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Spike Lees "Oldboy"-Remake: Axt im Kopf

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Mit "Oldboy" schuf der Südkoreaner Park Chan-Wook 2003 ein unvergessliches Rache-Epos voll verstörender Gewalt. Nun hat Regie-Ikone Spike Lee die Geschichte eines Mannes, der von Unbekannten 20 Jahre lang eingeschlossen wird, neu verfilmt - und sich ein paar grobe Fehlgriffe erlaubt.

Beim zweiten Mal tut es nicht mehr so weh. Diese Binsenweisheit gilt auch für das US-Remake des südkoreanischen Thrillers "Oldboy". Das Original von Regisseur Park Chan-Wook war 2003 ein aufsehenerregender Anschlag auf Sinne und Seele. Dass diese Wucht in der Neuauflage durch Spike Lee zwangsläufig fehlt, ist keine Überraschung. Spannender ist ohnehin die Frage, ob Lee der düsteren Geschichte über späte Vergeltung und noch spätere Erkenntnis tatsächlich etwas Neues abringen kann, oder nur eine geflissentliche Nacherzählung mit anderen Gesichtern und Schauplätzen bietet. Ohne zu weit vorzugreifen: Lee geht mit seinem Film an entscheidender Stelle eigene Wege. Nur hätte er das - wie das ganze Vorhaben - besser bleiben lassen sollen.

Nicht zuletzt aufgrund der schweren Hypothek, die auf dem Remake lastet: Parks zwiespältiges, lose auf einem japanischen Manga basierendes Fanal über Schuld und Sühne brannte sich bei seiner Uraufführung mit rotglühender Intensität ins Bewusstsein. Egal ob man sich - wie damals die Mehrheit der Kritik - für die formale Brillanz der Rachemär begeisterte, oder aber die ebenso ultrabrutale wie poetische Bildgewalt nur schwer goutieren konnte, zumindest ließ der Film keinen Zuschauer gleichgültig zurück.

Spike Lees "Oldboy" versucht zunächst durch Werktreue, eine zumindest vergleichbare Wirkung zu erzielen. Die Anfangssituation ist jedenfalls trotz Orts- und Personalwechsel vertraut: Es ist das Jahr 1993, und Joe Doucett (Josh Brolin) ist ein strauchelnder, großmäuliger Werber mit Alkohol-, Drogen- und sonstigen Verhaltensproblemen. Vergeblich erinnert ihn seine geschiedene Frau am Telefon an den Geburtstag von Mia, der gemeinsamen Tochter, die Joe auch diesmal nicht besuchen wird. Stattdessen trifft er sich zum Abendessen mit einem potentiellen Kunden und dessen Freundin. Doch als Joe die Frau belästigt, gerät das Treffen zum Fiasko. Verdientermaßen geohrfeigt und sturzbetrunken landet Joe schließlich allein auf der Straße und verliert das Bewusstsein.

Ein alles bestimmender Gedanke

Als er erwacht, wähnt er sich auf den ersten Blick in einem normalen Hotelzimmer. Erst ungläubig, dann verzweifelt erkennt er den Ort als das, was er ist: ein absolut ausbruchsicheres Gefängnis. Unsichtbare Hände versorgen den Isolationshäftling durch eine Luke, Joes einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Fernseher. Statt Ablenkung hält das Programm nur mehr Horror bereit: Wie Joe erfahren muss, wurde seine Frau vergewaltigt und ermordet, und er selbst ist der spurlos verschwundene Hauptverdächtige. Seine Tochter Mia wächst laut TV-Bericht bei Adoptiveltern auf, und angesichts der hoffnungslosen Perspektive will Joe sein Leben beenden. Doch seine namen- und gesichtslosen Aufseher vereiteln den Selbstmordversuch, so dass Joe weiterhin allein mit sich und seinem bedenklich rotierenden Verstand bleiben muss.

Am Rande des Wahnsinns vergehen so die Jahre, in denen Joe erst aufhört zu trinken und dann beginnt, manisch zu trainieren. Dabei hat er lediglich zwei Ziele: Seine Tochter wiederzusehen, der er unzählige, unabgeschickte Briefe widmet. Und den oder die Verantwortlichen zu finden, die ihm alles genommen haben. Der Moment dafür scheint gekommen, als Joe zwanzig Jahre nach seiner Entführung plötzlich auf einer Wiese erwacht. Er hat einen neuen Anzug, etwas Geld, ein Smartphone - dessen Handhabung ihm fremd ist - und einen alles bestimmenden Gedanken: Rache.

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"Oldboy"-Remake: Ein Werber auf blutigen Abwegen
Bis zu diesem Punkt liefert Lee eine routiniert inszenierte, wenngleich kaum originelle Variation der ursprünglichen "Oldboy"-Prämisse. Doch je weiter Joes Feldzug voranschreitet, desto deutlicher wird die Hilflosigkeit des Remakes. So scheint der Film mit sich selbst uneins darüber, was er sein will.

