigkeit bedacht... Oder steht irgendwo, dass wir lieb, brav und dankbar sein sollen? PS: Deine Summe kannste dir in den Popo schieben, und gut ist :P
dunkeltapps 02.10.2008
4. Gepflegte Vorurteile
Zitat von Berlinjoeyaber ich kenne diese Ostalgie der Brandenburger sehr gut. Als Wessi kenne ich ausserdem diese scheelen Blicke, die versteckte, devote Feindseligkeit dem Westen gegenüber, dieses diffuse Gefühl von "früher war alles besser". Und es erschreckt mich, daß nach fast 20 Jahren Einheit und gepumpten 1,6 Billionen € vom Westen in den Osten, viele Brandenburger die Demokratie ablehnen, die Wessis nicht mögen, Berlin hassen (Volksabstimmung 1996) und einfach nicht ankommen im vereinten Deutschland. Dieser Film macht das wieder mal deutlich. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher, ob ich ihn mir anschauen möchte.
Es ist immer wieder sehr beschaulich anzusehen, wie gegenseitige Vorteile gepflegt werden. Sicher ist, dass es von jeder Seite nachvollziehbare Argumente gibt, die das ein oder andere West wie Ost kritisieren, aber dass Argument vom ständig subventionierten Osten ist ein sowas von argumentativ hohler Vogel das geht gar nicht. Da können wir beim Urschleim anfangen und fragen, woher das Kapital und das Wissen nach dem 2. Weltkrieg in Bayern und vielen Altbundesländern entstammt - Sachsen, Thüringen, Schlesien. AUDI, WANDERER, ODOL, Dresdner Bank, Gothaer Versicherungen, etc. die Reihe liese sich beliebig weiterführen, kamen in den Westen. Wenn man das in den 90er verzinst hätte, käme ein sicher Vielfaches Sümmchen heraus. Und vielfach sind bis Ende der 90er Jahre die Subventionen auch westdeutschen Arbeitsplätzen und Unternehmen zu Gute gekommen. Mithin gab es Fördermittelvagabundismus bspw. Fa. Schiesser, die unliebsame Konkurrenz aufkauften und nach 5 Jahren Fördermittelbindungsfrist und nach dreistelligen Millionenförderungen weiter nach Osten zogen. Tja und warum lässt man den gemeinen Ossi nicht in Ostlagie schwelgen, wenns der Wessi doch auch tut und sich nach der guten alten Zeit vor der Wiedervereinigung sehnt und meint er wäre da besser gefahren. Glücklicherweise darf ich als im Exil lebender Deutscher mit im wesentlichen Vorurteilsfreien Wessis, Ossis und Össis zusammenleben und -arbeiten. :o)
madmathew, 02.10.2008
5. Autsch!
Eine Satire? Von Herrn Sonneborn? Über den Osten? Das klingt doch schon wieder nach schlimmen körperlichen Schmerzen für den in seiner Rundumsicht nicht ähnlich bedauernswert eingeschränkten Betrachter.
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