Kino-Trend Sandalenfilm Muskelspiele im Lendenschurz

Lange war der Sandalenfilm so tot wie Julius Cäsar. Inzwischen aber hat Hollywood das Genre neu entdeckt. Filme wie Wolfgang Petersens "Troja" oder Oliver Stones für den Herbst angekündigter "Alexander" versprechen Massenszenen, Ausstattungsexzesse und die Attraktion des muskulösen, entblößten Männerkörpers.

Von Jan Distelmeyer


 Filmszene aus "Spartacus" mit Kirk Douglas (r.): Schauwerte und Körperkraft
Universal Pictures

Filmszene aus "Spartacus" mit Kirk Douglas (r.): Schauwerte und Körperkraft

Noch bevor "Die Passion Christi" in die Kinos kam, hatte Mel Gibsons Jesus-Film bereits seinen Stammplatz im Feuilleton sicher. Daran sollte sich auch nach dem Start nichts ändern. Neben den Leitfragen um Antisemitismus und Gewaltbilder, die sich in Schlagzeilen äußerten wie "Jesus Christ Splatterstar", "Purismus der Grausamkeit" oder "Nicht antijüdisch, nur grauenhaft", zeigte die Rezeption jedoch noch eine dritte Konstante: "Die Passion Christi" wurde als Vertreter des Sandalenfilm-Genres gehandelt.

Insofern ist Mel Gibsons Passionsspiel der mit 25 Millionen Dollar vergleichsweise billige Vorläufer jener Blockbuster, die in den nächsten Wochen und Monaten das Comeback des Sandalenfilms endgültig sichern werden. Den Anfang machte Wolfgang Petersens 185-Millionen-Dollar-Projekt "Troja", im Herbst folgt Oliver Stones auf 150 bis 200 Millionen Dollar Produktionsbudget geschätztes Epos "Alexander", womit Colin Farrell in der Titelrolle sein Alexandria gegründet hat, noch bevor geklärt ist, wann Leonardo DiCaprio in Baz Luhrmanns angekündigtem Konkurrenz-Projekt seinerseits den antiken Feldherren geben wird. Ebenfalls für den Herbst gemeldet ist mit Jalal Merhis "Alexander the Great from Macedonia" ein drittes Alexander-Epos. Nach der Jahreswende geht es dann mit den Kreuzzügen und Orlando Bloom in Ridley Scotts "Kingdom of Heaven" weiter, bevor "Gladiator 2" zurück in die Arena führt.

Was verbirgt sich hinter dem Kino-Phänomen?

Russell Crowe als "Gladiator": Blick für Bizepse und Brustmuskeln
AP

Russell Crowe als "Gladiator": Blick für Bizepse und Brustmuskeln

Tatsächlich scheint sich nun jenes Versprechen zu erfüllen, das der Überraschungserfolg von Ridley Scotts Gladiator 2000/2001 gegeben hatte. Was aber hat die aktuelle Welle von Sandalenfilmen losgetreten? Und was verbirgt sich hinter dem Kino-Phänomen? Das Genre des Sandalenfilms, des Sandalone, des Péplum oder des "sword-and-sandal-pic" ist seit jeher eine eher unscharfe und gern gedehnte Kategorie. Gebraucht wurde sie vor allem in den fünfziger Jahren, als die erfolgreiche Welle opulent ausgestatteter US-Produktionen wie "Quo Vadis" (1952), "Das Gewand" (1953), "Ben Hur" (1959) und "Die Zehn Gebote" (1959) ihr nicht minder einträgliches Spiegelbild in Italien fand: einerseits mit der von Kirk Douglas getragenen italienisch-amerikanischen Koproduktion "Die Fahrten des Odysseus" (1954), vor allem aber mit den zahlreichen Herkules-, Samson- und Ursus-Filmen, in denen muskulöse Stars wie Steve Reeves und Mark Forest Ketten und Rekorde sprengten.

Während die Hollywoodfilme verstärkt biblische Motive nutzten, ging es den italienischen eher um mythische. Und wenn hier also phantastische Elemente mit religiösen zusammenfielen, Christus in "Das Gewand" vom Tode auferstand und Ben Hurs als aussätzig verstoßene Familie wundersam geheilt wurde, waren dort Wunder vergleichsweise profaner Natur. Gern wurde der Halbgott Herkules, wenn er nicht gerade einen havarierten Wagen zwecks Radmontage stemmte, zwischen zwei Elefanten oder Pferdegespanne gebunden, um Steve Reeves den perfekten Anlass für eine wettbewerbsreife Bizepsdemonstration zu bieten. Eigentlich bestand ein Großteil der Freiheit der italienischen Sandalone-Abenteuer auch darin, dass die ganze Welt jederzeit zum Sportgerät werden konnte.

Im Sandalenfilm scheint alles möglich

Filmszene aus "Ben Hur": Sensation, Spektakel, Fortschritt
AP

Filmszene aus "Ben Hur": Sensation, Spektakel, Fortschritt

Überhaupt scheint im Sandalenfilm alles möglich. Als Subgenre mitunter dem Abenteuerfilm zugeordnet, birgt er in sich Raum für etliche Spielformen. Wie eine Art inoffizieller Dachverband beherbergt er Monumentalfilme, biblische Epen, historische Kriegsfilme, Melodramen, so genannte "Antik"-Filme, und nicht zuletzt jene neo-mythologischen Stoffe der Sagenverfilmungen. Er springt durch die Zeiten, ist weder an die Antike noch an das römische Imperium gebunden. So kommt es auch, dass in der aktuellen Sandalenfilm-Begeisterung unterschiedlichste Filme wie "Die Passion Christi", "Troja" und Gerhard Polts Satire "Germanikus" als Teil einer Bewegung verstanden werden können.

