Kino-Sensation "Drive": Ein wahrer Held, ein wahres Monster

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Ein Rennfahrer ohne Namen, ein Action-Thriller ohne Action: Aus diesen seltsamen Zutaten hat der Däne Nicolas Winding Refn einen der spektakulärsten Filme der Saison gemacht. "Drive" konzentriert sich ganz auf seine brillante Ästhetik und seinen glänzenden Hauptdarsteller Ryan Gosling.

Universum

Schnell hat Werkstattmeister Shannon die Situation verstanden. Die junge Frau, die ihm sein Freund und Vertrauter Driver als Kundin vermittelt hat, ist nicht einfach nur dessen Nachbarin, die Hilfe mit ihrem kaputten Auto braucht. Die beiden sind dabei, sich ineinander zu verlieben. Kurz schaut Shannon auf die zierliche Irene, die vor ihm steht. Dann blickt er zu Driver, der sich im Hintergrund hält. In diesem Moment fällt die Sonne in Drivers Gesicht und lässt seine blonden Haare leuchten und sein verschämt-hoffnungsvolles Lächeln strahlen. Später wird Driver einem Menschen androhen, ihm mit einem Hammer eine Kugel in den Kopf zu schlagen.

Es sind so extreme Szenen, die Nicolas Winding Refn in "Drive" kombiniert, dass einem nicht nur ob ihres schamlosen Kitsches und ihrer explodierenden Gewalt der Atem stockt. Hinzu kommt auch die Verblüffung darüber, dass sie sich trotz allem zu einem schlüssigen, ästhetisch geradezu zwingenden Film verbinden, der sich in seinen besten Momenten zu rauschhafter Qualität steigert.

Driver (Ryan Gosling, "The Ides of March") hat weder einen Namen noch eine Geschichte, noch sagt er viel. Er fährt Auto, tagsüber als Stuntman auf Filmsets, nachts in den Straßen von L.A. als Fluchthelfer. Als er sich in seine verheiratete Nachbarin Irene (Carey Mulligan) verliebt und sich ihres kleinen Sohnes annimmt, scheint er sich etwas zu öffnen. Doch das ist ein Irrtum. Erst als Irenes Ehemann ihn bittet, ihm bei einem Raubüberfall behilflich zu sein, damit er sich Schutz für seine Familie erkaufen kann, zeigt Driver sein wahres Gesicht.

Action-Thriller mit nur zwei Autorennen

Im Gegensatz zu James Sallis' Buchvorlage erzählt Drehbuchautor Hossein Amini Drivers Geschichte chronologisch. Das spielt Regisseur Winding Refn gleich doppelt in die Hände. Zum einen dreht der Däne seine Filme sowieso chronologisch, zum anderen gibt ihm der konventionelle Aufbau die Möglichkeit, seine zwei größten Stärken unter Beweis zu stellen: das Spiel mit dem Tempo und die Inszenierung seiner Hauptdarsteller.

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Kino-Thriller "Drive": Auf den Straße von L.A.
Schon mit seinem ersten Spielfilm, dem Drogenthriller "Pusher", etablierte sich Winding Refn 1996 als einmalige Erzählstimme im europäischen Kino. Minutiös breitete er darin den Alltag eines kleinkriminellen Dealers in Kopenhagen aus - bis sich die Handlung am Schluss plötzlich überschlug. Seitdem finden sich in allen seinen Filmen sowohl Momente extremer Verknappung als auch extremer Dehnung.

In "Drive", seiner ersten US-Produktion, nutzt Winding Refn diese Stilelemente nun, um das Genrehafte des Stoffes zu unterlaufen und dem klassischen heist movie einen Arthouse-Anstrich zu verpassen. Nur zwei Verfolgungsrennen gibt es in dem Film, eines davon gleich am Anfang. Doch kaum sind die atemberaubenden Fahrkünste von Driver in den ersten Minuten unter Beweis gestellt, vollzieht der Film auch schon die narrative Vollbremsung. Statt die Spannung für den nächsten Überfall aufzubauen, widmet sich "Drive" ausgiebig seiner Liebesgeschichte - womit sich die zweite Stärke von Winding Refn zeigt.

