Kino-Spektakel "Iron Man 2": iMan ohne Ironie

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Mehr Action, mehr Blechschaden, weniger Spaß: Die Fortsetzung des Überraschungs-Blockbusters "Iron Man" krankt trotz Charmebolzen Robert Downey Jr. am Sequel-Syndrom. Dabei verbirgt sich hinter dem Getöse eine feine Reflexion über Copyright-Probleme und Wirtschaftsmechanismen.

"Iron Man 2": Märchen von der guten Maschine Fotos
Concorde

Wenn die Untersuchungskommission zur One-Man-Show wird: Sechs Monate, nachdem sich der Waffenindustrielle und Playboy Tony Stark öffentlich als Superheld Iron Man geoutet hat, muss er sich vor einem Senats-Ausschuss verantworten. Mag ja sein, dass die Welt ein bisschen sicherer geworden ist, seit Stark mit seiner eisernen Rüstung auf globale Terroristenjagd geht, aber im Interesse der nationalen Sicherheit solle er das Geheimnis seines elektromagnetisch angetriebenen Metallanzugs doch bitte an die US-Regierung weitergeben.

Davon will Stark nichts wissen: "I am Iron Man!" Die Rüstung sei Teil seiner Person, und sich selbst würde er keinesfalls dem Militär übereignen. Außerdem rede man letztlich über sein Eigentum als Unternehmer, und, hey: Immerhin habe er gerade "erfolgreich den Weltfrieden privatisiert", triumphiert er.

Er wirkt nicht wirklich sympathisch bei dieser Zurschaustellung industriellen Hochmuts, da nützt es auch wenig, dass sein ärgster Konkurrent, Regierungslieferant Justin Hammer (clownesk verkörpert von Sam Rockwell) sich noch abscheulicher geriert. Einerseits erinnert Robert Downey Jr. mit seinem übertriebenen Bravado hier erstmals an den aalglatten, sehr selbstgerechten Tony Stark der neueren "Iron Man"-Comics. Andererseits fühlt man sich bei seinem medienwirksamen Auftritt an reale Technik-Gurus wie Apple-Chef Steve Jobs erinnert, die um ihr Alleinstellungsmerkmal wissen und mit der ganzen Wucht ihrer Hardware und des sie umgebenden Kults ganze Wirtschaftszweige unter ihre Fuchtel zwingen. In der Übersetzung auf die weitaus brisantere, weil politisch aufgeladene Waffenindustrie wird Starks egozentrierte Superwaffe zum begehrtesten aller Gadgets, dessen Betriebsgeheimnis so top secret ist wie die Funktionsweise des neuen iPhones. Der Iron Man als iMan.

Alles drin. Aber wo?

Dazu passt, dass der Bösewicht ein Russe ist, der scheinbar dreist die ominöse Powerzelle des Iron-Man-Anzugs kopiert und als Energiepeitschen schwingender "Whiplash" den Grand Prix von Monaco in eine Massenkarambolage verwandelt. Unerhört: Schließlich kann es nur einen Iron Man geben! Aber die Geschichte ist kompliziert, sie reicht zurück in unsaubere Machenschaften von Tony Starks Vater, einem Großindustriellen, der in den sechziger Jahren mit Elektromagnetismus experimentierte und offenbar seinen russischen Partner ausbootete. Das berührt drängende aktuelle Fragen der Urheberrechtsethik: Wie schützt man geistiges Eigentum? Und wer hat das Recht, wissenschaftliche Entdeckungen zu welchem Zweck, friedlich oder kriegerisch, kommerziell oder gemeinnützig, zu verwenden?

All das ist drin im zweiten Teil der von Marvel und Paramount produzierten Kino-Franchise "Iron Man", der diese Woche auch in deutschen Kinos anläuft. Aber man braucht viel guten Willen, um diese durchaus interessanten Ansätze im Getöse des Action-Spektakels zu entdecken. Subversiven Subtext, sorgfältig installiert von Regisseur Jon Favreau und Drehbuchautor Justin Theroux, der zuvor mit "Tropic Thunder" zeigte, wie man intelligente Komödien schreibt, die trotzdem brüllkomisch sind, gibt es eigentlich genug in "Iron Man 2". Er wird nur allzu oft von Schauwerten überstrahlt. Oder vom furchtbar unpassenden Schweinerock des AC/DC-Soundtracks übertönt.

