"Nightcrawler"-Regisseur Gilroy "Der Wert menschlichen Lebens geht verloren"

In seinem Thriller "Nightcrawler" spielt Dan Gilroy durch, was passiert, wenn ein junger Mann sich komplett den Anforderungen des Spätkapitalismus unterwirft. Im Interview erklärt er, was das mit den Verhältnissen in den USA zu tun hat.


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    Dan Gilroy, 1959 in Santa Monica geboren, stammt aus einer Künstlerfamilie: Vater Frank D. Gilroy ist TV- und Theaterautor, Bruder Tony Gilroy ("Michael Clayton") dreht erfolgreich Filme. Dan versuchte sich Anfang der Achtziger zusammen mit seinem Bruder Ed zunächst als Musiker in der Popband Breakfast Club und brachte Madonna Gitarre spielen bei. Später schrieb er Drehbücher u.a. für "Freejack", "The Fall" und "Das Bourne-Vermächtnis". "Nightcrawler" ist sein Regiedebüt.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Gilroy, Ihre "Nightcrawler"-Figur Lou Bloom wird mit berühmten Kinosoziopathen wie "Taxi Driver" Travis Bickle verglichen. Wie kommt man auf so eine extreme Figur?

Gilroy: Am Anfang war das Bewusstsein, dass es zurzeit Abermillionen junge Menschen gibt, die wegen des wirtschaftlichen Abschwungs arbeitslos sind und keine Aussicht auf eine längerfristige Beschäftigung haben. Zunächst war Lou Bloom also einfach nur ein verzweifelter junger Arbeitsloser. Dann überlegte ich: Was ist, wenn es kein netter angepasster Kerl ist, sondern ein isolierter, einsamer Außenseiter. Bloom ist smart, er hat sich im Internet selbst ausgebildet und kann seine auswendig gelernten Managersprüche, all sein angelesenes BWL-Wissen sehr eloquent artikulieren, aber das Internet ist eben kein Ort, an dem man lernt, was Gefühle sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind als erfolgreicher Hollywood-Drehbuchautor und Teil eines Künstlerclans wohl eher nicht von Jobverlust bedroht - was ist Ihr persönlicher Bezug zu dem Thema?

Gilroy: Ich habe eine Tochter in dem Alter und weiß, dass sie mit ihren Freunden viel darüber redet, wie groß der Druck ist. Stellen Sie sich vor, Sie wären wieder 20 und müssten jetzt einen Job finden: Viele Türen sind einfach verschlossen, es ist zum Verzweifeln. Und es geht ja nicht nur darum, genug Geld zu verdienen, um sich Essen und Kleidung zu kaufen, es geht ja auch darum, etwas aus seinem Leben zu machen, eine Karriere zu haben. Und je schwieriger das wird, desto mehr werden Leute dazu getrieben, Dinge zu tun, die sie normalerweise nicht tun würden, so wie Lou Bloom in meinem Film.

SPIEGEL ONLINE: Bloom ist ein TV-Freelancer, der über möglichst blutige Verbrechen oder Unfälle berichtet. Bald beginnt er, Tatorte zu manipulieren und schreckt sogar vor Mord nicht zurück, um die Sensationsgier seiner Auftraggeber zu befriedigen.

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Thriller "Nightcrawler": Der Raubtier-Kapitalist
Gilroy: Das Beklemmende ist: Lou glaubt zu keinem Zeitpunkt, dass das, was er da macht, falsch ist. Er hält es auch für absolut akzeptables Benehmen, seine Redakteurin mit geschäftlichen Argumenten zu erpressen und sie so zu einer sexuellen Beziehung zu zwingen. Für ihn ist das ganz normal.

SPIEGEL ONLINE: Bloom wird zu einem erfolgreichen Medienunternehmer. Ist das Kapitalismus in seiner reinsten Form?

Gilroy: Lou Bloom ist der Überkapitalist! Ich sehe ihn als jemanden, der früh in seinem Leben missbraucht oder schlecht behandelt wurde, möglicherweise in einem Waisenhaus aufwuchs, ein vereinsamter, isolierter Typ, der im Internet nach Antworten sucht. Das Streben nach materiellem Gewinn und Aufstieg bietet ihm eine Struktur, die seinen Wahnsinn, seine Verzweiflung lindert. Daher sein Ehrgeiz: Nichts kann ihn aufhalten. Ich stelle mir immer vor, dass Lou Bloom in zehn Jahren Chef eines großen Mediennetzwerks oder TV-Senderverbunds ist.

