Ulrich Tukur in "Houston" Das Herz ist ein einsamer Headhunter

So analytisch scharf und smart wie "Houston" von Bastian Günther ist deutsches Kino selten. Die Studie eines Headhunters, der sich in der texanischen Business-Welt verliert, kann sich zudem auf einen glänzenden Ulrich Tukur verlassen.


Clemens Trunschka (Ulrich Tukur) lebt hinter Glas. Hinter den Scheiben seines Autos, in dem er von Termin zu Termin fährt, in dem er einschläft, wenn er zu viel getrunken hat. Hinter den Fenstern der Hotels, die er nur verlässt, um seinen Auftrag zu erfüllen: Erst wird der Headhunter nach Frankfurt geschickt, um während einer Messe den Geschäftsführer eines US-amerikanischen Ölkonzerns abzuwerben. Nachdem Trunschka abends im Messehotel so viel trinkt, dass er die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme mit dem CEO verschläft, schicken seine Auftraggeber ihn nach Houston. Dort ragen die Glasfassaden der Hotels bis in den Himmel. Die Gläser mit Hochprozentigem scheinen derweil in Trunschkas Hand festgewachsen zu sein, man sieht sie oft nicht, hört aber das Eis im Drink klirren.

Bastian Günthers Film "Houston" erzählt von der Abwärtsspirale eines Mannes, der den Kontakt zur Außenwelt genauso verliert, wie schon vor langem die Verbindung zu sich selbst. Zwar zieht er sämtliche Headhunter-Tricks aus der Kiste, die bei einer modernen, skrupellosen Geldjagd üblich sind: Er legt beim Telefongespräch mit der Sekretärin des CEOs eine Flughafen-Atmo-CD in den Auto-CD-Player, um die Dringlichkeit seines angeblichen Anliegens ("Sitze hier mit unseren baltischen Geschäftspartnern kurz vor der Vertragsunterzeichnung") akustisch zu verstärken. Er besticht einen Lieferanten des Ölkonzerns, der für ihn eine Abhörsoftware in einen Computer des Gebäudes schmuggeln soll. Er lauert dem Geschäftsführer gar beim Golf im exklusivsten Club der Stadt auf. Währenddessen wartet seine Ehefrau in Deutschland vergeblich auf eine wichtige Unterschrift von ihm, damit ihr Kind Förderunterricht bekommen kann.

Bedroht im einsamen Trinkerdasein

Fotostrecke

9  Bilder
Kino-Highlight "Houston": Jagen und gejagt werden
Während die Glaswand zwischen Trunschka und dem Leben immer dicker wird, scheitern auch sämtliche Versuche, seine Zielperson zu sprechen. Man stellt ihn nicht durch, man luchst ihm das Schmiergeld ab, und in den Golfclub kommt er im entscheidenden Moment zu spät: Er jagt ein Phantom, das nicht zu kriegen ist.

An seinem ersten Abend in Houston hat Trunschka den Geschäftsreisenden Robert Wagner (Garret Dillahunt) kennengelernt, geschwätzig, aufdringlich, offensichtlich einsam, und trifft ihn hernach - zufällig? - überall wieder. Trunschka ist genervt, kann die unaufhörlich fließenden Worthülsen seines neuen Bekannten kaum ertragen, fühlt sich in seinem stummen, versteckten Trinkerdasein bedroht. Doch es ist Wagner, der ihm den Zugang zu dem Golfclub verschaffte - hey, ich bin Mitglied! -, der ihn vertraulich "Clem" nennt, ihn mit in Stripclubs schleppt, der ihm sogar verrät, dass der CEO eine heimliche Geliebte in einem Vorort hat. Trunschka, der seine Felle davonschwimmen sieht, weil er keine Resultate bringen kann, observiert den CEO, macht Fotos von der Freundin und geht auf Wagners Vorschlag ein, diese dazu zu benutzen, um den Geschäftsführer endlich doch zu einem Treffen zu zwingen. Ein paar Stunden später klingelt sein Handy.

Bastian Günther, der schon in seinem Abschluss-Kurzfilm "Ende einer Strecke" und in dem darauffolgenden ersten Langfilm "Autopiloten" Themen wie Isolation und Entfremdung mit dem Symbol des Autofahrens, des abgeschotteten Bewegens durch die Umwelt verband, zeichnet seinen Protagonisten in "Houston" als einen verzweifelten Wanderer zwischen Wahn und (Arbeits-)Realität. Und Ulrich Tukur spielt diesen kaputten, verschlossenen Mann, dessen Gesicht man nur zweimal entspannt sieht - bei einem Pingpongmatch mit seinem Sohn, ein rarer Moment der scheinbaren Normalität, und später beim betrunkenen Gestikulieren, das Günther konsequent als tonlose Beobachtung von draußen durch das Fenster drehen ließ - mit einer beeindruckenden körperlichen Wucht und Sicherheit.

Großartig, trostlos

Mit Hilfe von Michael Kotschis außergewöhnlicher Kamera, die in einer Fahrt elegant einen Achsensprung einzubauen vermag, inszeniert Günther mutig das Surreale. Mit Trunschkas zunehmender Verwirrung werden auch die Bilder unschärfer, visuell befremdliche Elemente häufen sich, um das Unbehagen beim Schauen leise zu vergrößern - etwa die Ähnlichkeit einer Einstellung des besoffen in der Badewanne eingeschlafenen Trunschkas mit dem Bild des toten Uwe Barschel.

Ohne verkopft zu werden, spielt Günther damit, die Dramaturgie langsam zu verdrehen, den Handlungssträngen immer mehr Eigenleben zuzugestehen, bis hin zu einer David-Lynch-artigen Szene von einer gespenstisch-labyrinthischen Fahrt über einen nächtlichen Parkplatz. Die hervorragende Musik von Michael Rother, Urmitglied der Krautrockband "Neu!", verleiht den Fahrbildern zudem etwas Hypnotisches, das die Trance, in der sich Trunschka im Verlauf der Geschichte verliert, noch tiefer macht.

"Houston" ist ein großartiger, trostloser Film. Irgendwann gegen Ende sieht Trunschka seinen Schäferhund, den er im Eigenheim in Deutschland zurückließ, plötzlich in seinem Hotelzimmer in Houston, vielleicht statt der obligatorischen weißen Maus. Da sitzt die Glasglocke über Trunschka schon zu fest. Er kommt nicht mehr heraus.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hermes69 05.12.2013
1. Einer der wenigen großen Charakterdarsteller
die wir in diesem Land haben. Großartiger Schauspieler. Hebt sich sehr von der Masse der anderen, Möchtegern Stars ab.
EW86 05.12.2013
2. @hermes69
Dem ist nichts hinzuzufügen! Schön wäre auch mal wieder ein Wiesbadener Tatort :-)
haltetdendieb 05.12.2013
3. Wiesbadener Tatort kommt bald!
Tukur ist ein Phänomen! Seine Tatorte waren obergenial, wie auch seine Darstellung des Rommel. Ich werde mir "Houston" auf jeden fall angucken.
lukretia 05.12.2013
4. Tatort Wiesbaden
kommt am kommenden Sonntag!!
marcosengl 05.12.2013
5. Nicht schon wieder !
So interessant die Kritiken oft sind . Weshalb muss das Ende vorweggenommen werden ?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.