Zwei Iron Men sind besser als einer

Der erste "Iron Man" wurde vor knapp zwei Jahren ein Überraschungs-Blockbuster, mit dem niemand so recht gerechnet hatte. Abgesehen von Spider-Man und X-Men galten Superhelden als schwierig in den Mainstream zu integrieren. Und gerade der Kalter-Kriegs-Veteran Iron Man, eines der dienstältesten Marvel-Geschöpfe, schien wenig prädestiniert, die Massen zu begeistern. Doch der frisch aus der Drogen-Reha entlassene Hauptdarsteller Robert Downey Jr., der mit dieser Rolle ein furioses Comeback einleitete, verlieh dem Eisenmann so viel menschelnde Gebrochenheit und Herz, dass die von Favreau ("Elf") rasant und gewitzt inszenierte Superhelden-Sause zum Erfolg wurde. Weltweit setzte "Iron Man" mehr als eine halbe Milliarde Dollar um; kein Wunder, dass der Druck groß war, schnell eine Fortsetzung auf die Spur zu setzen.

"Iron Man 2" soll nun more of the same bieten - und möglichst noch einen draufsetzen. Nun ist es aber das fast schon tragische Schicksal jeder Blockbuster-Fortsetzung, zu viel von allem zu wollen und letztlich genau das zu werden, was von vornherein vermieden werden sollte: eine Riesen-Enttäuschung. Vom Humor und Esprit des ersten Films ist hier nur noch wenig übrig.

Stattdessen darf Mickey Rourke als russischer Racheengel Ivan Vanko grimassieren, was die Gesichtshaut noch erlaubt, und eine ganze Armee von Iron-Man-Plagiaten auf die Metallbeine stellen, mit denen Tony Stark seine liebe Mühe haben soll. Doch zum Glück gibt es den treuen Armee-Freund James "Rhodey" Rhodes (diesmal von Don Cheadle gespielt), der sich einen der Anzug-Prototypen schnappt und so zum Sidekick wird: Zwei Iron Men sind besser als einer: Selten wurde das Fortsetzungssyndrom (und, nebenbei, der militärisch-industrielle Handschlag) plastischer dargestellt.

Mensch wird Maschine

Das Resultat: Mehr Action, mehr Blechschaden, weniger Spaß, weniger ausgefeilte Dialoge und vor allem: eine recht wirre, wenn nicht widersprüchliche Story, in der viel zu viel erzählt werden muss: Neben der Fehde zwischen Whiplash und Iron Man wird das etwas versponnene Romantik- und Arbeitsverhältnis zwischen Stark und seiner Sekretärin Pepper Potts (Gwyneth Paltrow) weiterentwickelt. Außerdem musste zur Vorbereitung auf die nächste Marvel-Franchise "The Avengers" auch noch der Augenklappen-bewehrte "Shield"-Direktor Nick Fury (Samuel L. Jackson) samt Triple-Agentin Natasha Romanow eingeführt werden. Da darf dann Scarlett Johansson als "Black Widow" vorrangig eine gute Figur machen, zur Handlung beizutragen hat sie leider nicht viel.

"Iron Man 2" wirkt streckenweise so slick wie ein wummerndes Werbevideo für die US-Armee und lässt die offenkundige Hybris des Industriellen Stark leider weitgehend unkommentiert, wenn nicht gar affirmativ im Raum stehen: In einer weiteren Nebenhandlung, die Tonys Verhältnis zum übermächtigen Vater thematisiert, entwickelt er in Zauberlehrling-Manier eine neue Energiequelle, die fortan verhindern soll, dass ihn die Maschine, die ihn am Leben erhält, langsam aber sicher vergiftet. Der unversöhnliche Gegensatz zwischen unverwundbarer Rüstung und verletzlichem Kern, der Grundthema des ersten Teils war, hier wird er quasi im Handumdrehen aufgelöst. Tony Starks Körper muss nicht mehr mit seinen technischen Prothesen kämpfen, er versöhnt sich mit ihnen, der Mensch verschmilzt mit der Maschine.