Ein Schlüssel zu diesem Genre liegt in seinem Namen. Sandalone, Péplum, sword and sandal - jeder dieser Begriffe bezeichnet Äußerlichkeiten, Accessoires, die direkt dem (männlichen) Körper zugeordnet sind. Péplum, eine Mischung aus Toga und Lendenschurz, rückt als Begriff die knappe Kleidung und damit den kaum verhüllten Körper in den Mittelpunkt. Nomen est omen: Schon der Name des Genres reflektiert die offensive Äußerlichkeit, die besondere Betonung der Schauwerte, die diesen Filmen eigen ist.

Weniger ist langweilig

Zum einen spricht dies von der Opulenz, der aufwändigen Ausstattung und den technischen Leistungen vor allem der Hollywood-Sandalen-Produktionen. Seit Fred Niblos "Ben Hur" von 1924/26, der bereits 15 Minuten in Farbe präsentierte, liegt hier die Messlatte hoch. Allein für das gut achtminütige Wagenrennen dieses teuersten und erfolgreichsten Epos der Stummfilmepoche filmten 42 Kameras rund 12.000 Statisten.

Filmszene aus "Quo Vadis" mit Peter Ustinov (li.) als Nero: Massenszenen, Ausstattungsexzesse
MGM

Filmszene aus "Quo Vadis" mit Peter Ustinov (li.) als Nero: Massenszenen, Ausstattungsexzesse

Zum anderen aber verweist der auf Äußerlichkeit zielende Genrebegriff auch auf die besondere Rolle des Helden. Stärker als in jedem anderen Genre - vom Musical vielleicht abgesehen - ist hier der männliche Protagonist nicht nur Handlungsmotor, sondern auch ganz offen ein Objekt der Schaulust.

Das Péplum lenkt immer wieder den Blick auf stramme Oberschenkel, auf Bizepse und Brustmuskel. Kurz bevor Bodybuilder wie Steve Reeves in Italien als Sandalenfilmhelden Karriere machten, hatte in Hollywood Victor Mature bereits den Idealtypus dieser zum Schauen bestellten Männlichkeit skizziert. Mature scheint gewusst zu haben, dass es bei seinen Rollen weniger aufs Schauspielen als aufs Schaustellen ankam. "Ich bin kein Schauspieler", soll er von sich gesagt haben, "und ich habe 64 Filme, es zu beweisen."

Die neue Konjunktur der Sandalenfilme ist freilich ohne den überraschenden Triumph von Russell Crowe als "Gladiator" nicht vorstellbar. Ridley Scotts Film allein reicht aber nicht aus, eine derart umfassende Filmwelle zu erklären, die auch im Fernsehen - von "Die Apokalypse" (2002) über "Held der Gladiatoren" (2003) bis zu "Imperium: Nero" (2004) - Spuren hinterlässt.

Randale und Sandale - das Leiden der Männer

Zu den vielfältigen Hintergründen der neuen Lust an Randale und Sandale gehören auch aktuelle Fragen nach Körperlichkeit sowie technische Entwicklungen. Männer-Epen, ausgestelltes Kämpfen und auch die Leiden männlicher Körper haben seit dem Ende des vergangenen Jahrzehnts verstärkt Konjunktur. Was in Mel Gibsons Kreuzigungsdrama an detaillierter Marter geschieht und als Massenschlacht in "Troja" weitergeht, ist auch die Fortsetzung der Kriegsfilmwelle von "Saving Private Ryan" bis "Black Hawk Down". Hier wird Körperlichkeit, die explizite Zerstörung von Körpern, durch die notorische Mittendrin-statt-nur-dabei-Kamera bezeugt und hergestellt.

 Brad Pitt als Achilles: "So könnte es gewesen sein"
DDP

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In diesem Sinne ausgestellter Körpererfahrung - gewissermaßen die übertragene "Körperwelten"-Show im Kino - könnte auch die Sandalenfilmwelle Teil der Reaktionen sein, die das Kino auf aktuelle Wahrnehmungen diesseits der Leinwand, etwa im Arbeits-Alltag zeigt. Vielleicht reagiert das Kino hier auf jenes zeitgenössische Pendeln zwischen dem allseits betonten "Verschwinden des Körpers" qua Internet und immaterieller Arbeit auf der einen Seite und der Überpräsenz ausgestellter Idealkörper nicht nur in den neuen Männer- und Frauenmagazinen auf der anderen.

Phantastische Realität

Gleichzeitig aber ist das Comeback des Sandalenfilms auch eine Konsequenz der filmtechnischen Entwicklung. Schon immer hatte der betonte Schauwert des Genres dazu gereizt, technische Neuerungen auszuprobieren; auch heute profitiert es insofern vom Fortschritt, als die wachsenden Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung eigentlich unbezahlbare Kulissen und Massenaufläufe möglich machen. Was "Gladiator" der prall gefüllte Circus Maximus war, ist "Troja" nun eine Flotte von gut 1.000 Kriegsschiffen, die, wie stolz berichtet wird, aus fünf realen Nachbauten digital generiert wurden.

Fraglich bleibt dabei, ob diese virtuelle Politik jene Stofflichkeit wird herstellen können, die das Genre so stark gemacht hatte. Noch die wackligste Kulisse eines billigen Ursus-Films verlieh den Abenteuern jene phantastische Realität, die nicht zwingend auf millionenschwere Bauten angewiesen ist. Zum Schauen gehört auch ein Fühlen - dass die Grenzen und Ketten spürbar werden, bevor der Sandalenheld sie sprengen wird.



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