SPIEGEL ONLINE: Alle Medienmanager sind skrupellose Soziopathen!?

Gilroy: Nein. Aber ich glaube, dass viele Manager, die große Wirtschaftsunternehmen leiten, über dieselben Instinkte verfügen: Dass es Führer von Weltkonzernen gibt, die ihre Entscheidungen völlig losgelöst von den Bedürfnissen ihrer Arbeitnehmer treffen, allein auf ihren persönlichen Profit und Vorteil ausgerichtet. Lou ist eine Figur, die einer Welt ausgesetzt ist, die sich nur noch um Geschäfte dreht. Was bei dieser Rechnung verloren geht, ist der Wert menschlichen Lebens.

SPIEGEL ONLINE: Jake Gyllenhaal, der Bloom im Film darstellt, bezeichnete Bloom als einen Kojoten, der hungrig durch die Stadt streift.

Gilroy: Deswegen ist Bloom ja so erfolgreich: Für ihn, anders als für Sie oder mich, haben zwischenmenschliche Beziehungen, Rücksicht auf andere, Solidarität, all diese humanistischen Überlegungen, keinerlei Wert.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem interessiert man sich für Bloom, versucht sich mit ihm zu identifizieren, hat fast sogar ein bisschen Mitleid.

Gilroy: Ja, Jake kriegt das wirklich toll hin! Es ist, als würde man tatsächlich ein wildes Tier in einer schönen Landschaft beobachten. Aber niemand käme auf die Idee, einen Löwen für amoralisch zu halten, weil er eine Gazelle reißt: Das ist halt das, was Tiere tun. Ich finde, es gibt sehr große Parallelen zwischen dem Kapitalismus in seiner extremsten, ungezügelten Form und einer Naturdokumentation.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Gilroy: Der Stärkste überlebt! Also verurteilt man nicht den mächtigen, reichen Großunternehmer, wenn er einen kleineren Laden aus dem Geschäft drängt. Der Kleinunternehmer bringt sich vielleicht um, weil er seinen Job und seine Existenzgrundlage verliert. Aber hey: That's business! Je mehr Geld in unserer Welt zum einzigen Maßstab wird, desto mehr gleicht unsere Welt einem Dschungel. Bloom hat das verstanden, er macht sich nicht die Mühe, für seine Handlungen eine verlogene moralische Rechtfertigung zu fabrizieren. Der Markt verlangt mehr blutige Action? Dann werden eben Leute umgebracht. Angebot und Nachfrage.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt furchtbar hoffnungslos.

Gilroy: Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein Sozialist, und ich kenne auch kein besseres System als den Kapitalismus, es ist ja auch kaum noch eine Alternative mehr übrig. Das Problem ist nur, dass Kapitalismus, wie jedes System, einem ständigen Evolutionsprozess unterliegt. Und im Moment, wenn ich mir die wachsende Kluft zwischen wenigen Reichen und vielen Armen allein in den USA ansehe, halte ich die aktuelle Entwicklung für besorgniserregend. Das wollte ich mit "Nightcrawler" kommentieren.

Das Interview führte Andreas Borcholte

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insgesamt 2 Beiträge
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static2206 19.11.2014
1. Dieser Film könnte seit langem ein Grund
sein mal wieder ins Kino zu gehen. Es gibt mittlerweile viel zu wenig kritische Filme die mal zum Nachdenken anregen. Nur noch exzessive zur Schau stellen von Kriegsgerätfetisch und Explosionen und Geballer soll ablenken, dass der Film einen Tiefgang einer Pfütze hat.
aufmerksamer_fremder 19.11.2014
2. Tja wenn dieser Mann
wirklich hinter seinen Aussagen steht, dann ist er einer der wenigen Menschen auf diesen Planeten der es endlich kapiert hat, dass absolutes Wachstum keine Möglichkeit ist. (Auto beschleunigt Verbrauch sehr hoch und bei erreichen der Reisegeschwindigkeit Verbrauch klein - mäßig) Sondern unser Untergang.
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