Rückkehr in die Talsohle

Oftmals stellt Lee Schlüsselszenen aus Parks Film shot-by-shot nach, nicht unähnlich Gus Van Sants abgestrafter "Psycho"-Kopie. Besonders evident ist dies in der Neuauflage der berüchtigten Kampfsequenz, in der Joe ebenso wie sein Vorläufer bei Park eine schier endlose Anzahl heranstürmender Gegner mit einem Zimmermannshammer massakriert.

Die Axt im Kopf erspart wenigstens kurzeitig die Psychologie, doch leider bemüht Lee selbige dann doch übermäßig in seinem ungleich schlichteren Finale. Wo Parks Film am Ende klug die Ambivalenzen unaufgelöst ließ, präsentiert die US-Variante nach diversen Gewaltexzessen eine Sorglos-Komplettanalyse, die das traumatische wie traumgleiche Moment des Originals sträflich verschenkt. So bleibt es eine bittere Ironie, dass gerade Lees inkonsequenter Versuch, neben der akkuraten Nachahmung doch noch eine eigenständige Erzählung zu entwickeln, sein Remake letztendlich scheitern lassen.

Womit zu fragen wäre, was Spike Lee wohl zu diesem unglücklichen Projekt bewegt haben mag. Welches außer einer willkommenen Wiedervereinigung Lees mit seinem einstigen "Jungle Fever"-Star Samuel L. Jackson - hier in einer bedrohlichen Rolle - und durchaus engagierte, aber durch Dramaturgie und Auflösung unterminierte Schauspielleistungen von Josh Brolin und Elizabeth Olsen nichts bietet, was einen neuen "Oldboy" rechtfertigt.

Mit dem doppelbödigen Krimi "Inside Man" (2006) glaubte man eigentlich, dass Spike Lees Comeback geglückt sei. Doch der Filmemacher, der einst für vibrierendes, kontroverses und politisches Kino stand und damit lange die einflussreichste afroamerikanische Stimme in der Filmindustrie war, befindet sich seitdem wieder in einer kommerziellen und künstlerischen Talsohle.