Steve McQueen wirkt nervös dagegen

Wie kein zweiter heterosexueller Regisseur interessiert er sich für die körperliche Verfasstheit seiner Hauptdarsteller, und nach Mads Mikkelsen, mit dem er zwei "Pusher"-Teile sowie "Valhalla Rising" drehte, scheint er mit Ryan Gosling nun seine nächste große Muse gefunden zu haben.

Immer wieder setzt Winding Refn das Licht neu an, um Goslings wortwörtlich unwahrscheinlich attraktives Gesicht zu inszenieren. Mal wirft dessen seltsam geschwungene Nase große Schatten, mal zeichnen sich die spitzen Lippen und das wulstige Kinn im Gegenlicht ab. Und Gosling vertraut absolut auf diese Inszenierung: Er spielt so reduziert, dass sogar der Stoiker Steve McQueen nervös dagegen wirkt.

In der Konzentration auf das Ästhetische liegt letztlich auch der Schlüssel, warum "Drive" trotz seines B-Movie-Plots, der zum Ende hin auch immer vorhersehbarer wird, so überzeugt. Jedes Kleidungsstück und jeder Ton auf dem Soundtrack scheinen von Winding Refn persönlich ausgewählt worden zu sein und Hinweise auf sein Filmwissen zu geben - schon der pinkfarbene Titelschriftzug verweist auf die Achtziger-Action-Filme, die "Drive" stilistisch zitiert. Überraschend, aber letztlich folgerichtig gewann Winding Refn 2011 in Cannes den Regiepreis.

So ist es denn auch der Eindruck visionärer Stringenz, der länger als einzelne Szenen nachwirkt. Nachdem Schock und Verblüffung gewichen sind, macht sich bei "Drive" das Gefühl breit: Hier hat sich ein herausragender Regisseur selbst auf die Ästhetik reduziert. Das allerdings auf höchstem Niveau.

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insgesamt 48 Beiträge
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1.
DrStrang3love 25.01.2012
Ich hab "Drive" noch nicht gesehen, aber klingt das alles nicht praktisch identisch zu "The Driver (http://www.imdb.com/title/tt0077474/)" von 1978?
2.
totalmayhem 25.01.2012
Waer der Film einen Tick dunkler gewesen, haette ich geschworen, ich haette gerade einen Film von Michael Mann gesehen. Erinnert auch irgendwie an Thief (1981), ein Hauptdarsteller dem die Rolle auf den Leib geschrieben ist, aehnliche Story, dichte Atmosphaere und dazu ein genialer Soundtrack.
3.
philbird 25.01.2012
Zitat von totalmayhemWaer der Film einen Tick dunkler gewesen, haette ich geschworen, ich haette gerade einen Film von Michael Mann gesehen. Erinnert auch irgendwie an Thief (1981), ein Hauptdarsteller dem die Rolle auf den Leib geschrieben ist, aehnliche Story, dichte Atmosphaere und dazu ein genialer Soundtrack.
Ging mir auch so. Für mich der beste Film 2011.
4.
AdamCasher 25.01.2012
Eine Schande, dass es nicht mehr Oscar-Nominierugen für diesen Film gab. Sowohl Refn als auch Gosling hätten das imho mehr als verdient. Lange habe ich keinen so intensiven Film gesehen, oszillierend zwischen absoluter Schönheit -nahezu Märchenhaftigkeit (Skorpion - Kröte)- und kurzen Ausbrüchen extremer Brutalität. Gleichzeitig bekommt der Film durch den genialen Soundtrack etwas nahezu Organisches, als sei er ein lebender Organismus mit eigenem Pulsschlag. Für mich ganz klar der Oscargewinner der Herzen und absolut zu empfehlen.
5.
TylerD. 25.01.2012
Zitat von philbirdGing mir auch so. Für mich der beste Film 2011.
Würde ich direkt unterschreiben.
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