Das beraubt nicht nur die Figur ihrer bis dato wohltuenden Ambivalenz, es wirft auch kein gutes Licht auf die Haltung, die mit dieser muskulösen Leistungsschau Hollywoods transportiert wird: Der naive Glaube an den technischen Fortschritt und den wohlmeinenden Großkapitalisten, der den Zeitgeist der fünfziger und sechziger Jahre bestimmte, hier kehrt er nahezu ungebrochen zurück. Mit Tony Stark als messianischem Erfinder und altruistischem Segensbringer der Menschheit. Von Profitgier, dem ewigen Motor jeder Industrie, ist bei ihm keine Rede. Ein schönes PR-Märchen. Als hätte Steve Jobs es uns erzählt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. Schade
My2Cents 04.05.2010
Noch habe ich ihn nicht gesehen, hab mich aber schon sehr auf eine Fortsetzung des ersten Teils gefreut, der mich mit seiner plötzlichen Wendung von der Darstellung Downeys des selbstherrlichen Waffenherstellers zum kritischen Waffenfeind sehr positiv überrascht hat. Und genau diese zerbrechliche Ambivalenz, das Subtile der Figuren waren es, die den ersten Teil für mich sehr attraktiv gemacht hatten. Nach dem Lesen des SPIEGEL-Artikels wird mir nun klar, dass der zweite Teile mal wieder ein Schnellschuss wird, bei dem einfach nur der Teig des ersten Teils ausgeknetet wird und sich die Nebendarsteller mehr in den Vordergrund drängen wollen, um kräftiger mitzuverdienen. Transformers, xXx, Terminator, Kampf der Titanen... alles seelenlose Fortsetzungen des ersten Teils. Da wird CGI zur Hauptsache - Dialoge, Esprit zur Nebensache. Sehr schade.
2. Hör doch auf!
Matze-in-London 04.05.2010
Nun macht mal nicht mehr aus dem Film, als er ist. Seichte Unterhaltung, die einem auf amuesante Art und Weise fuer 2 Stunden die Zeit vertreibt. Ich hab den Film sehr genossen und fand die Musik sehr passend. Was immer SPON hier suggeriert ist komplett am Thema vorbei.... meine 5p
3. Ermüdung
tetaro 04.05.2010
Hat Downey jetzt wenigstens einen zweiten Gesichtsausdruck zu bieten? Vieleicht könnte mich das noch bewegen, den gefühlt zehmmillionsten Superheldenfilm anzuschauen. Ansonsten steht zu hoffen, dass diese Spätfolge des 11/9 Traumas endlich mal abheilt.
4. Na ja...
Versacker 04.05.2010
Zitat von My2CentsNoch habe ich ihn nicht gesehen, hab mich aber schon sehr auf eine Fortsetzung des ersten Teils gefreut, der mich mit seiner plötzlichen Wendung von der Darstellung Downeys des selbstherrlichen Waffenherstellers zum kritischen Waffenfeind sehr positiv überrascht hat. Und genau.....
Ja stimmt, wenn dem Spiegel-Autor der Film nicht (sonderlich) zusagt muss er wohl auch zwangsläufig schlecht sein... In anderen Medien hat der Film übrigens ziemlich gute Kritiken bekommen... Auch lese ich hier zum ersten mal das der Film zuviel Action enthalte, in so ziemlich allen anderen Rezensionen wird ausdrücklich erwähnt das sich der Film mit Action sehr zurückhält...
5. Terminator 2..
Denkstoerung 04.05.2010
Zitat von My2Cents... Transformers, xXx, Terminator, Kampf der Titanen... alles seelenlose Fortsetzungen des ersten Teils. ..
Naja, Terminator 2 ist da eher die Ausnahme. Die Neuen Batman-Filme, find ich, werden mEn auch immer besser. Die letzten Batman-Filme die mir gefielen waren mit Michael Keaton.
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Iron Man 2

(USA 2010)

Regie: Jon Favreau

Buch: Justin Theroux

Darsteller: Robert Downey Jr., Mickey Rourke, Don Cheadle, Scarlett Johansson, Gwyneth Paltrow, Sam Rockwell, Samuel L. Jackson

Produktion: Marvel Entertainment

Verleih: Concorde

Länge: 125 Minuten

Start: 6. Mai 2010