Bleibt also nur, zu Park Chan-Wooks Meisterwerk zurückzukehren. Darin entpuppen sich nach und nach sämtliche Figuren als Opfer, die nur der Verlust der Erinnerung erlösen kann. Gleiches gilt denn auch für Spike Lees unglückliches Remake: Es zu vergessen, ist der einzige Trost.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Wer braucht diese dussligen drittklassigen Neuverfilmungen
UbuRoy 06.12.2013
wenn die Originale 1000mal besser in jeder Hinsicht sind. Siehe Oldboy, Nightwatch, 3 Männer und ein Baby undundund. Diese phantasielosen Amis können nicht mal gut klauen!
2. Wie kann man nur ...
kc85 06.12.2013
... auf die Idee kommen, "Oldboy" neu zu verfilmen? Das ist völlig überflüssig und muss zwangsläufig schief gehen. Hollywood kann offenbar nur noch Fortsetzungsmüll oder (sinnfreie) Neuverfilmungen. kc85
3. ...
Barath 06.12.2013
Zitat von sysopUniversalMit "Oldboy" schuf der Südkoreaner Park Chan-Wook 2003 ein unvergessliches Racheepos voll verstörender Gewalt. Nun hat Regie-Ikone Spike Lee die Geschichte eines Mannes, der von Unbekannten 20 Jahre lang eingeschlossen wird, neuverfilmt - und sich ein paar grobe Fehlgriffe erlaubt. http://www.spiegel.de/kultur/kino/kino-spike-lees-oldboy-remake-mit-josh-brolin-startet-a-937119.html
Wie heißt es so schön: In den USA werden ausländische Filme nicht synchronisiert, stattdessen macht man Remakes. Im besten Falle sind die Remakes dann genauso gut aber mit besseren Effekten (z.B. Vanilla Sky, wo sogar die Hauptdarstellerin übernommen wurde). Meist ist das ganze einfach schlechter aber actionreicher (z.B. Codename Nina). Und manchmal ist das Remake eine Katastrophe, weil bestimmte Dinge in Hollywood einfach nicht gehen. Am meisten hat mich das Remake von "Infernal Affairs" fasziniert. Im Grunde eines der wenigen Remakes, das fast besser als das Original ist... wäre da nicht ein ideologisches Ding. Im Original von Infernal Affairs gibt es zwei alternative Enden: Das Original-Ende, in dem "der Böse" am Ende ungeschoren davonkommt und eben damit leben muss. Dieses Ende war in China vom Regime nicht akzeptiert und wurde durch ein Ende ersetzt in dem die Staatsmacht triumphiert und den Bösen verhaftet. Wie sieht es im US-Remake aus? Man hat nicht das KP-Ende übernommen (das konnte man ja unmöglich tun), aber auch hier durfte der Schurke nicht davonkommen um sein erbärmliches Leben im Erfolg erleiden zu müssen, also muss "Ein Guter" kommen und der Gerechtigkeit in der letzten Szene genüge tun. Damit hat das US-Ende mehr Ähnlichkeit mit dem Ende der chinesischen Politik als mit dem vom Author intendierten. Das sagt mehr über die Regeln der amerikanischen Filmbranche, als man wissen möchte. Das ein US-Remake von Oldboy gelingen könnte war für mich von Anfang an ausgeschlossen. Der Geschichte fehlt das Happy-End und die simple gut/böse Unterscheidung in der das Gute am Ende immer triumphiert. P.S.: Was hat Spike Lee motiviert dieses Remake zu machen? Warum macht man von guten Filmen schlechte Remakes? Um GELD zu verdienen. Der Erfolg des Originals ist kostenlose Werbung für den Film. Warum sonst haben wir es in den letzten Jahren mit sovielen Remakes und Fortsetzungen zu tun gehabt? So simpel ist das.
4. Aus Gold mach besseres Gold?
alias-wählen 06.12.2013
Ist es nicht anmaßend, einen grandioses Kunstwerk wie Oldboy neuzuverfilmen? Sehr spannend, wie plattgebügelt die neue Version sein wird. Zum Vergleich werde ich mir die Lees Film ansehen und hoffentlich hinterher den Triumph über Hollywoods Unkreativität bezeugen können.
5.
crunchy_frog 06.12.2013
Zitat von BarathWie heißt es so schön: In den USA werden ausländische Filme nicht synchronisiert, stattdessen macht man Remakes. Im besten Falle sind die Remakes dann genauso gut aber mit besseren Effekten (z.B. Vanilla Sky, wo sogar die Hauptdarstellerin übernommen wurde). Meist ist das ganze einfach schlechter aber actionreicher (z.B. Codename Nina). Und manchmal ist das Remake eine Katastrophe, weil bestimmte Dinge in Hollywood einfach nicht gehen. Am meisten hat mich das Remake von "Infernal Affairs" fasziniert. Im Grunde eines der wenigen Remakes, das fast besser als das Original ist... wäre da nicht ein ideologisches Ding. Im Original von Infernal Affairs gibt es zwei alternative Enden: Das Original-Ende, in dem "der Böse" am Ende ungeschoren davonkommt und eben damit leben muss. Dieses Ende war in China vom Regime nicht akzeptiert und wurde durch ein Ende ersetzt in dem die Staatsmacht triumphiert und den Bösen verhaftet. Wie sieht es im US-Remake aus? Man hat nicht das KP-Ende übernommen (das konnte man ja unmöglich tun), aber auch hier durfte der Schurke nicht davonkommen um sein erbärmliches Leben im Erfolg erleiden zu müssen, also muss "Ein Guter" kommen und der Gerechtigkeit in der letzten Szene genüge tun. Damit hat das US-Ende mehr Ähnlichkeit mit dem Ende der chinesischen Politik als mit dem vom Author intendierten. Das sagt mehr über die Regeln der amerikanischen Filmbranche, als man wissen möchte. Das ein US-Remake von Oldboy gelingen könnte war für mich von Anfang an ausgeschlossen. Der Geschichte fehlt das Happy-End und die simple gut/böse Unterscheidung in der das Gute am Ende immer triumphiert. P.S.: Was hat Spike Lee motiviert dieses Remake zu machen? Warum macht man von guten Filmen schlechte Remakes? Um GELD zu verdienen. Der Erfolg des Originals ist kostenlose Werbung für den Film. Warum sonst haben wir es in den letzten Jahren mit sovielen Remakes und Fortsetzungen zu tun gehabt? So simpel ist das.
Das kann unmöglich Ihr Ernst sein. Da wurde einer der intelligentesten und spannendsten Thriller unser Zeit ("Abre los Ojos") zu einer eindimensionalen Beziehungsschmonzette vergewaltigt. Der ist geradezu ein Beispiel dafür, dass man sich nicht an guten Filmen vergehen sollte, schon gar nicht wenn man auch noch vor hat, sie für den Mainstream glatt zu bügeln. Und Spike Lee? Früher hat er mal so schöne Sachen wie 25. Stunde gemacht, aber offensichtlich hat er sein Pulver restlos verschossen. Schade um ihn.
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Oldboy

USA 2013

Regie: Spike Lee

Buch: Mark Protsevich nach einem Manga von Garon Tsuchiya und Nobuaki Minegishi

Darsteller: Josh Brolin, Elizabeth Olsen, Samuel L. Jackson, Michael Imperioli, Sharlto Copley

Produktion: 40 Acres and a Mule Filmworks et al.

Verleih: Universal

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 16 Jahren

Start: 5. Dezember 2013


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